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Knie-Experte erklärt neues Hightech-Implantat

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Nach intensiver Forschung ist nun eine neue Knieprothese auf dem Vormarsch. Sie hat große Vorteile für die rund 180 000 Deutschen, die sich jährlich am Knie operieren lassen. © fkn

München - Professor Dr. Thomas Kalteis von der Sendlinger OCM-Klinik zählt zu den Pionieren beim Einsatz des Hightech-Knies in Deutschland. Der Experte erklärt, was Patienten darüber wissen müssen.

Neue Knie sind beliebt in Deutschland. Rund 180 000 werden jedes Jahr eingebaut, nur Hüften noch öfter ausgetauscht (etwa 210 000). Die heute verwendete Gelenkersatz-Technik gibt es zwar schon seit den 1980er Jahren und ist seitdem stetig verfeinert worden. Aber nach wie vor klagen bis zu 20 Prozent der Operierten über Beschwerden. Sie fühlen sich wackelig auf ihrem „runderneuerten“ Bein oder können es nicht weit genug beugen – beispielsweise, wenn sie eine Treppe hinuntergehen. Dazu kommt in vielen Fällen eine Art Fremdkörper-Gefühl. Jetzt soll eine neue Generation von Knie-Endoprothesen den Patienten mehr Lebensqualität verschaffen. Der Gelenk-Spezialist Professor Dr. Thomas Kalteis von der Sendlinger OCM-Klinik zählt zu den Pionieren beim Einsatz des Hightech-Knies in Deutschland. Gegenüber der tz erklärt der Experte, was Patienten darüber wissen müssen.

Der Hersteller: Das Knie-System heißt Attune und stammt aus den Labors der Firma DePuy, die zum weltgrößten Gesundheitskonzern Johnson & Johnson gehört. Der US-amerikanische Riese hat stolze 250 Millionen Dollar in die Forschung und Entwicklung gepumpt, erhofft sich dadurch allerdings auch lukrative Einnahmen: Der weltweite Umsatz für Gelenk­ersatz aller Art belief sich im vergangenen Jahr laut Wikipedia auf 43 Milliarden Dollar – und der Marktanteil von Knie-Endoprothesen lag bei 49 Prozent!

Das Prinzip: Viele Laien glauben irrtümlich, dass bei einer Knie-Endoprothese das ganze natürliche Gelenk entfernt werden muss. Tatsächlich aber trägt der Operateur lediglich die Gelenkoberflächen ab und überkront sie praktisch mit Metallteilen. „In der Fachsprache nennt man das Oberflächenersatz“, erklärt Professor Kalteis. Wenn alle Gelenkflächen versorgt werden, spricht man auch von einem sogenannten Doppelschlitten. Ist nur eine Fläche betroffen, ist von einem Teilschlitten die Rede. Die Operations-Technik (siehe Kasten links) bleibt auch mit dem neuen Implantat dieselbe.

Die Innovation: Herkömmliche Knie-Endoprothesen haben momentan noch ein Problem. Der Patient muss einen von zwei technischen Nachteilen in Kauf nehmen, eine klassische Entweder-Oder-Entscheidung treffen: Entweder, er möchte das Bein so weit wie möglich beugen können – dann bekommt er ein Implantat mit etwas mehr Spielraum in der Führung. Der Preis für diese bessere Beweglichkeit: ein gewisses Maß an Instabilität – es kann passieren, dass sich der Betroffene manchmal etwas wackelig auf den Beinen fühlt. Wenn der Patient dies vermeiden möchte, erhält er sozusagen ein strammer geführtes künstliches Gelenk. Dann hat er allerdings auch weniger Bewegungsspielraum im Bein.

„Das neue System löst dieses Problem. Es ermöglicht den Patienten nun, ihr Knie wieder weit zu beugen und gewährleistet dennoch die notwendige Stabilität“, berichtet Professor Kalteis. Der Fortschritt ist das Ergebnis achtjähriger Forschungsarbeit an dem Implantat. „Der Radius der Krümmungen wurde verändert, die Gleitfläche zur Kniescheibe wesentlich verbessert. Darüber hinaus gibt es sehr viel mehr Größen als bislang zur Auswahl, so dass wir für jeden Patienten ein sozusagen maßgeschneidertes Modell aussuchen können.“

Die Qualität: In vornehmlich amerikanischen Kliniken verwenden die an der Entwicklung beteiligten Ärzte das neue Hightech-Knie bereits seit zwei Jahren, mehr als 16 000 Stück wurden inzwischen implantiert. In der Sendlinger OCM-Klinik haben Professor Kalteis und seine Kollegen seit Februar bereits über 200 eingesetzt. Das erste Fazit: „Funktion und Bewegungskomfort sind im Vergleich mit den herkömmlichen Endoprothesen verbessert. Die allermeisten Patienten sagen uns, dass sie sehr gut damit zurechtkommen“, so Professor Kalteis. Berichte von anderen Ärzten des internationalen Entwicklerteams untermauern seine Einschätzung.

Die Lebensdauer: Dazu kann es bislang logischerweise noch keine aussagekräftigen Untersuchungen geben. „Zwar ist das neue Implantat in zahlreichen Simulator- und Laborstudien intensivst getestet worden“, erläutert Professor Kalteis, „aber genaue Studien zur Belastbarkeit und Lebensdauer – in der Fachsprache Standzeit genannt – werden wir erst in zehn bis 20 Jahren vorlegen können.“

Wie die Operation abläuft

Bei der etwa 60- bis 90-minütigen Operation setzt Professor Kalteis auf eine Art spezielles Computer-Navi. Es liefert mit Hilfe von Infrarotkameras zusätzliche Messwerte. So kann der Arzt das Implantat auf den Gelenkflächen exakt positionieren. Die genaue Länge des Hautschnitts (und der späteren Narbe) richtet sich auch nach dem Körperbau.

Der Patient darf sein operiertes Bein schon wenige Stunden nach dem Eingriff wieder maßvoll belasten – mit Hilfe von Unterarm-Gehstützen. Er bleibt in der Regel etwa eine Woche im Krankenhaus, dann muss er zur Reha – ambulant oder in einer Klinik. Nach etwa vier bis sechs Wochen sind die Gehstützen nicht mehr erforderlich.

Auch Karin Kirchner (52) hat die OP gut überstanden. Die Steuerfachgehilfin aus Bogenhausen gehörte zu den ersten Patienten in Bayern, die vor wenigen Wochen das neue Hightech-Knie eingesetzt bekamen. Sie hatte aufgrund eines Sportunfalls vor 30 Jahren starke Arthrose, die Knochen von Unter- und Oberschenkel rieben direkt aufeinander. „Die Schmerzen waren unerträglich. Ich konnte kaum noch gehen, mehr als 500 Meter habe ich nicht mehr geschafft“, berichtet Karin Kirchner. Deshalb entschloss sie sich in vergleichsweise jungem Alter zur OP – wie sich herausstellte, für sie genau die richtige Entscheidung: „Jetzt kann ich schon wieder Autofahren, längere Spaziergänge machen und sogar problemlos Treppen steigen. Ich habe meine Lebensqualität wieder zurück.“

Andreas Beez

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