Ursache und Behandlung

Karpaltunnelsyndrom: Wenn die Hand ständig einschläft

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Beim Karpaltunnelsyndrom schlafen Betroffenen die Hände ständig ein.

Ein immer wiederkehrendes Kribbeln in den Händen kann ein Anzeichen für ein Karpaltunnelsyndrom sein. Wer seine eingeschlafenen Hände ignoriert, riskiert dauerhafte Schäden. Die tz sprach mit einem Experten über die Ursache und Behandlungsmöglichkeiten.

Es beginnt mit einem Kribbeln, so als ob Ameisen die Finger entlanglaufen würden. Viele Betroffene wachen nachts davon auf, dass ihre Hände eingeschlafen sind. Das unangenehme Taubheitsgefühl vergeht wieder, wenn die Hände geschüttelt und bewegt werden. Dennoch handelt es sich dabei um ernste Warnzeichen: Dem Medianusnerv wird es im Handgelenk zu eng. Der Nerv, der den Daumen, den Zeige- und einen Teil des Mittelfingers steuert, verläuft mit Sehnen und Blutgefäßen durch den sogenannten Karpaltunnel, ein enger Raum zwischen den Handwurzelknochen, der von oben durch das Karpalband aus festem Bindegewebe begrenzt wird. Wer sich nicht rechtzeitig um eine Schonung und Regenerierung des Nervens kümmert, riskiert dauerhafte Schäden, die dann auch durch eine Operation nicht mehr komplett geheilt werden können. Die tz sprach mit Dr. Meinhard Balensiefen. Der Orthopäde hat sich auf die Behandlung des Karpaltunnelsyndroms spezialisiert.

Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um das Karpaltunnelsyndrom

Warum sind fast immer beide Hände betroffen?

Dr. Meinhard Balensiefen: Weil man beide Hände fast gleich beansprucht, oder wenn man eine Hand schont – was man oft unbewusst macht – verlagert man Tätigkeiten in die andere Hand, sodass diese stärker beansprucht wird. Beim Rechtshänder ist die linke Hand fürs Halten zuständig und einer größeren Belastung ausgesetzt. Die rech­te Hand ist eher für die Feinmotorik zuständig.

Viele Menschen warten sehr lange ab, bis sie zu einem Arzt gehen. Sie warnen davor, Schmerzen zu ignorieren. Warum?

Balensiefen: Leider sind viele Betroffene sehr duldungsfähig. Sie kommen erst, wenn ihnen eine teure Vase aus der Hand gefallen ist, sie die Haustür nicht mehr aufschließen können, weil ihnen die Kraft fehlt, oder die ständigen Schmerzen unerträglich werden. Die meisten denken dann, wenn sie sich jetzt operieren lassen und der Tunnel wieder frei ist, wird alles wieder gut. Aber das stimmt leider nicht immer. Ein geschädigter Nerv regeneriert sich nur sehr langsam. Das liegt an der Myelinschicht, einer Fettschicht. Wenn sich diese Schicht zu einem gewissen Teil durch Überbelastung oder Entzündung abgebaut hat, funktioniert die Nervenleitung nicht mehr richtig. Diese Schicht kann sich nur zu einem gewissen Grad wieder erholen, bei einer zu starken Schädigung bleibt sie auf Dauer gewissermaßen „zu dünn“ für eine gute Nervenleitfähigkeit.

Man sollte also Warnsignale ernst nehmen und gleich behandeln lassen?

Balensiefen: Ja, dann kann man eine Operation sehr oft vermeiden. Es gibt viele gute konservative Behandlungsmöglichkeiten wie z. B. Ergotherapie, das Anpassen einer Schiene, die vor allem nachts getragen wird, und Behandlungen mit Kortisonspritzen, wenn es z.B. zu einer Entzündung im Karpaltunnel gekommen ist.

Oft bekommen Schwangere Probleme, weil sich im Körper mehr Wasser einlagert und auch dadurch der Karpaltunnel enger wird. 

Balensiefen: Meistens sind die Beschwerden nach der Schwangerschaft wieder weg. Ich lasse stets die Leitgeschwindigkeit des Nervens messen, während der Schwangerschaft und noch einmal einige Monate nach der Geburt. Dann kann man sehen, ob sich der Zustand des Nervs verbessert oder verschlechtert hat. Man darf nicht vergessen: Das Versorgen eines Babys ist Schwerarbeit für die Hände.

Die Messung der Leitgeschwindigkeit ist ausschlaggebend?

Balensiefen: Diese Messung ist nach den Leitlinien jeder Operation vorgeschaltet. Wenn sich dabei zeigt, dass keine durchgängige Nervenfunktion mehr vorliegt, bedeutet das, dass der Nerv stark geschädigt ist. Dann sollte man nicht länger als sechs bis acht Wochen mit der Operation warten. Je länger man wartet, desto länger braucht der Nerv, um sich zu regenerieren, und manchmal kann man gewisse Funktionen nicht mehr herstellen. Manche Menschen haben eine Einengung auch durch eine knöchernde Veränderung im Handgelenk, z. B. einen früheren Bruch, oder weil sie Rheuma haben. Dann ist es klar, dass diese Ursachen bei oder nach der OP mitbehandelt werden müssen.

