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Kann man sich wirklich "einen Bruch heben"?

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Von: Susanne Stockmann

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München - Es ist mit über 200 000 Eingriffen pro Jahr eine der häufigsten Operationen in Deutschland, dennoch ist über den Leistenbruch erschreckend wenig oder viel Falsches bekannt.

„Der Spruch: Heb dir keinen Bruch, stimmt absolut nicht“, betont die Chirurgin Dr. Ulrike Muschaweck vom Hernienzentrum München. Wer glaubt, die Leiste könne wirklich brechen, irrt: Beim Leisten- oder Nabelbruch handelt es sich um eine Bindegewebserkrankung. Die erschlafften Strukturen der Bauchdecke (Faszien) geben nach, eine ­Lücke entsteht, durch die sich ein sogenannter Bruchsack vorwölben kann. Da in diesen Sack Darmschlingen hineinrutschen und eingeklemmt werden können, müssen diese Hernien (medizinisch für Leistenbruch) fast immer operiert werden. In den ver­gangenen Jahren sind die Methoden, die Lücke im Bindegewebe zu schließen, immer aufwendiger geworden. Sehr häufig werden den Patienten Netze aus Kunststoff eingesetzt, die das Bindegewebe verstärken und unterstützen sollen. Dr. Ulrike Muschaweck und ihr Kollege Dr. Joachim Conze operieren jedes Jahr über 1200 Patienten. Sie sagen: Leistenbruch ist nicht gleich Leistenbruch – und darum muss die Operationsmethode angepasst werden!

Darum kann man sich keinen Bruch heben

Wie bemerkt man einen Leistenbruch?

Dr. Joachim Conze: Nicht immer ist die klassische Beule in der Leistenregion zu sehen. Gestern hatte ich eine junge Patientin, die war zwei Wochen lang jeden Tag bei einem anderen Arzt gewesen: Sie klagte über ein Ziehen in der Leistengegend beim Husten, wenn sie die Beine übereinanderschlägt und nach Anstrengungen. Das sind typische Beschwerden, die auf einen Leistenbruch hindeuten. Sichtbar kann man ihn im dynamischen Ultraschall machen: Der Patient muss dabei ein paarmal husten oder pressen. Der Bauchinnendruck muss sich erhöhen, dann sieht man auf einmal die Lücke.

Dr. Ulrike Muschaweck: Einen kleinen Leistenbruch sieht man von außen nicht, und darum ist eine Untersuchung im Liegen (z.B. bei der Kernspintomografie) häufig nicht zielführend. Männer klagen häufig über einen Schmerz, der in die Oberschenkelinnenseite und zum Hoden hin ausstrahlt. Männer sind von einem Leistenbruch neunmal häufiger betroffen als Frauen, das ist anatomisch bedingt: Ihr Leistenkanal ist größer als bei der Frau, weil dort der Samenstrang hindurchpassen muss. Bis zu 27 Prozent der Männer erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Leistenhernie, bei Frauen sind es nur drei Prozent.

Es heißt: „Ich habe mir einen Bruch gehoben.“ Sie sagen das stimmt nicht. Was ist die wahre Ursache?

Dr. Conze: Die Ursache für einen Leistenbruch ist ein erhöhter Bauchinnendruck, und der entsteht weniger durch das Heben von schweren Lasten, sondern vielmehr durch häufiges Niesen oder Husten, unter dem z. B. Allergiker und Menschen mit Asthma leiden können. Auch manche Sportarten wie z.B. Fußball mit seinen schnellen, kräftigen und abrupt stoppenden Bewegungen führen zu einer extremen Belastung der Leiste. Das kann dazu führen, dass die Faszien nachgeben. Häufig gibt es zusätzlich eine familiäre Disposition, d. h. auch andere Mitglieder in der Familie sind von einem Leistenbruch betroffen. Auch Rauchen, Übergewicht und anderen Bindegewebserkrankungen wie Krampfadern, Darmdivertikel und Aneurysmen (Ausbuchtungen) von Arterien gehen mit einem erhöten Hernienrisiko einher.

Wann muss sofort operiert werden?

Dr. Muschaweck: Wenn der Bruchsack, also die tastbare Beule, nicht mehr oder nur schwer zurückgeschoben werden kann. Wenn sich Darmschlingen im Bruchsack befinden und dort eingeklemmt sind, dann besteht die Gefahr, dass Darm abstirbt. Üblicherweise fällt die Entscheidung zur Operation mit dem Leidensdruck des Patienten. Je stärker und häufiger die Schmerzen auftreten, desto schneller möchte er behandelt werden.

Haben Sie eine Lieblingsmethode bei einer Hernienoperation?

