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Organspende – das müssen Sie wissen

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Organspendeausweise im Scheckkartenformat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
Organspendeausweise im Scheckkartenformat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). © dpa

München - Die tz sprach mit Prof. Bruno Meiser, Leiter des Transplantationszentrums der LMU München, über das Thema Organspende und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Einen Körper zu bestatten, obwohl einzelne Organe weiterleben und andere Menschen hätten retten können – das ist für viele Mediziner glatte Verschwendung. Doch selbst wenn jeder von uns bereit wäre, Herz, Lunge, Leber, seine Augen oder die Niere nach dem Tod herzugeben, würden immer noch viele Menschen vergeblich auf Organe hoffen. Über 10 000 Deutsche stehen auf der Warteliste, aber nur ein kleiner Teil der Verstorbenen kommt in Deutschland überhaupt als Organspender infrage. Jedes Jahr sterben bei uns über 800 000 Menschen, die Hälfte davon im Krankenhaus. Geschätzte 3000 bis 4000 von ihnen erleiden einen Hirntod, der Voraussetzung für eine Organspende ist. Von diesen gaben 2013 etwa 900 ihre Organe frei und über 3000 Kranken wurde damit ein besseres Leben geschenkt.

tz-Interview mit Prof. Bruno Meiser, Leiter Transplantationszentrum

Professor Meiser, Sie leiten das Transplantationszentrum der LMU München. Ich persönlich habe keinen Organspendeausweis. Warum sollte ich mir einen zulegen?

Professor Bruno Meiser: Das ist eine ganz persönliche Entscheidung, die jeder für sich frei treffen kann. Aber alle Menschen sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen, gerade in jüngeren Jahren, wenn man noch nicht so mit dem Tod konfrontiert ist. Diese Entscheidung sollte man nicht den Angehörigen überlassen. Natürlich plädiere ich dafür, sich für die Organspende zu entscheiden, weil es ein Akt der Nächstenliebe ist. Mit dieser Entscheidung kann man über den eigenen Tod hinaus bis zu acht Menschen ein neues Leben oder eine erheblich verbesserte Lebensqualität schenken.

Die meisten Menschen wünschen sich einen Tod ohne lebensverlängernde Maßnahmen. Wir möchten daheim im Kreis von lieben Menschen sterben. Das steht im krassen Gegensatz zu den medizinischen Notwendigkeiten bei einer Organspende.

Meiser: Nein, das tut es nicht. Patienten, die eine chronische Krankheit oder Krebs haben oder im hohen Alter zu Hause versterben, sind ausgeschlossen. Die Mehrzahl der Organspender sind Menschen, die einen Hirninfarkt, eine Hirnblutung oder z. B. ein Schädel-Hirn-Trauma bei einem Unfall erleiden. Das sind meist Männer und Frauen zwischen 30 und 60 Jahren. Dieser Schicksalsschlag kommt sehr plötzlich, die Schwerkranken kommen immer in eine Klinik auf die Intensivstation, wo dann, wenn sie verstorben sind, auch der Hirntod festgestellt wird. Eine Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder gestellt wird, lautet: Wird auch für Organspender alles medizinisch Mögliche getan? Abgesehen davon, dass jeder Arzt um jedes Leben kämpft, hat der Arzt keinen Vorteil, wenn sein Patient ein Organspender ist oder wird. Die eigene Klinik profitiert nicht davon, denn die Organe werden über Eurotransplant an Patienten in der Regel in ganz Deutschland verteilt. Es wäre für den Arzt einfacher, den Angehörigen zu sagen: Ihr Verwandter ist leider verstorben, und wenn wir die Maschinen abstellen, wird das Herz aufhören zu schlagen. Eine Organspende bedeutet dagegen einen erheblichen Aufwand. Die Hirntoddiagnostik muss den Vorschriften gemäß durchgeführt werden, zwei Ärzte müssen unabhängig voneinander zweimal nach einem festgelegten Prozedere bestätigen, dass das Gehirn unwiederbringlich abgestorben ist. Der Arzt muss mit den Angehörigen sprechen, das sind sehr lange und intensive Gespräche. Gleichzeitig müssen die Funktionen, die durch den Tod ausgefallen sind, künstlich aufrechterhalten werden. Dann müssen eine Operation vorbereitet, ein OP-Saal und Personal bereitgestellt werden, um Organe zu entnehmen. Das ist ein Riesenaufwand. Jedem Arzt wäre es lieber, sein Patient erholt sich und spricht auf die Behandlung an. Eine zweite Frage, die oft gestellt wird, lautet: Bin ich wirklich tot?

Für die Angehörigen sieht der Tote halt noch nicht tot aus, solange er noch atmet und das Herz schlägt.

