Langzeitwirkungen noch wenig erforscht

Krebs bei Kindern: Sehr gute Heilungschancen

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Bald komme ich heim: Der fünfjährige Felix (rechts) hat Blutkrebs, sein großer Bruder besucht ihn, so oft es geht.

München - Eine halbe Million Menschen in Deutschland wird 2015 neu an Krebs erkranken, ungefähr 1800 davon sind Mädchen und Buben, die jünger sind als 14 Jahre. Die tz befragte PD Dr. Irene Teichert-von Lüttichau über die besonderen Herausforderung bei der Behandlung junger Patienten.

Kinder bekommen am häufigsten Blutkrebs (Leukämie, 34% aller Neuerkrankungen), gefolgt von Tumoren des Zentralen Nervensystems (24%) und der Lymphome (Lymphknotenkrebs, 12%). „Glücklicherweise gehören die Leukämien zu den Krebsarten, die wir am besten heilen können“, sagt PD Dr. Irene Teichert-von Lüttichau, Leitende Oberärztin der Abteilung für Kinderhämatologie und Onkologie der Kinderklinik München Schwabing: „70 bis 80 Prozent der Kinder werden dauerhaft geheilt.“ Die tz befragte die Onkologin über die besonderen Herausforderung bei der Behandlung junger ­Patienten.

Das sind die Alarmsignale

Wird Krebs bei Kindern immer noch zu spät entdeckt?

Dr. Irene Teichert-von Lüttichau: Leider in manchen Fällen ja. Unsere Schwabinger Regeln besagen: Bei unklaren Symptomen jeder Art, die länger als sechs Wochen bestehen, muss man daran denken, dass eine maligne Erkrankung dahinterstecken könnte. Wenn ein Kind über mehrere Wochen blass ist, immer wieder über Müdigkeit oder mehr als vier Wochen über unklare Knochenschmerzen klagt, oder wenn es sich am Morgen auf nüchternen Magen erbricht und Kopfschmerzen angibt, eine unklare Schwellung mehr als vier Wochen besteht, dann sollte das abgeklärt und eine Krebserkrankung ausgeschlossen werden. Ich rate, allen Eltern dranzubleiben und nicht nachzugeben: Sie sollten den Kinderarzt aufsuchen und nicht aufgeben, bis die Ursache gefunden wird. Eine Krebserkrankung ist natürlich im Kindesalter sehr selten und steckt auch nur selten hinter solchen Symptomen, aber man muss trotzdem daran denken, denn nur wenn sie rechtzeitig erkannt wird, sind die Chancen auf Heilung gut.

Warum können Kinder so viel besser geheilt werden als Erwachsene?

Dr. Irene Teichert-von Lüttichau: Weil sich die Tumorarten sehr von den denen bei Erwachsenen unterscheiden. Kinder habe Tumoren, die aus der Entwicklungsgeschichte des Kindes kommen, also auch embryonale Tumore, die zwar wesentlich schneller wachsen und sich schneller teilen, aber einer Therapie oft besser zugänglich sind.

Kinder werden immer im Rahmen von Studien behandelt, was bedeutet das?

Dr. Irene Teichert-von Lüttichau: Bei den Studien handelt es sich um Therapieoptimierungsstudien und nicht um experimentelle Studien. In unserer Klinik behandeln wir alle Kinder von null bis 18 Jahren, die an einer Krebserkrankung leiden. Jedes Kind nimmt freiwillig an einer solchen Therapieoptimierungsstudie teil, es wird registriert und anhand der Leitlinien behandelt. Die Therapie wird natürlich an die jeweils individuelle Situation des Kindes angepasst. Die Daten werden in gewissen Abständen ausgewertet, um zu sehen, ob die Behandlung verbessert werden kann. Durch diese Studien hat die Behandlung von Kindern in wenigen Jahren sehr große Fortschritte gemacht. Wir versuchen, immer die effektivste Behandlung zu finden, die zugleich am schonendsten ist. Das Team der Kinderonkologie der Kinderklinik Schwabing ist besonders spezialisiert auf die Behandlung von Knochen- und Weichteilsarkomen. Auf diesem Gebiet betreiben wir viel Forschung und entwickeln auch neue Therapien.