Dr. Muschaweck: Nein, absolut nicht. Wir wählen für jeden Patienten die Methode aus, die für ihn persönlich am besten passt. Wir nennen das eine maßgeschneiderte Therapie – tailored surgery. Wir haben uns ganz auf die Leisten- und Bauchwandchirurgie spezialisiert, wir machen nur solche Eingriffe und beherrschen alle Techniken. Aber nicht jede Technik passt für jeden Patienten. Es hängt vom Alter, von der Größe der Bruchpforte und vom Zustand des Bindegewebes ab. Dabei ist weniger die Größe der vorwölbenden Bruchgeschwulst entscheidend als vielmehr die Größe und Lokalisation der Bruchpforte. Nicht jede Leistenhernie braucht ein Kunststoffnetz! Die Netzentscheidung treffen wir während der Operation anhand des vorliegenden Befundes und dem individuellen Risikoprofil. Wir verwenden Netze, die wir individuell zuschneiden und die zu 40 Prozent vom Körper resorbiert werden. Den Zustand des Bindegewebes kann ich jedoch von außen nicht beurteilen, das sehen wir erst während der Operation. Ist die wichtigste Schicht, die hintere Faszie, glatt und elastisch, kann der Leistenbruch auch mit einem netzfreien Verfahren versorgt werden.

Muss man sich nach einer Leisten-OP schonen?

Dr. Muschaweck: Nein, man darf alles bis zur Schmerzgrenze machen. Früher musste man sich nach einer Leistenoperation sechs Wochen schonen, heute kann z. B. der Fußball-Profi bereits nach acht Tagen in der Bundesliga spielen.

Welche Risiken gibt es?

Dr. Conze: Aus weltweiten Qualitätsberichten wissen wir, dass etwa jeder zehnte Patient nach der OP chronische Schmerzen entwickeln kann, häufig weil Nerven in Mitleidenschaft gezogen sind. Auch hat sich der Anteil an Wiederholungsoperationen in den letzten zehn Jahren unverändert über zehn Prozent gehalten – oftmals ist das Netz verrutscht, und es kommt zu einem erneuten Bruch. Man muss wissen, dass Netze nur nach der offenen Netzeinlage wieder zu entfernen sind.

Dr. Muschaweck: Wir bitten unsere Patienten in regelmäßigen Abständen zur Nachuntersuchung – die Rate der Rückfälle liegt bei uns unter einem Prozent. Wir haben diese Ergebnisse weil wir uns spezialisiert haben und ausschließlich diese Art von Operationen machen.

Interview: S. Stockmann

Hernien-OP – viele Möglichkeiten

Es gibt, vereinfacht gesagt, zwei grundsätzliche Methoden der Operation: Die offenen Techniken, bei denen die Leiste mit einem kleinen Schnitt von außen geöffnet wird. Und die Schlüsselloch-Techniken, bei denen durch drei Zugänge für Instrumente gearbeitet wird. Bei den offenen Methoden können verschiedene Naht- und/oder Netztechniken zum Einsatz kommen. Manchmal reicht nähen allein, um die Bruchpforte zu schließen, bei Brüchen größer als drei Zentimeter wird meist ein Netz als Verstärkung eingesetzt. Vorteil der offenen Verfahren: Sie können meist ambulant unter örtlicher Betäubung gemacht werden.

Bei den minimalinvasiven Techniken werden immer Kunststoffnetze von 15 x 10 cm Größe eingesetzt, sie finden immer unter Vollnarkose statt. Es gibt dort grundsätzlich zwei Verfahren: Bei der TAPP (transabdominale präperitoneale Netzimplantation) wird das Netz von hinten über den Nabel über der Bruchpforte platziert, bei der TEP (total extraperitonale Hernioplastik) wird es zwischen Bauchfell und Bauchdecke eingebracht. Die Hälfte der Patienten in Deutschland wird mit offenen Methoden, die andere Hälfte mit der Schlüsselloch-Technik operiert. Für die Ärzte vom Hernienzentrum hat besonders die TAPP-Methode gravierende Nachteile, da die Bauchhöhle mit ihren empfindlichen Geweben und Organen geöffnet werden muss. Dr. Muschaweck: „Dieses Verfahren ist oft unnötig riskant, da man Blutgefäße und Organe verletzen kann.“ Dr. Conze gibt zu bedenken: „Wenn diese Netze ihren Platz verlieren, sich einrollen oder verklumpen, wenn sie große Narbenplatten bilden, sind sehr schwierige Operationen nötig. Diese Komplikationen der minimalinvasiven Technik sind selten, aber dann nur noch maximalinvasiv zu korrigieren.“

Was ist eine Sportlerleiste?

Besonders junge, aktive Männer können unter einer Sportlerleiste leiden. Dr. Muschaweck: „Es ist eine Vorstufe der Hernie, aber noch kein Leistenbruch, obwohl die Sportler schon typische Beschwerden haben. Das Gewebe ist durch den Sport überbeansprucht worden, wodurch es nachgibt. Diese Patienten behandeln wir mit der von uns entwickelten Minimal-Repair-Technik, wir verstärken das Gewebe mit einer speziellen Nahttechnik.“

Die Experten Dr. Ulrike Muschaweck und Dr. Joachim Conze erreichen Sie im Hernienzentrum München, Arabellastraße 17, 81925 München, www.leistenbruch.de

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