Meiser: Man kann nur einmal tot sein, aber es gibt zwei Arten, zu versterben: der irreversible Ausfall der HerzKreislauf-Funktion und der irreversible Ausfall der Hirnfunktion. Das eine bedingt immer das andere. Wenn das Herz nach einem Herzinfarkt stehen bleibt, dann wird auch das Gehirn nicht mehr durchblutet und stirbt ab. Wenn sie einen schweren Hirninfarkt haben, dann schwillt ihr Hirn an, das Atemzentrum wird eingeklemmt, sie atmen nicht mehr, das Herz bleibt stehen. Einen Ausfall der Herz-Kreislauf-Funktion können sie in manchen Fällen durch Reanimation oder Anschluss an eine Maschine überbrücken bzw. wieder zurückholen. Beim Gehirn geht das nicht, ein Gehirn kann man nicht wiederbeleben. Jemand, der hirntot ist, ist unwiederbringlich tot.

Wie gesagt, wir stellen uns eben den Tod anders vor, als einen Menschen, dessen Herz noch schlägt.

Meiser: Das ist wirklich verständlich. Die Angehörigen sind unter Schock, sie stehen womöglich vor einer Vielzahl von Problemen, müssen viele Dinge regeln, und dann sollen sie noch über eine Organentnahme entscheiden. Ihr geliebter Mensch liegt da und sieht rosig aus. Die Lunge ist beatmet, Herz, Leber und Niere funktionieren. Aber es handelt sich um einen Verstorbenen, um es schonungslos zu sagen, um eine beatmete Leiche. In dem Moment, wo die Beatmungsmaschine abgestellt wird, läuft der Mensch blau an, das Herz bleibt stehen, die Leichenstarre tritt ein. So schwer es auch in dieser Situation ist, die Entscheidung für die Organentnahme, die Gewissheit, anderen ein neues Leben zu schenken, spendet auch vielen Angehörigen großen Trost.

Um die Anzahl der gespendeten Organe zu erhöhen, können Organe von Herztoten auch wiederbelebt werden. Ist so etwas die Zukunft?

Meiser: Nein, nicht in Deutschland, der Gesetzgeber hält am Konzept des Hirntods fest. Menschen, die einen Herz-Kreislauf-Tod erleiden, dürfen in Deutschland anders als in anderen Ländern nicht als Spender genommen werden.

Professor Bruno Meiser leitet das Transplantationszentrum der LMU-München.

Interview: S. Stockmann

Welche Kranken erhalten die rettenden Organe?

Was ist eine Organ-Allokation?

Da es deutlich weniger gespendete Organe als mögliche Empfänger gibt, muss es möglichst gerechte und transparente Regelungen geben, welcher Kranke die Chance auf ein neues Leben bekommt. Die Allokation (Verteilung) wird permanent dem Stand der medizinischen Wissenschaft angepasst. Professor Bruno Meiser ist in diesen Prozess einbezogen: „Generell kommt es darauf an, wie wichtig das Organ für das aktuelle Überleben des Kranken ist, oder ob es Ersatztherapien gibt.“ Für Nierenkranke gibt es die Dialyse, daher ist die Organvergabe nicht auf die Dringlichkeit ausgerichtet, sondern auf die beste Übereinstimmung zwischen Spender und Empfänger. Meiser: „Eine Niere, die von den Gewebemerkmalen gut übereinstimmt, hält im Schnitt fünf, sechs Jahre länger. Sie hat eine längere Lebenszeit im Empfänger.“ Bei anderen Organen steht die Dringlichkeit im Vordergrund. Die Kriterien für die Vergabe von Herzen werden z. B. gerade überarbeitet. In Zukunft soll stärker berücksichtigt werden, welche Überlebenschance der Patient mit dem neuen Organ hat. Vielfach wurde kritisiert, dass die Patienten kurze Zeit nach der Transplantation gestorben sind.

Was macht Eurotransplant?

Kooperation rettet Leben – das ist das Motto von Eurotransplant. Diese Organisation ist ein Zusammenschluss von acht Ländern mit dem Ziel, Spenderorgane länderübergreifend zu verteilen. Meiser: „Dieser Verbund von 135 Millionen Einwohnern macht es möglich, dass Sie im Schnitt binnen 48 Stunden eine Leber bekommen, wenn Sie zum Beispiel giftige Pilze gegessen haben und deswegen ins akute Leberversagen gerutscht sind.“

Worum ging es beim Organspende-Skandal?

Im Jahr 2012 wurde bekannt, dass Mediziner in Göttingen, Regensburg, in München am rechts der Isar und Leipzig Krankenakten oder Laborproben gefälscht haben sollen, um ihre Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen. Die Ärzte haben ihre Patienten als kränker beschrieben als sie waren, damit sie auf der Warteliste nach oben klettern. Seit den Ermittlungen hat die Organspende-Bereitschaft in Deutschland einen Tiefstand erreicht. Von einer Vertrauenskrise ist die Rede.

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