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München: Von der Armen-Praxis bis zur Luxus-Klinik

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Von: Nina Bautz

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Der ehrenamtliche Arzt Ludwig Zwack hört Patientin Charlotte. S. ab – sie hat keine Versicherung. © Sigi Jantz

München - Nicht jeder kann sich die medizinische Versorgung in München leisten. Die tz hat die anonyme und kostenlose Praxis Open Med besucht. Auf der anderen Seite zeigen wir, wie es in einer Privatklinik und in einer Schönheitspraxis zugeht.

München gilt weltwelt als einer der Top-Medizinstandorte. Die Landeshauptstadt hat die zweithöchste Arztdichte nach Tel Aviv. Hier gibt es 46 Krankenhäuser mit 11.600 Betten und 3672 niedergelassene Ärzte. Gesundheit ist ein hohes Gut, das sich in einem Sozialstaat jeder leisten können sollte. Doch auch in München gibt es viele Menschen, die ohne Krankenversicherung leben müssen. Die tz hat die anonyme und kostenlose Praxis Open Med besucht. Auf der anderen Seite zeigen wir, wie es in einer Privatklinik und in einer Schönheitspraxis zugeht.

Krank, aber keine Karte

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Open Med-Leiterin Suzanne Bruins (hinten) im Gespräch mit Patientin Nicoletta P. © Sigi Jantz

Die schwangere Italienerin, der syrische Flüchtling mit dem verstauchten Knöchel, die Münchner Seniorin, die ihre Herztabletten braucht: Alle Patienten, die im Wartezimmer der Arztpraxis in der Görrestraße 46 sitzen, existieren für das Gesundheitssystem nicht. Sie sind nicht krankenversichert. In der anonymen und kostenlosen Praxis Open Med suchen immer mehr von ihnen Hilfe.

„Seit der Eröffnung vor fünf Jahren hat sich die Patientenzahl vervierfacht. Vergangenes Jahr kamen 2600 Münchner zur Beratung oder Behandlung zu uns“, sagt Ute Zurmühl von der Dachorganisation Ärzte der Welt. „Nur ein kleiner Teil von etwa fünf Prozent der Patienten sind Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Der Großteil sind Europäer, die in prekären Arbeitsverhältnissen wie zum Beispiel auf dem Bau beschäftigt sind oder Opfer der EU-Bürokratie wurden.“ 15 Prozent der Patienten seien Deutsche, die wegen finanzieller Probleme aus dem System gefallen sind.

Spenden:

Ärzte der Welt

Stichwort: Open Med

Kt.Nr.: 1004 333 660

BLZ: 120 300 00

Deutsche Kreditbank

(DKB)

Ute Zurmühl von Ärzte ohne Grenzen bemängelt, dass auf dem Papier zwar eine Versicherungspflicht in Deutschland besteht. „Letztendlich prüft das aber keiner wirklich nach.“ Welche schlimmen Auswirkungen das haben kann, bekommen die Ärzte der Münchner Praxis Open Med mit: Schon mehrmals hätten Krankenhäuser hochschwangere Patientinnen einfach abgewiesen, weil sie keine Versicherung haben. Zurmühl: „Und ein Patient, der Diabetes hat, wusste sich nicht anders zu helfen, als die Insulinspritzen immer in Holland zu kaufen. Wegen der mangelnden Versorgung kam er mit ganz tauben Beinen zu uns.“

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Die anonyme und kostenlose Praxis Open Med in der Göreestraße von außen. © Sigi Jantz

Die Einrichtung Open Med rettet kranke Patienten und bietet soziale Beratung an, um Patienten möglicherweise wieder ins System einzugliedern. Ohne Spendengelder und freiwillige Helfer wäre das nicht möglich: Das Geld kommt von der Stadt, zu einem kleinen Teil von der Aktion Sternstunden des Bayerischen Rundfunks und von Bürgerspenden. Etwa 25 ehrenamtliche Ärzte, die teils schon im Ruhestand sind, arbeiten genauso umsonst wie die freiwilligen Medizinstudenten oder die Dolmetscher in der Praxis. Zurmühl: „Außerdem haben wir ein großes Netz an niedergelassenen Ärzten, an die wir Patienten überweisen können und Apotheken, die uns Medikamente zum Einkaufspreis zur Verfügung stellen.“

