Beratung über mehr Patientenschutz

Münchner Ärzte-Gipfel: Kampf gegen die Killer-Keime

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Prof. Claus-Dieter Heidecke zeigt das Kongress-Programm.

München - Eigentlich gehen Patienten ins Krankenhaus, um wieder gesund zu werden. Aber manchmal werden sie dort erst so richtig krank. Das klingt grotesk, ist aber leider bittere Realittät.

Denn in unseren Kliniken lauern zum Teil lebensgefährliche Krankheitserreger. Jedes Jahr stecken sich in deutschen Krankenhäusern circa 450 000 bis 650 000 Menschen an, Mediziner sprechen von nosokomialen Infektionen (NI). Sie fordern bis zu 15.000 Todesopfer. Diese schockierenden Zahlen nannte am Mittwoch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie anlässlich ihres 132. Kongresses in München.

Dieser hochkarätige Ärzte-Gipfel wird von nächsten Dienstag bis Freitag auf dem Messegelände in Riem veranstaltet. Dabei wollen die Chirurgen darüber beraten, wie sie ihre Patienten besser vor NI-Infektionen schützen können – unter anderem mit speziellen Fragebögen zu Risikofaktoren, die die Patienten bereits vor ihrer Aufnahme in der Klinik ausfüllen sollen. Die tz erklärt die Details.

Manchmal irren auch die Götter in weiß. „Lange wurde die Ansteckung mit Krankenhaus-Keimen als etwas Schicksalhaftes angesehen. Dabei ließen sich etwa ein Drittel aller NI-Infektionen vermeiden“, analysierte gestern der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Professor Dr. Claus-Dieter Heidecke, bei der Kongress-Pressekonferenz in München. „Wir brauchen eine neue Kultur im Umgang mit diesem Problem.“

Denn besagtes Problem wächst – insbesondere deshalb, weil etwa sechs Prozent der NI-Infektionen multiresistent sind. Das bedeutet, dass die entsprechenden Erreger durch Antibiotika nicht in den Griff zu bekommen sind. „Wir haben praktisch keine Waffen gegen solche Keime in der Hand“, erläuterte Kongress-Präsident Professor Dr. Peter M. Vogt.

Immer wieder sterben Patienten an den tückischen Erregern – auch in München. Erst im Dezember hatte ein solcher Fall in einer Klinik in der Innenstadt dazu geführt, dass die gesamte Intensivstation vorübergehend geschlossen werden musste (tz berichtete).

Chirurgen-Chef Prof. Peter Vogt.

Aber wie lassen sich die tückischen Erreger stoppen? Die Chirurgen sehen in einem Aktionsplan von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einen wichtigen Schritt. Dieser sieht unter anderem verschärfte Meldepflichten, aber auch Fördergelder für bessere Hygiene-Standards vor. „Darüber hinaus müssen wir unsere Patienten stärker einbinden. Hier liegt das größte Potenzial im Kampf gegen die Klinik-Keime“, sagte Professor Heidecke. So müssten die Patienten besser aufgeklärt, aber auch mit klaren Hygiene-Regeln in die Pflicht genommen werden. „Einfache Maßnahmen wie beispielsweise das Desinfizieren von WC-Sitz, Händen und Türklinken vor und nach jedem Toilettengang können die Gefahr einer Ansteckung deutlich reduzieren“, so die Experten.

Für entscheidend halten die Chirurgen, dass der Kampf gegen die Keime schon vor der Aufnahme der Patienten in die Kliniken beginnt. Dazu schlagen sie die Einführung von Fragebögen vor. In der Greifswalder Universitätsklinik von Professor Heidecke muss bereits jeder Patient im Vorfeld der OP ein entsprechendes Formular ausfüllen (siehe .Tabelle rechts). Ziel ist es, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. So wird der Patient etwa nach Vorerkrankungen, Lebensumständen, Auslandsaufenthalten, ärztlichen Behandlungen und der früheren Einnahme von bestimmten Antibiotika gefragt. „Wenn er nur eine dieser Fragen mit Ja beantwortet, wird automatisch ein Screening durchgeführt“, so Professor Heidecke.

Dabei nehmen die Ärzte Abstriche etwa in der Nase oder im Darm vor, teilweise werden auch Stuhlproben im Labor auf multiresistente Bakterien getestet. Sind diese Analysen positiv, wird die OP nach Möglichkeit verschoben. Lässt sich der Eingriff nicht verschieben, müssen geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Prof. Heidecke: „Eine Isolation von anderen Patienten ist ebenso sinnvoll wie eine antiseptische Ganzkörperwaschung.“

Der Fragebogen vor der Aufnahme in die Klinik

  • Ist Ihnen bekannt, ob Sie Träger eines multiresistenten Erregers sind oder waren?
  • Wenn ja, mit welchem? .......................
  • Hatten Sie in den letzten Monaten einen längeren (1 Woche) Aufenthalt auf einer Intensivstation?
  • Hatten Sie in den letzten Monaten einen Aufenthalt in einer neurologischen Rehabilitations-Einrichtung?
  • Haben Sie eine chronische Wunde oder eine chronisch entzündliche Hauterkrankung?
  • Leben Sie in einem Pflegeheim?
  • Haben Sie dauerhaft liegende Katheter (z.B. Harnblasenkatheter, PEG-Sonde)
  • Sind Sie dialysepflichtig?
  • Leben Sie im Ausland? *außer Niederlande, Dänemark und Skandinavien, Island.
  • Hatten Sie innerhalb der letzten 6 Monate Kontakt mit dem ­Gesundheitssystem in anderen Ländern*? *außer Niederlande, Dänemark und Skandinavien, Island
  • Arbeiten Sie in industriemäßigen Tiermastanlagen?
  • Befinden Sie sich wegen einer schweren Erkrankung seit Monaten in wiederholter Behandlung? (z.B. Chemotherapie, Strahlentherapie)
  • Haben Sie in diesem Zusammenhang in den letzten Monaten ­Antibiotika erhalten? Falls ja, wissen Sie noch den Namen?
  • Hatten Sie kürzlich engeren Kontakt zu Patienten (z.B. in gleichem Patientenzimmer) mit multiresistenten Erregern? Wenn ja, mit welchem? ..............................................

5500 Chirurgen tagen in der Messe in Riem

München hat Tradition – auch bei den Medizinern. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) ihren Kongress über 40 Jahre lang stets an der Isar veranstaltet, inzwischen findet der Ärzte-Gipfel im jährlichen Wechsel in München und in Berlin statt; in der Bundeshauptstadt war die DGCH bereits 1872 gegründet worden. Heuer treffen sich rund 5500 Chirurgen im Internationalen Congresscenter München (ICM) am Messegelände in Riem. Zu diesem 132. Kongress wird auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe anreisen.

Andreas Beez

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