Operationserfolg

So klappte die Glied-Transplantation

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Der männliche Penis ist ein sehr kompliziertes Organ und künstlich nicht zu ersetzen.

Bei diesem Thema, liebe Leserinnen, sind wir vermutlich unter uns: Männer zucken nur schmerzlich zusammen, wenn sie etwas über eine Glied-Amputation oder Rekonstruktion lesen sollen oder darüber, dass zum ersten Mal ein Glied transplantiert wurde.

Was das starke Geschlecht nicht hören will: Auch in Deutschland verlieren in jedem Jahr einige Männer ihr bestes Stück – nach einer Krankheit, als Folge von Entzündungen oder Komplikationen nach einer Operation oder einer Beschneidung. Weil zwar jeder Fall für sich sehr tragisch ist, es aber doch nur wenige Patienten gibt, haben sich auf die Behandlung hierzulande nur wenige Ärzte spezialisiert. In Südafrika gibt es aufgrund altertümlicher Initiationsriten jedes Jahr Dutzende Betroffene. Dort in Stellenbosch bei Kapstadt ist es nun gelungen, einem jungen Mann, dessen Glied nach einer fehlgeschlagenen Beschneidung nur noch fünf Millimeter lang war, wieder zur vollen Männlichkeit zu verhelfen. Wir sprachen mit dem plastischen Chirurg und Experten für Mikrochirurgie, Professor Frank Graewe, der in München eine Praxis hat, aber hauptberuflich an der Stellenbosch-Universität in Südafrika lehrt und dort am Tygerberg Hospital arbeitet. Er war Teil des Operationsteams.

Ihr Patient ist erst 21 Jahre alt und hatte vor drei Jahren sein Glied verloren, als sich dieser nach einer misslungenen Beschneidung entzündet hat. Wie geht es ihm heute?

Prof. Dr. Frank Graewe: Es geht ihm sensationell gut. Wir sind alle erstaunt, dass er überhaupt keine Probleme hat, sein neues Glied zu akzeptieren. Er ist absolut glücklich mit dem Ergebnis. Die Operation fand Anfang Dezember statt, schon fünf Wochen später wurde er entlassen und seitdem hat er mit seiner Freundin Geschlechtsverkehr. Niemand von uns Ärzten hat gedacht, dass die Funktion des Organs so schnell komplett hergestellt sein würde.

Wie haben Sie sich auf so eine bahnbrechende Operation vorbereitet?

Professor Frank Graewe.

Graewe: Wir haben eigentlich nicht gedacht, dass das so viel Aufsehen erregen würde. Die Transplantationsmedizin macht gerade Riesenfortschritte, seit in den 50er-Jahren die erste Niere und in den 60er-Jahren in Südafrika das erste Herz verpflanzt wurden. Es werden Gesichter, Arme und sogar Gebärmütter transplantiert. Wir haben nur nach einem Weg gesucht, den jungen Männern in unserem Land zu helfen. Denn eine Rekonstruktion des Glieds, wie wir sie regelmäßig machen, ist immer nur eine Notlösung. Auf die Transplantations-Idee kam vor fünf Jahren mein Kollege im Uni-Krankenhaus von Stellenbosch, der Urologie-Professor André van der Merwe. Der Eingriff fand im Rahmen einer registrierten wissenschaftlichen Studie statt. Professor van der Merwe fragte mich vor drei Jahren, ob ich mich an seinem Projekt beteiligen möchte und er hat insgesamt zehn Studienteilnehmer ausgesucht, die im Rahmen dieser Studie operiert werden sollen.. Ich bin ein erfahrener Mikrochirurg, gemeinsam haben wir zur Vorbereitung an Leichen die Anatomie studiert, welche Arterien, Venen und Nerven das Glied versorgen und wie alles im Detail beschaffen ist. Letztlich geht es darum, alle wichtigen und notwendigen Strukturen zu identifizieren, sorgfältig zu präparieren und das Spenderorgan mit dem Empfänger zu verbinden.

Was war das größte Problem bei dem Eingriff?

Geschafft: Das Operations­team direkt nach dem Eingriff.

Graewe: Zunächst war es unglaublich schwierig, ein Spenderorgan zu bekommen. Für Angehörige war schlicht nicht vorstellbar, ihren jungen Verstorbenen ohne Glied zu bestatten. Nach zwei Jahren kamen wir auf die Idee, eine Rekonstruktion für den Toten anzubieten. Das war der Durchbruch und eine Familie erklärte sich zur Organspende bereit. Das Operationsteam bestand aus Urologen und plastischen Chirurgen. Wir haben das Glied des Verstorbenen, die Blutgefäße und Nerven sehr sorgfältig freigelegt, bevor wir das Organ abgetrennt haben. Es wurde in einer speziellen Flüssigkeit gelagert, während der Empfänger auf die OP vorbereitet wurde. Während es mir gelang, die nötigen Nervenbahnen zu finden und zu identifizieren, war es nicht möglich, die zutreffenden Blutgefäße des Empfänger-Glieds zu verwenden, sie waren durch die Infektion komplett zerstört worden. Wir mussten daher aus Blutgefäßen im Bauchraum kleine Abzweigungen konstruieren, die wir zum Pere­nium, zur Region des Glieds, gelegt haben. Ich habe die Arterien mit einem Durchmesser von einem Millimeter an die Glied-Arterien angenäht, die Venen hatten einen Durchmesser von 1,5 bis zwei Millimeter. Danach wurden die wichtigen Nervenbahnen miteinander verbunden. Auch der aus drei Teilen bestehende Schwellkörper musste vernäht werden, die äußere festere Gewebeschicht, die Tunica, wurde angenäht, und natürlich musste auch die Harnröhre verbunden und schließlich das gesamte Glied angenäht werden. Die Operation war eine tolle Teamarbeit und dauerte neun Stunden. Dafür sind Chirurgen nötig, die in stundenlanger Arbeit mit Hilfe von Mikroskopen alle Gewebestrukturen voneinander trennen und in geduldiger Arbeit die zusammengehörigen Teile sehr fein miteinander verbinden. Da viele verschiedene Gewebearten transplantiert wurden, ist die Gefahr der Abstoßung groß und die Aufgabe der Immununterdrückung sehr wichtig. Das hat ein spezialisierter Arzt aus unserem Team sehr erfolgreich eingestellt.

Statistik

Die Zirkumzision, die operative Entfernung der Vorhaut, ist zweifellos die häufigste Operation an männlichen Kindern in Deutschland. Nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie müssen etwa 400 Buben jedes Jahr wegen Komplikationen stationär im Krankenhaus behandelt werden, meistens werden sie erneut operiert.

Der Experte

Prof. Frank Graewe ist in Rheinland-Pfalz aufgewachsen und hat in Südafrika, Paris, den USA und in München studiert und gearbeitet. In München hat er noch eine Praxis für Plastische Chirurgie.

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