Was wird bei der OP gemacht?

Balensiefen: Zunächst wird das Karpalband, das für den Nerv und die Sehnen das Tunneldach bildet, durchtrennt. Manchmal ist das Band so dick, dass ein Keil herausgeschnitten werden muss, damit es nicht gleich wieder zusammenwächst und vernarbt. Der Nerv wird nach Veränderungen untersucht und leicht in seinem Bett gelockert. Ein Seitenast dieses Nervs, der nur den Daumen versorgt und für dessen Motorik zuständig ist, ist manchmal besonders stark eingeengt. Dieser Medianusast muss teilweise gesondert befreit werden. Das ist nicht einfach, denn der Medianusast verläuft immer ein bisschen anders: Mal zweigt er tief unten im Karpaltunnel ab, mal geht er erst oberhalb des Bändchens ab. Das macht den Eingriff immer kompliziert.

Der Eingriff erfolgt ambulant, wie geht es dann weiter? In  Internet-Foren klagen Betroffene über anhaltende Schmerzen!

Balensiefen: Die normalen OP-Schmerzen sollten nach ein paar Tagen vergehen. Wenn es nicht besser wird, ist es möglich, dass der Nerv so stark geschädigt war, dass er die früheren Schmerzen weiter vermittelt. Eventuell ist bei der OP ein Nerv verletzt worden. Oder möglicherweise wurden die Schmerzen nicht nur vom Karpaltunnelsyndrom verursacht, sondern haben noch einen anderen Ursprung. Wenn diese Punkte ausgeschlossen sind, kann ich nur zu Geduld und zu Bewegungsübungen raten: Es kann bis zu einem halben oder sogar bis zu einem Jahr dauern, bis sich Schmerzen und Missempfindungen bessern. Die Operation hat vielleicht einen Anteil von 70 bis 80 Prozent an der Genesung, den Rest muss sich der Patient hinterher mithilfe des Arztes oder einer speziellen Ergotherapie erarbeiten.

Dr. Meinhard Balensiefen ist Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin im Orthopädiezentrum München Ost. www.oz-mo.de

Entscheidung: offene OP oder Endoskopie?

Etwa jeder fünfte Patient mit einem zu engen Karpaltunnel im Handgelenk muss sich operieren lassen und steht vor der Frage, welchem Arzt mit welcher Technik er sich anvertrauen soll. Die Region, die operiert werden muss, liegt direkt unter der Haut am Handgelenk, dennoch hat man die Wahl zwischen einer offenen oder einer endoskopischen Operation, wo kein offener Schnitt gemacht, sondern durch zwei kleine Schnitte innerhalb des Handgelenks gearbeitet wird. Generell gilt: Ärzte, die mit der Schlüssellochtechnologie arbeiten, müssen sehr erfahren sein. Denn mit jeder Operation lernen sie dazu, und ihre Ergebnisse werden immer besser. In Studien zum Karpaltunnelsyndrom haben beide Techniken ungefähr gleich abgeschnitten. Dr. Balensiefen hat früher auch das Karpaltunnelsyndrom sehr häufig mit der minimalinvasiven Technik operiert, ist aber jetzt wieder zur offenen Methode übergegangen. Der Hauptgrund ist die bessere Sichtbarkeit des betroffenen Bereichs: knöchernde Veränderungen im Handgelenk, wie z. B. ein Überbein oder Veränderungen an den Sehnenscheiden, können gleich mit­operiert werden. Das Karpalband, das machmal sehr stark sein kann, wird wirklich immer komplett durchtrennt. Und der empfindliche aber für die Handfunktion besonders wichtige Seitenast des Medianusnervs kann sorgfältig befreit werden. Balensiefen: „Die Betroffenen müssen sich nicht unbedingt mit der Technik befassen. Sie sollten sich jedoch vom Arzt in ihren Leiden ernst genommen fühlen. Ich rate dringend auch dazu, nach alternativen Strategien zu fragen, vor und nach der Operation.“

Karpaltunnelsyndrom: Eine Krankheit der Frauen

Fachleute schätzen, dass etwa drei von 100 Bundesbürgern an einem Karpaltunnelsyndrom leiden. Die meisten Betroffenen sind zwischen 40 und 70 Jahre alt, Frauen erkranken deutlich häufiger als Männer. Aber auch Menschen, die mit den Händen schwere Arbeiten verrichten müssen, und Sportler wie Eishockeyspieler oder beispielsweise auch Tennisspieler leiden deutlich häufiger unter einer Verengung des Karpaltunnels. Mit 120 000 Eingriffen pro Jahr ist die Karpal­tunnel-OP eine der häu­figsten Operationen in Deutschland.

Bei dem ambulanten Eingriff wird das Gewebeband, das den Karpaltunnel nach oben begrenzt, durchtrennt. Der Medianusnerv wird in seinem Bett gelockert, ein Seitenast des Nervs, der den Daumen versorgt, muss manchmal extra befreit werden. Veränderungen an Knochen und Sehnen werden behandelt.

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