tz-Serie über Spitzenmedizin in München

Neue Herzklappe ohne OP

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Professor Rüdiger Lange

München - Demnächst wird im Herzzentrum die 1000. sogenannte Katheterklappe eingesetzt. Diese Erfolgsgeschichte bildet heute den Abschluss der großen tz-Serie über Spitzenmedizin in München.

Es ist ein berührendes Wiedersehen im Deutschen Herzzentrum. Ein zutiefst menschlicher Moment inmitten hochtechnologisierter Spitzenmedizin, bei dem auch ein paar Tränen fließen: Elisabeth Haas aus Trudering (79) schaut zur Routineuntersuchung bei Professor Rüdiger Lange vorbei (59). Sechs Jahre sind seit ihrer ersten Begegnung vergangen. Und damals sah es so aus, als hätte Elisabeth Haas nicht mehr lange zu leben. Ihr Herz verlor immer mehr an Kraft; die sogenannte Aortenklappe, quasi die Tür zur Hauptschlagader, öffnete sich kaum noch. Es musste etwas geschehen, aber eine Operation war viel zu riskant. Trotzdem gelang es Professor Lange und seinem Team, die Seniorin zu retten – mit einem damals revolutionären Verfahren: „Frau Haas war die erste Patientin, der wir ohne Operation eine neue Herzklappe eingesetzt haben – nur über einen Katheter durch die Beinarterie“, erinnert sich der Ärztliche Direktor des Deutschen Herzzentrums. Heute ist Elisabeth Haas noch immer am Leben. Gesund und rüstig. Und viele andere Patienten nach ihr haben von der Hightech-Methode profitiert. Demnächst wird im Herzzentrum die 1000. sogenannte Katheterklappe eingesetzt. Diese Erfolgsgeschichte bildet den Abschluss der großen tz-Serie über Spitzenmedizin in München.

Andreas Beez

Elisabeth Haas hat es nicht immer leicht gehabt im Leben, manchen Schicksalsschlag verkraftet. Zuletzt musste die temperamentvolle Truderingerin ihren Ehemann an den lieben Gott zurückgeben – nach 56 gemeinsamen Jahren. „Mein Franz war ein wunderbarer Mensch. Es tut weh, dass er nimmer da ist, jeden Tag“, sagt die Witwe. „Aber ich konnte bis zuletzt für meinen Mann da sein, mich um ihn kümmern. So, wie ich es ihm bei unserer Hochzeit versprochen habe. Dafür bin ich dankbar.“

Als sie 2007 zum ersten Mal im Behandlungszimmer von Professor Lange saß, hatte sie große Angst, vor ihrem pflegebedürftigen Mann gehen zu müssen. „Er war ja so hilflos, ich wollte ihn nicht alleine lassen.“ So vertraute Elisabeth Haas auf die Kunst der Ärzte. Sie wagten damals eine Premiere – die erste Katheterklappe. „Ich habe fest daran geglaubt, dass es gutgehen wird.“ Bis heute hat sie es nicht bereut: „Ich fühle mich leistungsfähig, kann meine Hausarbeit erledigen und ganz gut Treppen steigen.“ Eben den Alltag bewältigen.

Wie wertvoll das neue Verfahren ist, erleben die Ärzte im Herzzentrum häufig. „Wir haben immer wieder Patienten, die wir nicht am offenen Herzen operieren können, weil sie diesen Eingriff vermutlich nicht überleben würden. In diesen Fällen ist die Katheterklappe oft die einzige Alternative“, erklärt Professor Lange.

So konnten die Herzchirurgen auch Silvia Pfaller aus Greding helfen. Die junge Mama hat einen angeborenen Herzfehler. Sie ist gerade mal 35 Jahre alt, aber schon fünfmal am Herzen operiert worden. „Nach so vielen Eingriffen ist das Gewebe brüchig und vernarbt. Noch dazu hätten wir bei Frau Pfaller die sogenannte Mitralklappe ersetzen müssen. Das ist wesentlich riskanter als ein Eingriff an der Aortenklappe“, erklärt Lange. „Eine offene OP hätte sehr gefährlich werden können. Das wäre nicht vertretbar gewesen.“

Der Klinikchef weiß, wovon er spricht. Schließlich gehört das Herzzentrum beim Einsetzen von Klappen mit Hilfe eines Katheters zu den drei weltweit erfahrensten Kliniken. Und Silvia Pfaller ist natürlich heilfroh, dass ihr auch ohne OP geholfen werden konnte. Sie denkt an ihre Sonnenscheine Laura (7) und Dominik (3). „Die halten mich ganz schön auf Trab. Und dank der neuen Herzklappe fühle ich mich viel belastbarer.“ Demnächst möchte die Finanzbeamtin wieder arbeiten gehen.

