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Die Leiden der Pflegebedürftigen

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München - „Unter Freiheitsentzug leiden mehr pflegebedürftige Menschen als Häftlinge in Gefängnissen.“ Mit dieser drastischen Aussage appellierte die Deutsche Hospiz Stiftung am Dienstag an die Politik.

Die Politik soll bei der Durchsetzung von Qualität in den Pflegeheimen endlich aktiv werden. Anlass war der dritte Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS), in dem unter anderem die Fixierung von Patienten mit Gurten oder Gittern angeprangert wird. In dem Report wurde der Zustand von 62 000 Pflegebedürftigen untersucht. In Deutschland gibt es mehr als 2,2 Millionen Betroffene. Die Tendenz ist wegen des demografischen Wandels steigend. 700 000 Pflegebedürftige leben heute in 23 000 Heimen. Und so sieht ihr trauriger Alltag aus.

Gesundheitliche Einschränkungen:

Knapp 61 Prozent sind in ihren Alltagsfähigkeiten durch Demenz oder andere alterspsychiatrische Krankheiten eingeschränkt. 31 Prozent leiden an chronischen Schmerzen. 66 Prozent benötigen eine Inkontinenzversorgung.

Essen und Trinken

Rund zwei Drittel benötigen Hilfe bei der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. 20 Prozent wurden jedoch nicht ausreichend unterstützt (2007 waren es noch 40 Prozent). Bei 9 Prozent der Betroffenen wurde ein massiver Gewichtsverlust festgestellt. MDS-Experte Jürgen Brüggemann rät Angehörigen: Verlieren alte Menschen im Heim sichtbar Gewicht, kann dies ein Warnsignal sein, dass sich das Pflegepersonal nicht genug um die Bewohner kümmert. Schläfrigkeit könne darauf hindeuten, dass der Heimbewohner nicht genug zu trinken bekommt.

Druckgeschwüre

Knapp die Hälfte aller Pflegeheimbewohner leidet unter Wundliegen. Vorbeugende Maßnahmen werden aber nur bei etwa 60 Prozent dieser Menschen durchgeführt. Die Zahl der Versäumnisse bei der Vorbeugung hat sich seit 2007 nicht reduziert. Bei den unzureichend versorgten Personen erkrankten 7,4 Prozent an einem Druckgeschwür, der Gesamtdurchschnitt liegt bei 4,4 Prozent. Brüggemann rät Angehörigen, beim Besuchen auf die Liegeposition zu achten: Ruhe der Heimbewohner immer auf derselben Seite, steige das Risiko für Druckgeschwüre. Die Patientenschutzorganisation Hospiz Stiftung zeigt sich erstaunt, dass es zwar eine Statistik über das Auftreten von Wundliegen gibt, aber „keinen Aufschrei wegen dieser Körperverletzungen“.

Schmerztherapie

Eugen Brysch, Vorstand der Hospiz Stiftung, geht davon aus, dass eine halbe Million Menschen in den Pflegeheimen zumindest eine partielle Schmerztherapie erhalten müssten. Laut MDS-Report wäre bei etwa der Hälfte der Pflegebedürftigen eine Schmerzeinschätzung erforderlich, nur jeder Zweite bekam sie. Knapp 30 Prozent aller Heimbewohner wurde eine Schmerztherapie verordnet, 94 Prozent von ihnen erhielten die verschriebenen Medikamente.

Ruhigstellung

Immer noch dienen Pillen zur Ruhigstellung oft als Ersatz für fehlendes Pflegepersonal. Diese Vermutung bestätigte MDS-Geschäftsführer Peter Pick: „Es ist in der Tat so, dass zu viele ruhigstellende Mittel in Pflegeeinrichtungen verordnet werden.“

Freiheitsentzug

Laut Hospiz Stiftung werden 40 Prozent der Heimbewohner fixiert. Diese Zahl weisen die Kassen zurück. Allerdings sei auch der im Bericht genannte Anteil von 20 Prozent zu hoch. Durch gezielte pflegerische Interventionen ließe sich diese Zahl deutlich verringern. Bei jedem Zehnten fehle die richterliche Anordnung.

Demenz

Der Ethikrat forderte gestern einen menschlicheren Umgang mit Demenzkranken. Heute sind es 1,2 Millionen Betroffene, 2050 werden es mehr als zwei Millionen sein. Ob ein Demenzpatient gut versorgt werde, könnten Angehörige daran erkennen, wie viel das Personal über den Bewohner wissen möchte, so Brüggemann: „Eine gute Einrichtung interessiert sich für die Biografie des Angehörigen.“ Die Pflege­reform von Minister Daniel Bahr (FDP), die morgen ins Kabinett kommt, verspricht eine Milliarde Euro für Demenzkranke.

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