Umfasst eine Standardbehandlung immer noch Operation (wenn möglich), Chemo- und Strahlentherapie?

Dr. Irene Teichert-von Lüttichau: Das sind immer noch die Grundpfeiler unserer Therapie. Aber über alle Krebserkrankungen hinweg wurden in den letzten Jahren in der Behandlung sehr große Fortschritte gemacht. Immer öfter werden gezielt wirksame Therapeutika eingesetzt, die detailliert auf die Eigenschaften der individuellen Erkrankung des Patienten abgestimmt sind. Diese Therapien richten sich z. B. nur gegen bestimmte Mechanismen, die bei Tumorzellen besonders stark ausgeprägt sind, sodass sich Nebenwirkungen in Grenzen halten. Solche Medikamente hemmen z. B. spezifisch die Signalwege von Tumorzellen. Diese sogenannten Pathways brauchen die Tumorzellen zum Überleben. Wenn diese Signalwege unterbunden sind, stirbt die Tumorzelle. Dazu kommt jetzt eine neue Generation von Medikamenten, die auf immunologischer Ebene wirken. Viele Antikörper werden bereits in der Klinik eingesetzt.

Wie geht es den Kindern während der Behandlung?

Dr. Irene Teichert-von Lüttichau: Die Behandlung dauert zwischen vier Monaten und einem Jahr und besteht aus intensiven und weniger intensiven Therapieteilen, die sich abwechseln. Natürlich hängt es vom Tumor ab, wie intensiv die Therapie sein muss und wie verträglich sie ist. In der intensiven Phase muss das Kind für drei bis acht Tage im Krankenhaus bleiben. Je nachdem welche Nebenwirkungen auftreten und ob es Komplikationen gibt, kann es dann wieder heim. Kinder erholen sich oft relativ schnell und können dann in den Zwischenräumen eine kleine Dosis normales Leben genießen. Eine solche intensive Therapiephase dauert zwischen sechs und zwölf Monaten je nach Erkrankung. Dann gibt es weniger intensive Therapiephasen, z. B. Erhaltungstherapien, wo ein relativ normales Leben möglich ist. Im Krankenhaus ist mindestens ein Elternteil immer dabei, bei kleinen Kindern dürfen die Eltern übernachten, bei größeren Kindern ist es nur in Ausnahmefällen möglich. Aber da sein, können die Eltern von morgens in der Früh, wenn das Kind aufwacht, bis zum Abend, wenn das Kind einschläft.

Ursachen noch nicht erforscht

Gesunde Zellen gehorchen einem von der Natur vorgegebenen Takt: Sie teilen sich, sie reifen und differenzieren sich, sie altern und irgendwann sterben sie. Krebszellen schlagen aus der Art, sie vermehren sich unkontrolliert, sie differenzieren sich kaum oder gar nicht, altern nicht und sterben nicht von allein. Ursachen wie Gendefekte oder Mutationen durch schädigende Umwelteinflüsse brauchen oft Jahrzehnte, bis sie zum Tragen kommen. Bei Kindern vermutet man daher, dass sich bestimmte Zellen schon während der Schwangerschaft verändert haben. Zur Entstehung einer Krebszelle müssen viele Faktoren zusammenkommen, die die hochkomplizierten Vorgänge einer Zelle durcheinanderbringen. Wodurch dies geschieht, ist jedoch viel zu wenig erforscht. Nach dem derzeitigen Stand des Wissens gehen die Forscher davon aus, dass weder die Eltern noch das Kind irgendetwas getan haben, das zur Entstehung der Krebserkrankung beigetragen hat.

S. Stockmann

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