Sie krempelte ihr Leben um

Münchnerin (42) erzählt: "Ich habe nur noch funktioniert"

München - Dass man am Erschöpfungssyndrom leidet, erkennt man erst dann, wenn die Krankheit einem im Griff hat. Eine Münchnerin berichtet von ihren Erfahrungen.

Dass etwas nicht stimmt, merkt sie selbst als Letzte. „Einmal, bei einem Frühstück, hat mich ein Freund gefragt, warum mein Augenlid zuckt. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich schon nervöse Störungen hatte“, erzählt Angelika W. (42). Über Jahre hinweg hat die Münchnerin ein Erschöpfungssyndrom entwickelt– und ihr Leben dann umgekrempelt.

Es scheint alles perfekt damals: Verwandte und Bekannte erzählen mit Stolz von der Betriebswirtin, die es mit Anfang 30 schon an die Deutsche Börse nach Frankfurt geschafft hat. „Ich bekam tolles Feedback und ein gutes Gehalt“, erzählt sie. Dafür nimmt W. es in Kauf, dass sie zu ihrem Partner nach München pendelt und ständig unterwegs ist. „Es war normal, dass ich schnell für drei Tage in die USA geflogen bin und auf dem Rückweg mit Jetlag gleich ins Büro gefahren bin, um weiterzuarbeiten.“

Zur Ruhe kommt Angelika W. nicht – auch als das Schicksal zuschlägt. „2005 ist meine Oma gestorben. Zwei Monate später mein Vater nach kurzer Herzkrankheit. Da musste ich mich um viel Papierkram kümmern. Ich habe nicht realisiert, dass ich die Todesfälle gar nicht verarbeite.“ Die Münchnerin funktioniert einfach.

Schlüsselerlebnis im Zug

Die psychischen Probleme kommen schleichend, der große Zusammenbruch bleibt aus. Das Erschöpfungssyndrom nagt leise. „Irgendwann konnte ich frühmorgens nicht mehr weiterschlafen. Da ging sofort das Gedankenkarussell los“, erinnert sich die 42-Jährige. Sie bekommt einen Bandscheibenvorfall, ist innerlich antriebslos – und ackert weiter. „Ich wollte immer stark sein und es alleine schaffen.“

Dann ein Schlüsselerlebnis im Zug. Die Bahn ist proppenvoll, Angelika W. kämpft sich durch die Waggons. „Da hat mir ein Fahrgast einfach so seinen Platz angeboten. Wie erschöpft muss ich ausgesehen haben?!“

Nach einer Weltreise 2008 kommt die große Wende. „Ich hatte keinen Job mehr, keine Wohnung in München, die Beziehung war in die Brüche gegangen. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen.“ Aber Angelika W. rappelt sich auf. Und erkennt endlich, dass ihr Leben sich radikal ändern muss. „Ich habe mich schon immer für Psychologie interessiert. Deshalb habe ich angefangen, verschiedene Ausbildungen in diesem Bereich zu machen.“

Die Fortbildungen werden für sie zur persönlichen Therapie, die sie nie gemacht hat. Sie beginnt, als Coach und Burn-out-Prophylaxe-Trainerin zu arbeiten. Weil sie selbst gemerkt hat, wie wenig Anlaufstellen es bei Burn-out-Problemen in München gibt, gründet sie 2012 eine Selbsthilfegruppe („Your way 2 Life“).

Heute führt die Münchnerin ein völlig anderes Leben. „Ich bin in einer Ehe, in der jeder sich so sein lässt, wie er ist. Und ich habe mir eine Katze zugelegt.“ W. hat ihre berufliche Erfüllung gefunden. „Aber wenn ich um 17 Uhr müde bin, dann höre ich auf zu arbeiten. Ich lasse die Mittagspause nicht mehr aus. Ich gehe viel zu Fuß, auch wenn es länger dauert.“ Es gehe schließlich um ihr Leben. „Das kann schnell zu Ende sein, wenn man nicht aufpasst. Das habe ich an meinem Vater gesehen.“

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