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Mutiger Münchner: Herz-OP vor 200 Zuschauern

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Harald Zimmermann, Helfer der Wissenschaft. Er erklärte sich zur Live-OP bereit. © Götzfried

München - Herzchirurg Professor Rüdiger Lange flickte die defekte Herzklappe von Harald Zimmermann zusammen – vor den Augen von 200 Ärzten, die die Operation live mitverfolgten.

Manche Menschen träumen davon, mal in Günther Jauchs TV-Show Wer wird Millionär? mitzumachen, andere würden gerne bei Markus Lanz im letzten Wetten dass..? auftreten. Das klappt meistens nicht. Harald Zimmermann (41) schaffte es zwar tatsächlich in eine spektakuläre Live-Übertragung, allerdings hat er sich nicht gerade darum gerissen. Statt auf dem Wett-Sofa durfte er es sich nämlich auf dem OP-Tisch bequem machen – und sein Gastgeber war auch kein Showmaster, sondern der Herzchirurg Professor Rüdiger Lange. Er flickte Haralds defekte Herzklappe zusammen – vor den Augen von 200 Ärzten, die die Operation live mitverfolgten. Zimmermann war entspannt, als ihn die tz kurz vor der OP traf: „Ich bin mir sicher, dass der Professor sein Handwerk versteht.“ Tut er auch – und zwar so gut, dass er zum Ausbilder für Herzchirurgen aus aller Welt auserkoren worden ist. Diese Woche demonstrierte Lange im Deutschen Herzzentrum, wie man Herzklappen repariert, statt sie durch eine Prothese zu ersetzen. Warum das so wichtig ist, erklären der Herzchirurg und sein Vorzeigepatient im großen tz-Report.

So profitieren andere Patienten

Herzinfarkt, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz – von solchen Diagnosen haben die meisten Menschen schon mal etwas gehört. Aber von einer „therapierelevanten Schlussunfähigkeit der Mitralklappe“ (siehe rechts) ist im Büro oder am Stammtisch eher selten die Rede. Dabei leiden bis zu eine Million ­Bundesbürger unter dieser Erkrankung.

Als Laie kann man sich diesen Defekt ungefähr so vorstellen wie ein kaputtes Druckventil im „Maschinenraum des Menschen“. Dort soll die Mitralklappe verhindern, dass Blut aus der linken Herzkammer in den Vorhof zurückfließt. Wenn das passiert, muss die Pumpe viel stärker arbeiten, um den Körper mit sauerstoffreichem Blut zu versorgen. Die Patienten büßen immer mehr an Leistungsfähigkeit ein.

So war es auch bei Harald. Er wusste bereits seit seiner Kindheit von der Erkrankung, ließ sich regelmäßig von Kardiologen behandeln und Tabletten verschreiben. Aber in den vergangenen Jahren kam er zunehmend schlechter zurecht. „Ich habe im Fitnessstudio immer früher schlappgemacht, war in der Arbeit oft erschöpft“, berichtet der 41-Jährige, der als Koch in einer städtischen Kindertagesstätte arbeitet.

„Er hätte schon früher operiert werden können“, sagt Lange. „Durch den Eingriff hat er gute Chancen, dass es ihm bald entscheidend besser geht.“ 

Wie Harald werden inzwischen immer mehr Patienten so operiert, dass ihre eigene Herzklappe erhalten bleibt. „Das Reparatur-Verfahren hat sich als sehr erfolgreich entpuppt“, sagt Lange. Allerdings herrscht in puncto OP-Technik selbst bei Herzchirurgen noch viel Nachholbedarf. So wurde Harald quasi zum Ausbildungsassistenten: „Ich habe mich gerne live operieren lassen, damit künftig noch mehr Patienten besser behandelt werden können.“

„OP steigert Lebensqualität“ 

Wenn es eine Champions League der Herzchirurgen gäbe, dann wäre er sicherlich einer der Top-Profis: Professor Dr. Rüdiger Lange hat riesen Erfahrung, gilt als Perfektionist am OP-Tisch. Unter seiner Führung hat sich das Deutsche Herzzentrum München (DHM) zu einer der ersten Adressen auch beim Thema Herzklappen-Chirurgie weiterentwickelt. Zu Langes Steckenpferden gehört die Reparatur von defekten Klappen. Im tz-Interview erklärt der Ärztliche Direktor des DHM, warum diese Behandlungsmethode immer wichtiger wird.

