Neue Schlagader aus acht Einzelteilen

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Helga Schwarzmeier (hier mit Dr. Jörg Hawlitzky) ist froh darüber, dass die OP so gut geklappt hat.

Lebensrettende OP dank tz: Wie eine Aneurysma-Patientin ihre "Bombe im Bauch" loswurde.

In schwierigen Lebenssituationen braucht man manchmal ein bisserl Anschubhilfe, um sich selbst einen Ruck zu geben. Wie wichtig so ein gefühlter Klapps im Kopf sein kann, zeigt die dramatische Geschichte von Helga Schwarzmeier: Obwohl die 75-Jährige an einer lebensgefährlichen Erweiterung der Bauchschlagader litt, konnte sie sich nicht zu einer Operation durchringen: "Ich hatte einfach furchtbare Angst davor."

Doch eines Morgens las die gebürtige Münchnerin, die heute in Berg am Starnberger See wohnt, in der tz von einem Leidensgenossen: auch ein Münchner. Ähnliches Alter. Dieselbe Erkrankung. Große Angst. Aber er hatte den Eingriff machen lassen und gut überstanden. Inzwischen genießt er wieder pumperlg’sund das Leben.

"Da hab’ ich mir gesagt: Auf geht’s, pack ma’s!" Ein Aha-Erlebnis, das ihr heute noch Tränen der Erleichterung in die Augen spült. Und zwar auch deshalb, weil Helga Schwarzmeier "in die richtigen Hände kam", wie sie selbst sagt.

Genauer gesagt in jene von Dr. Jörg Hawlitzky, dem Chefarzt der Gefäßchirurgie des Chirurgischen Klinikums München-Süd (ehemals Rinecker-Klinik) und des Tutzinger Benedictus-Krankenhauses. Der 50-jährige Mediziner setzte seiner Patientin eine Spezialprothese ein, die zuvor in Australien maßangefertigt worden war.

Jetzt braucht die Seniorin keine Angst mehr davor zu haben, innerlich zu verbluten. Ein Schicksal, das allein in Deutschland jedes Jahr etwa 10.000 Menschen ereilt. Für die Patienten ist diese Gefahr allgegenwärtig, weil das Aneurysma – so der Fachbegriff für die krankhafte Gefäßerweiterung – urplötzlich reißen bzw. platzen kann.

"Je größer es wird, desto höher ist das sogenannte Rupturrisiko", erläutert Dr. Hawlitzky. "Bei einem Durchmesser von 5,1 bis 6,9 Zentimetern steigt das Risiko bereits auf durchschnittlich 39 Prozent an."

Die Zeitbombe in Helga Schwarzmeiers Bauch war bereits auf 5,8 Zentimeter angewachsen. Ihre Entschärfung war kompliziert. Denn im Laufe der letzten zwei bis drei Jahre hatte sich das Aneurysma immer mehr ausgedehnt. "Es lag unmittelbar auf Höhe der Abzweigung der Nierenarterien, außerdem hatte sich in der Beckenschlagader ein zusätzliches, kleineres Aneurysma gebildet", berichtet Dr. Hawlitzky.

Das Grundprinzip der Behandlung: Um alle gefährlichen Erweiterungen auszuschalten, bedarf es einer Spezialprothese – eine Art biegsamer Schlauch aus einem Kunststoff-Draht-Geflecht. Er wird in die erkrankte Schlagader eingesetzt, um ihre Wände von innen zu stützen und abzudichten.

Die besondere Herausforderung im Fall Schwarzmeier war, dass die Prothese mehrere Löcher für abzweigende Arterien aufweisen musste – und zwar millimetergenau an den richtigen Stellen. Für die exakte Planung kam die Patientin in die Röhre, auf der Basis der CT-Bilder wurden die Abstände genau ausgemessen.

Die rund 25.000 Euro teure Maßanfertigung vom anderen Ende der Welt kam in acht Einzelteilen in München an – und zwar aus gutem Grund: Denn während der OP werden sie auf kleinstes Maß zusammengefaltet und mithilfe von dünnen Katheterschläuchlein zum Einsatzort transportiert. Als Zugänge reichen den Spezialisten zwei kleine Hautschnitte in den beiden Leisten. Die Katheter werden durch die Schlagader vorgeschoben.

In ihrem Inneren befinden sich Arbeitsdrähte. Sie dienen dazu, die Einzelteile der Prothese an den erkrankten Stellen zusammenzubauen. Zusätzlich werden weitere kleine Gefäßstützen (Stents) an anderen Problemstellen eingesetzt. Auf einem Monitor können die Ärzte sehen, wo genau sie sich mit den Prothesenteilen und ihren Instrumenten gerade befinden.

Vier Stunden dauerte die Hightech- und Präzisionsarbeit. Helga Schwarzmeier hat davon nichts mitbekommen, sie schlief in Vollnarkose. "Ich hatte keine Schmerzen, weder vor noch nach der Operation." Acht Tage lang musste die Seniorin in der Klinik bleiben. Sie erholte sich schnell – auch dank der liebevollen Unterstützung ihrer Familie. Ehemann Walter (80), Tochter Sabine (52) und Enkelin Miriam (24) sind heilfroh, dass die Sache so gut ausgegangen ist.

"Zumal mich ja vorher alle beschworen hatten, mich operieren zu lassen", gesteht Helga Schwarzmeier. Das Aneurysma ist weg – und mit ihm die Angst. Das einzige "Überbleibsel" ist die tägliche ASS-Tablette, die sie nun lebenslang einnehmen muss. Dieses blutverdünnende Medikament soll dafür sorgen, dass die Prothese nicht verstopft. Ansonsten hat sie keine Einschränkungen. "Ich habe mir das alles viel, viel schlimmer vorgestellt", erzählt die 75-Jährige der tz.

Genau hier liegt der Knackpunkt im Kampf gegen die Bombe im Bauch. "Oft haben die Betroffenen noch mehr Angst vor der OP als vor der Erkrankung selbst", weiß Dr. Hawlitzky und liefert die Erklärung gleich hinterher: "Viele Menschen glauben irrtümlich noch immer, dass sie bei einer Aneurysma-OP grundsätzlich den ganzen Bauch aufgeschnitten bekommen. Dabei können wir inzwischen 95 Prozent der Patienten minimalinvasiv behandeln."

Wie gewaltig dieser medizinische Fortschritt ist, hat Helga Schwarzmeier am eigenen Leib erfahren. "Wenn ich gewusst hätte, wie harmlos dieser Eingriff im Vergleich zur Gefahr des Aneurysmas ist, hätte ich mich viel früher operieren lassen", sagt die 75-Jährige.

Ein Aha-Erlebnis, das sie mit möglichst vielen skeptischen Patienten teilen möchte. „"offentlich hilft es ihnen genauso wie mir damals, wenn sie über ein positives Beispiel in der Zeitung lesen", sagt Helga Schwarzmeier. Eine tz-Leserin, die Mut macht. Schwarz auf weiß.

tz

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