Krankenkassen bieten kostenfreie Schulungen

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Richtig pflegen will gelernt sein.

Fast genau zwei Jahre ist es nun her, dass Erwin H. einen Schlaganfall hatte. Es war ein kurzer Moment, direkt vor der Haustür – der alles änderte.

Seit dem Tag im Juli ist der 74-Jährige pflegebedürftig. Liebevoll kümmert sich seine Frau Ilse rund um die Uhr um ihn. Sie macht alles: Essen kochen und ihren Schatz dann füttern, Umlagern, Waschen. Einfach alles. „Besonders am Anfang konnte ich teilweise nicht mehr“, erzählt die Münchnerin. „Ich lag abends manchmal weinend im Bett, weil ich nicht wusste, wie ich das alles schaffen soll. Vieles musste ich ja auch erst lernen.“

Fälle wie den von Ilse H. gibt es viele. Rund 70 Prozent der Pflegebedürftigen – also über 1,5 Millionen Menschen in Deutschland – werden zu Hause von Angehörigen versorgt. Manchmal mit Hilfe eines ambulanten Dienstes, manchmal ganz alleine. Die Pflege eines Liebsten ist zweifelsohne schwierig; die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß. Was aber viele gar nicht wissen: Die Pflegekassen bzw. Krankenkassen bieten zusammen mit verschiedenen Partnern kostenlose Kurse an – zur Vorbereitung, aber auch zur Begleitung im Pflegealltag.

„Diese Kurse werden voll und ganz von uns bezahlt“, erklärt beispielsweise Michael Leonhart, Sprecher der AOK-Bayern. Egal, ob es um richtige Ernährung des Patienten, um Dekubitus-Prophylaxe oder auch Tipps zur Umlagerung und Bewegung geht. „Leider ist die Nachfrage noch eher gering.“ Was auch der Experte darauf zurückführt, dass einfach noch zu wenige Menschen von den Schulungs-Möglichkeiten wissen. Tatsache ist aber: Nur wer weiß, was auf ihn zukommt, kann auch einschätzen, ob er das überhaupt leisten kann. Das hat maßgeblichen Einfluss auf die Organisation des Pflegealltags. Es gibt also Hilfe für Menschen wie Ilse H.

Was ist also zu tun, um an den Kursen teilnehmen zu können? Der erste Ansprechpartner ist die Pflegekasse. „Die Pflegekasse hat vor Ort Vertragspartner wie Wohlfahrtsverbände, Kirchen oder private Anbieter“, erklärt Juliane Diekmann, Pflegewissenschaftlerin bei der Barmer Ersatzkasse. „Die Pflegekurse, welche diese Partner mit uns gemeinsam anbieten, sind für die Kursteilnehmer kostenlos.“ Das gilt auch, wenn der Kursteilnehmer oder der zu pflegende Angehörige bei einer anderen Pflegekasse ist. Bei der AOK sieht es ähnlich aus: Hier gibt es Pflegeschulen, mit denen die Kasse ein Abkommen hat und welche dann die Kurse anbieten. „Wir wollen ja, dass unsere Kunden von erfahrenen Experten informiert werden“, so Michael Leonhart.

Wer sich für einen Kurs bei einem Vertragspartner der Pflegekasse entscheidet (sie werden meist in Programmheften oder auf Internetseiten aufgelistet – einfach bei der Kasse nachfragen), hat mit der Finanzierung nichts zu tun. Anbieter und Kasse rechnen untereinander ab. Möglicherweise gibt es am Ort aber auch Anbieter, mit denen die Pflegekasse keinen Vertrag hat, die dem Interessenten jedoch geeigneter erscheinen, zum Beispiel, weil der Termin oder der Ort des nächsten Kurses besser passen. In einem solchen Fall sollte vor der Anmeldung mit der Pflegekasse besprochen werden, ob sie diesen Kurs anerkennt und die Kosten trägt.Wie laufen die Hilfs-Schulungen ab? Ein allgemeiner Pflegekurs umfasst in der Regel 24 Unterrichtseinheiten, also 18 Zeitstunden. Je nach Veranstalter finden diese mehrere Wochen lang an einem bestimmten Wochentag statt. Es gibt jedoch auch Blockseminare am Wochenende. Die Teilnehmerzahl liegt zwischen zwei und zwölf, manchmal auch 15 Personen. Ein Schwerpunkt des Pflegekurses ist die Vermittlung von fachlichen Kenntnissen. Großen Raum nehmen dabei praktische Übungen ein.

Aber auch aus psychologischer Sicht ist ein solcher Kurs wichtig, gerade für diejenigen, die bereits pflegerisch tätig sind. „Sie können sich selbst und ihre täglichen Handgriffe überprüfen und Sicherheit gewinnen“, sind sich alle Experten einig. „Sie erhalten aber auch Wertschätzung für die Leistung, die Kraftanstrengung, welche sie täglich erbringen, und können sich mit anderen Betroffenen austauschen.“ Dabei geht es auch um Fragen wie: Welche Hilfen gibt es? Wie schaffe ich es, mich nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen? Hilfen, die auch den immensen Druck von den Angehörigen nehmen sollen.

„Ein solcher Grundkurs ist meist nur der erste Schritt“, sagt Bettina Tews-Harms, die einen Pflegedienst leitet. Die ideale Ergänzung sei eine Schulung zu Hause. Schließlich ist es etwas anderes, ob der Pfleger einen willigen, beweglichen Modellpatienten vom Bett in den Rollstuhl hebt oder einen körperlich beeinträchtigen, möglicherweise übergewichtigen Angehörigen. Zu Hause kann der Kursleiter individuell auf die Bedürfnisse eingehen. Die Modalitäten dieser häuslichen Schulungen sind von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich und müssen vorab mit der Pflegekasse geklärt werden. Natürlich: Jeder Pflegefall ist anders.

Aber das ist nicht alles: Darüber hinaus bieten die Pflegekassen zusammen mit ihren Vertragspartnern Spezialkurse an. „Schwerpunkte sind die Themen Pflege von Demenzkranken, Umgang in palliativen Situationen und Angebote mit dem Schwerpunkt Rückenschonung“, erläutert Juliane Diekmann von der Barmer.

Andere Kurse sind auf die Pflege von Schlaganfall- oder Multiple-Sklerose-Patienten zugeschnitten. Natürlich können auch mehrere Kurse nacheinander wahrgenommen werden. AOK-Sprecher Michael Leonhart hofft: „Jetzt müssten nur noch mehr Menschen diese Angebote wahrnehmen.“

Quelle: tz

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