Auch Elisabeth Haas steckt voller Tatendrang. Bald wird sie ihren 80. Geburtstag feiern. Sie denkt gerne an jenen Sommertag 2007 zurück, als sie ihre neue Herklappe eingesetzt bekam. Gar nicht mal so sehr wegen der Ärzte, sondern wegen ihrem Franz. Er war zu schwach, um ihr in der Klinik beizustehen, machte sich aber große Sorgen. Nach dem Eingriff reichte eine Schwester Elisabeth Haas den Telefonhörer, ihr Franz war dran. „Er war so aufgeregt, hat mich gefragt: Liesl, hast du es hinter dir? Ist mit dir alles in Ordnung? Als er meine Stimme hörte, da hat er leise angefangen zu weinen.“ Und nur noch drei Worte herausgebracht, die alles sagen: „Gott sei Dank!“

So funktioniert der Eingriff

Die künstliche Klappe wird aus Rinder- oder Schweine­herzgewebe hergestellt. Als „Transportmittel“ dient ein spezielles Gitterröhrchen. ­Dieser sogenannte Stent besteht aus ­einer Titan-Nickel-Legierung. Der Clou daran: „Das Material wird bei Kälte weich und bei Wärme hart“, erklärt Professor Rüdiger Lange.

Unmittelbar vor dem Eingriff wird der Stent in Eiswasser gebadet. Dadurch können ihn die Ärzte auf Miniformat zusammenfalten.

Nun kommt ein Katheter zum Einsatz, den die Spezialisten zuvor in die Beinarterie eingeführt haben. Dieser dünne Schlauch wird durch mehrere Arterien und das Herz selbst bis zum „Einsatzort“ vorgeschoben. An der Spitze des Katheters befindet sich der Stent mitsamt der daran befestigten Klappe.

Lange: „Wenn wir das Implantat in die exakte Position manövriert haben, ziehen wir den Katheter zurück. Dadurch entfaltet sich die Klappe von selbst, oder sie wird durch einen Ballon in die richtige Position gedrückt.“

Unser Experte

Professor Rüdiger Lange (59) gehört zur Elite der deutschen ­Herzchirurgen und genießt weltweit großes Renommee. Er studierte in Bonn und München, arbeitete unter anderem an der berühmten Harvard Medical School in Boston (USA) sowie als leitender Oberarzt an der Universitätsklinik in Heidelberg. Seit 1999 ist Professor Lange Direktor der Klinik für Herz- und Gefäß­chirurgie am Deutschen ­Herzzentrum München in der ­Lazarettstraße. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Professor Langes Tipps fürs Herz

1.) Wir sollten grundsätzlich auf die Warnsignale unseres Körpers hören. Wenn Sie also heftige Atemnot bekommen oder ein Engegefühl in der Brust verbunden mit starken Schmerzen spüren, dann sollten Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen. Zögern Sie nicht – auch wenn sich die Beschwerden nachts einstellen. Denn die meisten Herzinfarkte geschehen in den frühen Morgenstunden. In dieser Zeit erwacht der Körper und schüttet Stresshormone aus. Bei einem Herzinfarkt können Minuten über Leben und Tod entscheiden.

2.) Nach einer schweren Erkältung sollten Sie drei bis vier Tage warten, bis Sie wieder mit dem Sport ­beginnen. Sonst droht die Gefahr ­einer Herzmuskelentzündung. Und die kann im schlimmsten Fall sogar tödlich enden.

3.) Ich kann Ihnen diesen Rat nicht ersparen – auch wenn Sie es vielleicht nicht mehr hören können: Rauchen ist der Gefäßkiller und Feind des Herzens Nummer eins. Auch Über­gewicht kann Ihnen sehr schaden. Man muss kein Leistungssportler sein, um mit etwas Bewegung seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun. Machen Sie nicht zu viel – dafür aber regelmäßig ein bisschen.

4.) Wenn in Ihrer Familie bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorgekommen sind, sollten Sie ab ihrem 50. Lebensjahr regelmäßig ein Belastungs-EKG machen lassen.

5.) Gerade für Übergewichtige ist Bewegung wichtig. Aber in ­einem vernünftigen Maß. Das bedeutet: Wer einige Kilos zu viel auf den Rippen hat, der sollte langsam mit dem Training beginnen und auf keinen Fall sofort an seine Leistungsgrenzen gehen. Menschen ab 65 Jahren sollten eher Ausdauersport wie Radeln, Walken oder Schwimmen betreiben als Kraftsport. Denn der Kraftsport provoziert immer wieder Belastungsspitzen – und die bedeuten Stress fürs Herz.

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