Nina Bautz

Rezept ohne Versicherung

Ein Jahr und zwei Monate ist es schon her, dass die Juristin Nicoletta P. (37, Name geändert) mit ihren Eltern aus Spanien nach München kam. Alle drei brauchen regelmäßig wichtige Medikamente gegen Bluthochdruck. Die Monatspackung kostet mit 15 Euro nicht allzu viel. Das Problem ist viel mehr, an die Tabletten ranzukommen. „Obwohl ich noch keinen Job habe, müsste bei mir eigentlich der europäische Versicherungsschutz greifen. Aber die deutsche Krankenkasse hat mich aus bürokratischen Gründen noch immer nicht versichert.“ Die Juristin wäre ohne die Praxis Open Med aufgeschmissen. Hier bekommt sie das nötige Rezept – und in einer der Partner-Apotheken zahlt sie glücklicherweise auch nur die Hälfte des Einkaufspreises.

„Ich wäre fast gestorben“

Charlotte S. (57, Name geändert) ist sich sicher: „Ohne Open Med wäre ich heute tot.“ Als die Frau aus Großhadern vergangenes Jahr wegen ihrer Schlappheit hierhergekommen ist, schickt sie der Arzt direkt ins Schwabinger Klinikum. Ihre Thrombozyten, also die Blutplättchen, waren lebensgefährlich gering. Sie zerstören sich wegen eines unentdeckten Autoimmundefekts selbst! Jahrelang hatte sich die Diplom-Betriebswirtin zuvor gar nicht aus dem Haus getraut.

Nachdem sie ihren Job in einem Reisebüro verlor, weil es pleite ging, fiel sie in ein Loch. „Ich wurde depressiv, kam nicht mehr hoch und machte keine Briefe mehr auf. Ich schaffte es nicht mal, Hartz IV zu beantragen.“ Schließlich wurde alles gepfändet und die Krankenversicherung warf sie hinaus.

Dann sah Charlotte S. einen Bericht über die anonyme Praxis im Fernsehen. „Dort habe ich das erste Mal über meine Probleme reden können. Ich hatte keinem zuvor erzählt, wie schlimm es wirklich um mich steht.“ Psychisch gestärkt hat sie mittlerweile auch Hartz IV beantragt, theoretisch sollte die Kasse sie also auch bald wieder aufnehmen. Und die Ärzte bei Open Med haben auch ihre Krankheit mittlerweile im Griff. Die Wut über die Ungerechtigkeit des deutschen Gesundheitssystems aber treibt der Frau immer noch Tränen in die Augen. „Ich habe früher viel Geld eingezahlt – und jetzt bin ich nichts mehr wert.“

Fast wie im Urlaub

Ein 7000 Quadratmeter großer Garten mit Bergblick und Pool, im Restaurant wird auf Wunsch ayurvedische Küche serviert: Wer sich in der Privatklinik Jägerwinkel am Tegernsee behandeln lässt, könnte fast vergessen, dass er in einem Krankenhaus liegt. Hier, vor den Toren Münchens, gehört das exklusive Ambiente zum Heilungskonzept!

Jägerwinkel
Das Restaurant der Privatklinik Jägerwinkel © fkn

„Wir behandeln Menschen, keine Röntgenbilder. Und zum Gesundwerden tragen auch ein ansprechendes Umfeld und der richtige Umgang mit den Patienten bei“, sagt der ärztliche Direktor Dr. Martin Marianowicz. „Unsere Klinik kombiniert höchste Ansprüche an Prävention, Diagnostik, Rehabilition und Schmerztherapie mit dem Komfort eines Luxusresorts.“ Ab 250 Euro kostet die Nacht mit Vollverpflegung im Jägerwinkel, einer Einrichtung von Marianowicz Medizin. Die Kosten übernimmt in der Regel die private Krankenkasse. Die 66 Suiten haben Zimmersafe, Balkon und Terrasse. Ein Personaltrainer arbeitet Fitnesspläne aus, außerdem stehen Aqua-Aerobic, Nordic Walking oder Ausflüge zum Golfen und Segeln auf dem Programm. „Wenn man vom medizinischen Bereich absieht, sind wir wie ein schönes, alpenländisches Hotel, in dem die Patienten auf Händen getragen werden.“

Tegernsee
Die Privatklinik Jägerwinkel liegt nur einen Katzensprung vom Tegernsee entfernt. © fkn

Zu den Fachbereichen zählen Orthopädie, Kardiologie, Innere Medizin, Diabetologie, Psychosomatik, Gastroenterologie und Neurologie. Ein interdisziplinäres Team aus Fachärzten, Therapeuten und Pflegern erstellt für jeden Patienten maßgeschneiderte Programme – vom Check-up über die Schmerztherapie bis zur Burnout-Prophylaxe. Auch Helmut Kohl, Johannes Rau und Margarethe von Trotta ließen sich hier bereits behandeln. Kürzlich war OB-Gattin Edith von Welser-Ude wegen ihres Rückens da.

