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Kombi-Pille fürs Herz: Vor- und Nachteile

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Kombi-Pille
Alternative für ­Patienten, die viele ­Tabletten schlucken müssen: eine Kombi-Pille © dpa

München - Die Kombi-Pille ersetzt für Herzpatienten mehrere Tabletten auf einmal. In der tz erklären Top-Ärzte die Vor- und Nachteile der sogenannten Polypille und, welche Patienten davon profitieren.

Dieser nervige Pillenalltag: Viele Herzpatienten greifen öfter zum Tablettenschachterl als zum Portemonnaie. Sie müssen mehrmals täglich verschiedene Medikamente schlucken, um sich vor einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu schützen. Ihnen soll die sogenannte Polypille helfen: eine einzige Tablette, in der alle wichtigen Arzneistoffe enthalten sind. Über die neueste Generation dieser Kombi-Pillen beraten Top-Ärzte von Donnerstag an in Münster. Dort trifft sich die renommierte Expertenvereinigung Deutsche Hochdruckliga (DHL) zu ihrem 37. wissenschaftlichen Kongress. Die tz  erklärt, was Patienten über die Kombi-Pille wissen sollten:

Warum gibt es die Polypille überhaupt? 

Jedes Jahr erleiden in Deutschland rund 280.000 Menschen eine Herzinfarkt und ungefähr ebensoviele einen Schlaganfall. „Wir schätzen, dass in Europa etwa neun Prozent aller Schlaganfälle und Herzinfarkte durch falsch oder zu selten eingenommene Medikamente verursacht weden“, berichtet Professor Peter Baumgart. „Für Deutschland bedeutet das: 50.000 Patienten trifft es, weil sie ihre Medikamente nicht therapiegerecht einnehmen.“

Deshalb haben englische Ärzte bereits vor zehn Jahren die Idee geboren, eine Kombi-Pille mit den wichtigsten Mitteln zum Schutz von Herz und Gefäßen zu entwickeln. Das Ziel: Der Patient schluckt nur eine einzige pro Tag – und verringert so das Risiko, im Alltag immer mal wieder die Einnahme zu vergessen.

Gegen welche Grund­erkrankungen soll die Polypille helfen?

Häufige Ursachen für Infarkte und Schlaganfälle sind zu hoher Blutdruck und erhöhte Cholesterinwerte – mehr darüber lesen Sie in der tz-Sprechstunde unten. Ein weiterer Risikofaktor sind Durchblutungsstörungen aufgrund von Arteriosklerose. Die in der Kombi-Pille enthaltenen Arzneien sollen alle drei Grunderkrankungen bekämpfen.

Welche einzelnen Medikamente stecken in der Polypille?

Bislang haben sich vor allem „Rezepturen“ durchgesetzt, die zwei oder drei blutdrucksenkende Substanzen beinhalten: in der Regel ein ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker (Sartane), ein Kal­ziumantagonist und ein Diuretikum (Wassertablette). „Neu sind Polypillen, die zusätzlich zu den Blutdrucksenkern fettsenkende und gefäßschützende Medikamente enthalten“, erklärt Dr. Siegfried Eckert von der DHL. Also Statine (siehe Beitrag unten rechts) sowie etwa Aspirin.

Die Nachteile der Polypille: 

„Sie kommt nicht gerade unseren Bemühungen entgegen, jeden Patienten individuell und zielgerichtet zu behandeln“, analysiert der Münchner Internist und tz-Experte Dr. Peter Bosiljanoff. Oder anders ausgedrückt: „Nicht für jeden ist dieselbe Fixkombi an Wirkstoffen die optimale Therapie. Ich schätze, dass die Polypille hierzulande nur für ein Drittel der Patienten infrage kommt.“

Dieses Problem kennt auch die Pharma-Industrie. Sie forscht deshalb bereits an Konzepten, die eine individuelle Dosierung der Wirkstoffe in der Polypille ermöglichen.

Die Vorteile der Polypille: 

Je weniger Medikamente ein Patient nehmen muss, desto genauer hält er sich an die verordnete Therapie – das haben Untersuchungen belegt. „Die Kombination mehrerer Substanzen in einer Tablette kann also das Risiko für Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen, schwere Folgeschäden zu erleiden, deutlich reduzieren“, betont Dr. Eckert. „Die Pille wäre vor allem für viele Patienten in den Entwicklungsländern ein echter Fortschritt – zumal sie relativ billig herzustellen ist“, so Dr. Bosiljanoff.

Andreas Beez

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