Techniker Krankenkasse warnt

Pannen-Gefahr bei künstlichen Gelenken

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Handwerker im Operationssaal.

München - Kaputte Hüften und Knie – Hunderttausende leidgeplagte Patienten lassen sich jedes Jahr künstliche Gelenke einsetzen. Doch immer öfter wird die Hoffnung, dadurch endlich wieder auf die Beine zu kommen, bitter enttäuscht.

Davor warnt zumindest die Techniker Krankenkasse (TK). Sie hat nach ­eigenen Angaben verschiedene Datensätze ausgewertet und kommt zum Schluss: „Jede achte sogenannte Endoprothesen-OP in Bayern wird beispielsweise wegen gelockerter Teile, instabiler Prothesen, Produktmängeln oder Serienfehlern nötig“, warnt TK-Landeschef Christian Bredl. „Fünf Jahre zuvor war es nicht einmal jede zehnte.“

Ist die Entwicklung auf dem Gebiet des Gelenkersatzes in Bayern wirklich so schlecht? Experten wie der Münchner Orthopäde Privatdozent Dr. Robert Hube halten die TK-Analyse für fragwürdig und warnen vor einer Verunsicherung der Patienten. Die tz sortiert Fakten und Argumente.

Qualitätsmängeln bei Operationen an Hüften und Knien

Allein in bayerischen Kliniken kommen jährlich über 50 000 Patienten unters Messers, um sich künstliche Knie- oder Hüftgelenke einsetzen zu lassen. Ein immer größerer Teil macht diesen Eingriff nicht zum ersten Mal durch. So lag die Revisionsquote 2013 bei 12,4 Prozent – satte drei Prozent mehr als noch 2009. Revision bedeutet, dass das Erstimplantat durch ein neues Modell ersetzt wird.

Die TK hält diese Entwicklung für besorgniserregend und sieht einen Grund dafür in der mangelnden Daten-Dokumentation zum Wohle der Patienten. „Um ihnen die bestmögliche Behandlung anbieten zu können, wurde vor vier Jahren das Endoprothesen-Register Deutschland (EPRD) gegründet“, erläutert TK-Bayernchef Bredl, „aber aktuell leiten nur 400 Krankenhäuser ihre Daten weiter. Das ist nur jede dritte betroffene Klinik.“

Die Ausweitung der EPRD müsse vorangetrieben werden, so Bredl. „Jede teilnehmende Klinik signalisiert damit: Hier hat Qualität Vorrang. Gerade bei planbaren Eingriffen kann das entscheidend für die Klinikwahl des Patienten sein.“

10-Punkte-Plan für die Gelenk-OP

Was kann ich als Patient tun, um mich auf eine Gelenk-Operation optimal vorzubereiten – und um nach dem Eingriff wieder schnell auf die Beine zu kommen? Dazu hat die Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie (AGA) einen 10-Punkte-Plan erstellt. Mit über 4000 Mitgliedern ist die AGA das größte europäische Experten-Netzwerk auf diesem Spezialgebiet. Viele ihrer Tipps helfen auch Patienten weiter, die über ein künstliches Gelenk nachdenken. Die tz dokumentiert den Experten-Plan.