Bei mehreren Live-Operationen haben Ihnen gerade 200 Kollegen aus aller Welt praktisch über die Schulter geschaut. Was ist an der Reparatur einer Herzklappe so schwierig?

Professor Dr. Rüdiger Lange: Der Operateur bewegt sich mit filigranen Instrumenten auf engstem Raum. Die Aufhängungen einer Herzklappe kann man sich wie hauchdünne Fäden vorstellen. Das erfordert vorsichtiges und sehr präzises Arbeiten, oft über mehrere Stunden. Wir haben die OP-Methode hier im Herzzentrum immer weiter verfeinert, geben unser Know-how regelmäßig an interessierte Kollegen weiter.

Und wie können Patienten davon profitieren?

Professor Dr. Rüdiger Lange: Es ist – wenn es das individuelle Krankheitsbild des Patienten zulässt – immer erfolgversprechender, eine Herzklappe zu reparieren, als sie durch eine Prothese zu ersetzen. Denn wir wissen inzwischen aus klinischen Studien und anderen Auswertungen, dass eine Reparatur bessere Behandlungsergebnisse bringt. Die Patienten haben eine längere Lebenserwartung und eine bessere Lebensqualität.

Wie muss man sich diese ­Verbesserungen im Alltag der Patienten vorstellen?

Professor Dr. Rüdiger Lange: Sie kommen etwa mit weniger Medikamenten aus, dadurch bleiben ihnen auch Nebenwirkungen erspart. Außerdem wird seltener eine weitere Operation an der Klappe erforderlich. Bei eingesetzten biologischen Klappen kann es passieren, dass man sie austauschen muss.

Vor einer Herz-OP haben viele Patienten Angst. Wie gefährlich ist der Eingriff an der Herzklappe?

Professor Dr. Rüdiger Lange: Es gibt natürlich keine OP ohne Risiko. Aber in den Händen eines erfahrenen Operateurs ist die Reparatur einer Herzklappe ein sehr sicheres Verfahren. Die Wahrscheinlichkeit von ernsten Komplikationen liegt bei wenigen Prozent. Zumal die Herzklappe immer öfter minimalinvasiv repariert werden kann – also mit der sogenannten Schlüsselloch-Technik.

Wo liegt der Unterschied?

Professor Dr. Rüdiger Lange: Bei der herkömmlichen Methode muss das Brustbein des Patienten auf einer Länge von 20 bis 30 Zentimetern geöffnet werden. Wenn man minimal­invasiv operiert, reichen kleine Schnitte von wenigen Zentimetern. Das hat auch den Vorteil, dass sich der Patient nach dem Eingriff schneller erholt. Oft kann er schon nach wenigen Tagen Klinikaufenthalt in die Reha entlassen werden.

tz-Stichwort: Mitralklappe

Die Mitralklappe ist eine von vier Herzklappen – sie heißt so, weil sie in ihrer Form an eine Bischofsmütze (Mitra) erinnert. „Gemeinsam mit der Aortenklappe muss die Mitralklappe den größten Stress aushalten“, erklärt Prof. Christian Schreiber vom Herzzentrum. „Deshalb gehen diese beiden Klappen auch am häufigsten kaputt.“ Früher hat man sie in den meisten Fällen mit künstlichen Klappen ersetzt, diese Prothesen bestehen aus Karbon oder Metall. „Heute nimmt man – wenn eine Reparatur nicht möglich ist – eher biologische Ersatzklappen her“, so Schreiber. „Sie stammen vom Schwein oder vom Rind.“

Andreas Beez

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