Das große Motto im Jägerwinkel: Zeit für den Patienten. „Wir arbeiten nicht nach vorgegebenen Taktungen“, sagt Dr. Marianowicz. „Bei uns nehmen sich die Ärzte individuell die Zeit, die der Patient braucht.“ Ein Luxus, den sich gerade gesetzlich versicherte Patienten in der Regel nicht leisten können. Das liegt seiner Meinung nach aber am System: „Nirgends wird so viel operiert wie in Deutschland. Kein Wunder, wenn die Kassen ein Patientengespräch mit 8 Euro, eine Rückenoperation aber mit 10.000 Euro vergüten. Das Geld wäre da – es wird nur falsch eingesetzt.“

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Schönheit ist alles

Marketing-Managerin Mojgan Donyavi (41) ist extra aus Salzburg angereist, um sich in der Münchner Praxis behandeln zu lassen. Ihr Problem: „Meine Falten stören mich“, erklärt die Österreicherin. Hier in der Beauty-Klinik Smoothline im Orlandohaus am Platzl geht es nur um eins: die Schönheit. Das Ärzteteam um Dr. Keywan Taghetchian ist spezialisiert auf Faltenbehandlungen mit Botulinum und Hyaluron.

Schönheitsklinik
Dr. Taghetchian (36) bespricht mit Kundin Mojgan Donyavi (41) die Behandlung. © Sigi Jantz

Mojgan Donyavi lässt heute ihre Zornfalte, Stirnfalte und Krähenfüße behandeln – für 550 Euro. Schönheit – eine Geldfrage? „Absolut“, sagt die 41-Jährige. „Menschen, die über Schönheits-OPs schimpfen, sind doch nur neidisch, weil sie es sich nicht leisten können.“ Entspannt liegt sie auf der weißen Lederliege, aus den Boxen tönt leise Klaviermusik. Vorsichtig setzt Dr. Taghetchian die Spritze an. Vor zweieinhalb Jahren eröffnete der 36-Jährige mit seinen Kollegen die Beauty-Praxis Smoothline im Orlandohaus am Platzl, als erste Niederlassung der gleichnamigen Klinik aus der Schweiz. „Zu uns kommen Kunden, keine Patienten“, erklärt Dr. Taghetchian. „Wir sind Dienstleister auf hohem Niveau. Unsere Praxis soll eine Wohlfühloase sein, in der die Kunden den Luxus bekommen, den sie sich gönnen.“

Im Wartezimmer wird Cappuccino serviert, auf einer antiken Kommode steht eine Vase mit weißen Rosen. Auch die Behandlungszimmer sind hell und puristisch eingerichtet – Stuck an der Decke, goldene Kronleuchter. Im Schnitt behandelt das Team zehn bis zwölf Kunden am Tag, davon 80 Prozent Frauen. „Viele unserer Kunden kommen aus anderen Städten, fliegen zum Teil auch aus dem Ausland ein“, sagt Dr. Taghetchian.

Der Effekt setzt nach ein paar Tagen ein und hält etwa vier Monate. Deshalb empfiehlt sich eine regelmäßige Behandlung – auch vorsorglich. „Wenn die Kunden ihre Falten stören, ist es schon fast zu spät“, verrät Taghetchian, der sich auch selbst behandeln lässt – von einem Kollegen. Der Kundenkreis ziehe sich durch alle sozialen Schichten: „Dazu zählt nicht nur die Society-Lady aus Grünwald, sondern auch die Putzfrau, die sich mühsam das Geld zusammenspart.“ Schließlich gehe es bei der Behandlung um mehr als äußere Schönheit. Dr. Taghetchian: „Die Menschen kommen nicht zu uns, um sich die Falten wegspritzen zu lassen oder um jünger zu wirken: Sie wollen sich besser fühlen.“

Christina Meyer

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