tz-Interview mit Dr. Parasta

Neue Strom-Therapie gegen absterbende Sehnerven

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Dr. Parasta legt die Haube an, mit der Strom durch den Sehnerv geleitet wird.

München -  Dr. Parasta bietet in seiner Münchner Praxis die neue EBS-Therapie gegen absterbende Sehnerven an. Im tz-Gespräch erklärt er, für wen die Behandlung sinnvoll sein kann.

Sehnerven sind echte Sensibelchen: Ist eine Faser krank, schwächeln die Nachbarn gleich mit. „Die Nervenzellen sind miteinander verflochten“, erklärt Augenarzt Dr. Amir-Mobarez Parasta: „Wenn eine Nervenzelle aus irgendeinem Grund geschädigt wird und keine Signale mehr weiterleitet, irritiert das die Nachbarn, sodass auch sie die Arbeit einstellen und verkümmern.“ Sekundäre Apoptose – nachrangiger Zelltod heißt dieses Phänomen in der Medizin. Bisher sind Patienten dem hilflos und nicht selten verzweifelt ausgeliefert: Sie sehen immer schlechter, und bisher gab es keine Möglichkeit, diesen Verfall zu stoppen und das Sehen wieder zu verbessern. Doch seit Kurzem gibt es eine neue Therapie, bei der schwacher Wechselstrom gezielt durch den Sehnerv geleitet werden kann. Die Nerven werden sozusagen wieder zum Leben erweckt und können sich regenerieren! Allerdings wirkt diese EBS-Therapie nicht bei jedem Patienten. Je länger der Nerv schon leidet, desto schwerer ist es, ihn wieder zu aktivieren. Dennoch können selbst kleine Verbesserungen für das Leben von Menschen einen großen Unterschied machen: wenn Gegenstände und Menschen z. B. wieder besser erkannt werden und man sich wieder allein in der Wohnung zurechtfindet. Dr. Parasta bietet in seiner Münchner Praxis die neue EBS-Therapie seit einigen Monaten an. Im tz-Gespräch berichtet er von seinen Erfahrungen und erklärt, für wen die Behandlung sinnvoll sein kann.

tz-Interview mit Dr. Parasta, Augenarzt in München

Wie funktioniert die neue Stromtherapie?

Dr. Amir-Mobarez Parasta: Mithilfe einer Messhaube und einer Stimulationsbrille können wir Strom durch den Sehnerv zum Gehirn leiten. Wir täuschen damit eine Aktivität der Nervenbahnen vor. Das hat einen doppelten Effekt: Die bisher ungeschädigten Zellen bleiben aktiv, und der Körper wird versuchen, den geschädigten Nerv zu reparieren, anstatt ihn absterben zu lassen. Der Patient setzt sich eine Haube auf, mit der wir die Gehirnströme messen können. Und er bekommt eine Stimulationsbrille. Jeder Patient braucht eine individuelle Frequenz und Stromstärke. Um diese zu finden, brauchen wir die Mitarbeit des Patienten. Er muss uns sagen, wann er ein Flimmern, ähnlich eines Schwarz-Weiß-Testbildes im Fernsehen, sehen kann. Dieses Flimmern zeigt uns, dass es noch intakte Nervenbahnen gibt, die die Signale weiterleiten. Die Methode funktioniert daher nicht bei kleinen Kindern, weil sie uns keine Schwelle nennen können. Die Behandlung selbst ist nicht schmerzhaft und nicht gefährlich.

Wie lange dauert eine Behandlung?

