Großer tz-Report

Neue Therapie bei Schlaganfällen: Hightech fürs Hirn

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Wiltrud Schöx wurde mit dem neuen Verfahren erfolgreich behandelt - hinter ihr die Harlachinger Spezialisten (v. li.) Prof. Gernot Schulte-Altedorneburg, Dr. Dennis Dietrich und Dr. Wolfgang Gerdsmeier-Petz.

München - Schlaganfall-Patienten können auf eine neue Methode zur Entfernung von Blutgerinnseln aus dem Gehirn vertrauen. Ein Experte erläutert das genaue Vorgehen.

Erst seit wenigen Jahren haben Schlaganfall-Spezialisten ein neues Verfahren an der Hand, um Blutgerinnsel mechanisch direkt aus dem Gehirn zu entfernen - ohne Operation, stattdessen minimalinvasiv in sogenannter Schlüssellochtechnik. Das Gerät trägt den englischen Namen Stent-Retriever. Bei einem Stent handelt es sich um eine Art Gitterröhrchen. Es ähnelt den Gefäßstützen, die im Herzkatheterlabor zur Stabilisierung von erkrankten Herzkranzgefäßen eingesetzt werden. Der entscheidende Unterschied: Bei der Schlaganfallbehandlung dient der Stent praktisch als Transportbehältnis für das Blutgerinnsel, er wird also wieder aus dem Blutgefäß herausgezogen. In der tz erklärt Professor Gernot Schulte-Altedorneburg, Neuroradiologe am städtischen Klinikum Harlaching, wie der Stent-Retriever funktioniert. Teil zwei unseres großen Schlaganfall-Reports

So funktioniert die neue Therapie

Das Grundprinzip ist dasselbe wie beim Herzkatheter: Ein biegsames, dünnes Kunststoff-Schläuchlein wird durch die Leistenarterie eingeführt. Im Falle einer Herzkatheteruntersuchung wird dieses Schläuchlein bis ins Herz vorgeschoben. Es dient nicht nur zum Erkennen von Gefäßverschlüssen, sondern auch als Arbeitskanal zur Wiedereröffnung der Blockadestelle. In dessen Innerem lassen sich beispielsweise Drähte und zusammengefaltete Dehnungs-Ballons transportieren, um eine Verstopfung zu beseitigen. "Der Stent-Retriever funktioniert ähnlich", erläutert Professor Gernot Schulte-Altedorneburg. "Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass man den Katheterschlauch in der Hauptschlagader nicht nach links ins Herz manövriert, sondern weiter bis ins Gehirn."

Um dort in feinsten Blutgefäßen schonend arbeiten zu können, verwenden die Schlaganfall-Spezialisten eine Art Tele­skopsystem. Es besteht aus drei ineinander gesteckten Schläuchen unterschiedlichen Durchmessers. "Zunächst wird ein dicker Schlauch bis in die Hals- oder Nackenschlagader geschoben. Er dient praktisch als Schiene", so der Radiologe. "Durch den großen Katheter wird ein zweiter, mittelgroßer Katheter eingeführt. Er ist wesentlich biegsamer und lässt sich bis in die Gehirnarterien manöv­rieren. In diesem wiederum wird ein drittes Schläuchlein bis zur Verschlussstelle befördert, der sogenannte Mikrokatheter. Er hat einen Durchmesser von weniger als einem Millimeter."

Durch den Mikrokatheter wird der Stent-Retriever vorgeschoben - eine Art Gefäßstütze in Röhrchenform. "Darin soll sich das Blutgerinnsel verfangen", erläutert Professor Schulte-Altedorneburg. Nach einer Wartezeit von ein paar Minuten wird der Stent-Retriever durch den mittleren Katheter zurückgezogen und gleichzeitig ein Saugmechanismus in Gang gesetzt. "Er soll verhindern, dass beim Abtransport aus dem Körper Teile des Blutgerinnsels verlorengehen und einen neuen Verschluss bilden. Diese Abfall-Partikel werden praktisch eingesaugt."

Seit 2009 in Harlaching 500 Mal angewendet

In Harlaching sind seit 2009 knapp 500 Patienten mit dem Stent-Retriever behandelt worden - Tendenz steigend, alleine im vergangenen Jahr waren es 110. Das Risiko ist überschaubar. Theoretisch könnten zwar beispielsweise Gefäße mit dem Katheter-Draht verletzt werden, aber insgesamt sei die Komplikationsrate gering, so der Experte. Sie liege bei einem bis drei Prozent.

Trotz der hohen Erfolgsquote können aber nicht alle Schlaganfallpatienten mit dem Stent-Retriever behandelt werden. "Ob das neue Verfahren angewendet werden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab", berichtet Prof. Schulte-Altedorneburg. "Unter anderem muss sich bei den weiterführenden Spezialuntersuchungen in der CT-Röhre herauskristallisiert haben, dass eine der größeren Gehirnarterien verschlossen ist. Zwischen dem Auftreten der Symptome und der Wiedereröffnung der Gehirnarterie sollten nicht mehr als sechs Stunden vergangen sein. In bestimmten Fällen ist die Anwendung jedoch auch noch zu einem späteren Zeitpunkt möglich, sofern noch rettbares Hirngewebe vorhanden ist. Außerdem muss der Gesamtzustand des Patienten so stabil sein, dass das Risiko eines Eingriffs vertretbar ist."

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