  1. Die richtige Diagnose sicherstellen! Die größte Fehlerquelle ist eine unpräzise Diagnose. Patienten, denen eine OP angeraten wird, sollten sich mit ihrem Arzt ausführlich austauschen. Im Zweifel sollten sie die Zweitmeinung eines anderen Spezialisten einholen und sich erst dann für oder gegen eine OP entscheiden.
  2. Arzt in die Pflicht nehmen! Eine ausführliche Aufklärung des Arztes über die Ziele der Operation, aber auch über die Nachbehandlung und deren Dauer ist sehr wichtig. Als Patient sollte man darauf achten, dass all diese Punkte verständlich erklärt werden. Ansonsten gilt: Lieber einmal zu viel als zu wenig nachfragen!
  3. Für die OP einen günstigen Zeitpunkt wählen! Wenn kein Notfall vorliegt, sollten Betroffene bei der Terminfindung gut überlegen: Habe ich in der Arbeit eine Phase mit weniger Stress, kann ich nach der OP Urlaub nehmen, habe ich jemanden, der mich in der ersten Zeit versorgt, ist für die anderen Familienmitglieder gesorgt? Erkundigen Sie sich nach Unterstützungs-Angeboten Ihrer Krankenkassen.
  4. Sich für die OP fit machen! Die Zeit bis zum OP-Termin sollte man nutzen, um seine Fitness zu verbessern. Wer körperlich aktiv ist oder sportelt, kräftigt sein Herz-Kreislauf-System, Muskeln und Atemwege. Übergewichtige sollten abnehmen. Das entlastet die Gelenke und schont bei einer OP den Kreislauf.
  5. Mit dem Rauchen aufhören! Aktuelle Studien belegen, dass Rauchen dem Heilungsprozess schadet. Dadurch werden nämlich die kleinsten Blutgefäße verengt, was zu einer verminderten Durchblutung führt. Die Wirkung von auch nur einer Zigarette hält mitunter einige Stunden an, sodass es zu schlechter Heilung aller Gewebearten kommt.
  6. Auf Zertifizierung der Ärzte achten! Viele Gelenk-Operationen können heutzutage schneller und schonender durchgeführt werden als noch vor zehn Jahren. Deshalb sollten sich Patienten bei ihrer Arzt- oder Klinikauswahl danach erkundigen, nach welchen Verfahren operiert wird. Beispielsweise vergibt die AGA ein Zertifikat an Ärzte, die regelmäßig an Weiterbildungen teilnehmen und sich mit anderen Spezialisten austauschen.
  7. Ein ausführliches Entlassungsgespräch führen! Nach der OP sollte sich der Patient über den Eingriff detailliert informieren lassen. Ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt gibt dem Patienten alle wichtigen Einzelheiten der OP selbst mit auf den Weg, aber auch Empfehlungen für das Verhalten zu Hause und für die Nachbehandlung beim Physiotherapeuten.
  8. Fit werden mit begleitender Physiotherapie! Nur ein ausgebildeter Physiotherapeut kann die OP-Unterlagen richtig lesen und anhand der Vorgaben passende Übungen durchführen. Ins Fitness-Studio sollte man erst gehen, wenn die Gelenke wieder voll belastet werden dürfen oder der Arzt einem kontrollierten Trainingsplan zugestimmt hat.
  9. Eigene Mitarbeit gefragt! Zum Heilungserfolg kann der Betroffene selbst entscheidend beitragen. Übungen, die der Physiotherapeut empfiehlt, gilt es in den Alltag zu integrieren, sei es zu Hause oder im Büro. Wartezeiten oder Pausen kann man beispielsweise für kleine Übungen nutzen, ohne extra Zeit aufwenden zu müssen.
  10. Zurück zum Sport! Nach der Aufbauphase gilt es, den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg in die gewohnten sportlichen Aktivitäten zu finden. Dazu sollte man mit dem Physiotherapeuten noch bestehende Defizite, etwa der Muskulatur, bei der Beweglichkeit oder bei Koordination analysieren und zudem eine abschließende Untersuchung beim Operateur vornehmen lassen.

„Übung macht den Meister“

Er zählt zu Deutschlands erfahrensten Endoprothetikern: Privatdozent Dr. Robert Hube setzt jedes Jahr mehrere hundert künstliche Hüft- und Kniegelenke ein. Im tz-Interview analysiert der Fachmann der Orthopädischen Chirurgie München (OCM), wie sich die Medizin auf dem Gebiet des Gelenkersatzes entwickelt hat.

Immer mehr künstliche Knie und Hüften müssen wieder ausgetauscht werden – woran liegt’s: Wird die Qualität der Implantate schlechter, oder machen die Ärzte mehr Fehler?

PD Dr. Robert Hube, Spezialist für künstliche Gelenke.

PD Dr. Robert Hube: Ankeinem von beiden! Es wäre unseriös, die Zahlen so zu deuten. Man muss sich schon genauer anschauen, warum mehr Implantate ersetzt werden müssen als noch vor einigen Jahren. Fakt ist: 90 bis 95 Prozent der Endprothesen halten deutlich länger als zehn Jahre. Inzwischen laufen bei uns in Deutschland aber viele Patienten schon doppelt so lange – also 20 Jahre oder noch länger – mit künstlichen Gelenken herum. Dass dann mal ein Wechsel notwendig werden kann, ist nur logisch. Dazu kommt: Unsere Patienten sind heute viel aktiver, und die Lebensdauer eines Implantats hängt auch damit zusammen, wie stark es der Patient belastet.

Die neue Generation der Prothesen soll doch wesentlich stabiler sein...

PD Dr. Robert Hube: Das stimmt. Aber wir tauschen ja jetzt vor allem ältere Implantate aus. Die Modelle, die wir vor cira 20 Jahren zur Verfügung hatten, waren noch nicht so hochwertig wie heute – gerade, was die Qualität des Kunststoffs betrifft.

Sollte man sich als Patient also genau über sein Prothesenmodell informieren?

PD Dr. Robert Hube: Das bringt wenig. Es gibt leider nicht das eine perfekte Modell, das zu jedem Patienten passt. Ein erfahrener Arzt verfügt über eine ganze Auswahl verschiedener Implantat­systeme und wählt für jeden das passende aus. Spezialisierte Gelenkersatz-Zentren arbeiten mit seriösen Herstellern zusammen. Ihre Prothesenmodelle sind allesamt zertifiziert, sie haben quasi ein Prüfsiegel.

Und woher weiß ich als Patient, dass mein Doktor auch wirklich das geeignete Modell auswählt?

PD Dr. Robert Hube: Ich würde einem Arzt vertrauen, der viel Erfahrung hat. Nur durch Erfahrung lassen sich Fehler minimieren. Auch bei uns gilt eine einfache Faustregel: Handwerk lebt von der Frequenz, und Übung macht den Meister.

Lässt sich die Erfahrung eines Spezialisten messen?

PD Dr. Robert Hube: Ein erfahrener Endoprothetiker sollte mindestens 100 Eingriffe pro Jahr machen.

Andreas Beez

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