Parasta: Zunächst findet eine gründliche Untersuchung statt. Es wird auch überprüft, ob die Ursachen bzw. Erkrankungen, die zum Gesichtsfeldausfall geführt haben, wirklich ausreichend behandelt sind. Also: Ist der Augendruck bei Glaukom-Patienten wirklich gut eingestellt, oder brauchen sie vielleicht vor einer Therapie noch eine drucksenkende Operation? Es macht ja keinen Sinn, den Sehnerv zu behandeln, wenn er gleichzeitig weiter geschädigt wird. Dann werden wir das Gesichtsfeld untersuchen, dabei entstehen charakteristische Muster, anhand derer wir erkennen, ob es sich wirklich um ein Problem am Sehnerv handelt. Erst dann können wir die Stromtherapie beginnen. Eine Behandlung umfasst sieben bis zehn Sitzungen an aufeinanderfolgenden Werktagen. Jede Sitzung dauert circa 70 Minuten. Meist sieht man schon nach wenigen Tagen, ob die Behandlung wirkt. Manche Patienten geben an, dass sie im Alltag besser zurechtkommen, wieder mit den Enkeln spielen oder den Nachrichtensprecher im Fernsehen erkennen können. Aber wir sehen auch Verbesserungen der Gesichtsfeldmuster.

Wem hilft die Behandlung am besten?

Vor der Therapie wird das Auge untersucht.

Parasta: Wenn eine Nervenzelle abgestorben ist, können wir sie nicht wieder zum Leben erwecken. Daher haben wir besonders bei Akut-Ereignissen gute Erfolge. Eine Patientin von mir war auf einen Besen getreten, hatte den Stil ins Auge bekommen und war auf diesem Auge erblindet. Früher hätte sie abwarten müssen, was in den nächsten Wochen passiert. Wir konnten die Heilung mit einer Stromtherapie unterstützen und die Sehfähigkeit deutlich verbessern. Ebenso kann man bei Durchblutungsstörungen am Sehnerv früh mit einer Behandlung beginnen, einfach um das Absterben von Nervenzellen zu verhindern. Optimal wäre in den ersten vier bis sechs Wochen nach dem Ereignis. Aber immer wieder müssen wir Patienten enttäuschen, weil sie einfach zu viel erwarten und auch, weil sie die normale Behandlung ihrer Erkrankung vernachlässigen. Die Stromtherapie ist kein Ersatz für bewährte Therapien in der modernen Medizin. Tropfen und Operationen wird die Stromtherapie nicht ersetzen können.

Wer zahlt die Therapie?

Parasta: Bisher zahlen nur wenige Private Krankenkassen die EBS-Stromtherapie, die pro Behandlungssequenz circa 4000 Euro kostet. Es ist eben noch eine ganz neue Behandlung.

Dr. Parasta ist leitender Arzt im Augenzentrum (Riem, Haidhausen). Infos unter: www.augenzentrum.net oder 089/45 45 30 40

Sehnerv in Gefahr - Ein fünf Zentimter langes Sensibelchen

Der Sehnerv ist in ständiger Gefahr: Millionen von Menschen in Deutschland leiden unter sogenannten Gesichtsfeldausfällen. Sie können plötzlich auftreten oder sich schleichend entwickeln. Im Prinzip sind es drei Ereignisse, die den Sehnerv auf Dauer schädigen können: Durchblutungsstörungen, erhöhter Augeninnendruck und Schläge oder andere Traumaereignisse, die das Auge treffen. Beim Schlag aufs Auge kann das Auge plötzlich erblinden, bei chronisch am Grünen Star erkrankten Personen führt ein zu hoher Augendruck zum Verlust von Sehnerven. Bei Bluthochdruck kommt es häufiger zu sogenannten Augeninfarkten, wenn Arterien, die den Sehnerv mit sauerstoffreichem Blut und Nährstoffen versorgen, plötzlich verstopfen und der Nerv unterversorgt wird und teilweise abstirbt. Der Patient sieht auf einmal verschwommen, oder dunkle bzw. helle Flecken verbergen dauerhaft das komplette Bild.

Der Sehnerv wird auch als Nervus Opticus bezeichnet. Er ist etwa vier bis fünf Zentimeter lang und besteht aus gebündelten Nervenfasern. Er leitet die elektrischen Signale der Netzhaut an das Gehirn weiter, das die Signale schließlich in Bilder umwandelt.

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