Patiententag: Organe retten Leben

Organspende: Was zu klären ist

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Spenderorgane werden dringend gebraucht. Doch wer eine Patientenverfügung gemacht hat, läuft Gefahr, dass diese der Organspende widerspricht. Deshalb sollte man seine Wünsche beizeiten so klar wie möglich formulieren.

Vielen Inhabern eines Organspendeausweises ist nicht bewusst, dass ausgerechnet ihre Patientenverfügung die Organspende ausschließt. Doch wann genau widersprechen sich beide Dokumente? Und: Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

Ein Interview mit Medizinethiker Prof. Dr. med. Georg Marckmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der diesen Widerspruch in einer Studie untersucht hat.

Wie kommt es dazu, dass eine Patientenverfügung einer Organspende widerspricht?

In Patientenverfügungen legen viele Menschen fest, dass sie im Fall einer schwersten, irreversiblen Gehirnschädigung keine lebenserhaltenden Maßnahmen wünschen. Einige dieser Patienten kämen aber eventuell als Organspender infrage, sobald der sogenannte Hirntod eintritt. Dafür müssten aber wichtige intensivmedizinische Maßnahmen fortgesetzt werden – bis die Hirntod-Diagnostik abgeschlossen ist. Die Fortsetzung besagter Maßnahmen widerspricht dann aber der Patientenverfügung, sofern der Patient diesen möglichen Widerspruch nicht in seiner Verfügung geklärt hat.

Welche Lösung gibt es?

Die Lösung ist eigentlich vergleichsweise einfach, sie muss nur häufiger genutzt werden: Die Betroffenen müssen bei der Erstellung einer Patientenverfügung darüber aufgeklärt werden, dass es – sofern sie grundsätzlich zu einer Organspende bereit sind – zu einem Widerspruch zwischen der Patientenverfügung und der Abklärung einer möglichen Organspende kommen kann.

Und dann?

Die Betroffenen sollten dann in der Patientenverfügung ausdrücklich festlegen, was für sie in einem solchen Falle Vorrang haben soll: Der Verzicht auf lebensverlängernde Behandlungsmaßnahmen – oder die Möglichkeit der Organspende. Die aktuellen Formulare, etwa des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz, enthalten inzwischen entsprechende Möglichkeiten dieser Festlegung.

Wie lauten diese konkret?

Der Wortlaut ist: „Werden für die Durchführung einer Organspende ärztliche Maßnahmen, zum Beispiel eine kurzfristige künstliche Beatmung, erforderlich, die ich in meiner Patientenverfügung untersagt habe, geht die von mir erklärte Bereitschaft zur Organspende vor. Oder: Gehen die Aussagen in meiner Patientenverfügung vor.“ Die Betroffenen können dann eine Aussage ankreuzen.

Prof. Georg Marckmann Medizinethiker an der Ludwig-Maximilians- Universität München

Woher wissen sie, was für sie das Richtige ist?

Wichtig ist natürlich, dass die Betroffenen Gelegenheit bekommen, diese Fragen mit einer medizinisch kompetenten Person zu besprechen. Unsere Untersuchung zeigt, dass es erhebliche Lücken im Kenntnisstand zu Fragen der Patientenverfügung und Organspende gibt. Es wäre wünschenswert, dass jedem Menschen ein Informationsgespräch zu diesen Themen angeboten würde – etwa beim Besuch des Hausarztes.

Welche Rolle spielen im Ernstfall die behandelnden Ärzte?

Eine sehr wichtige! Zum einen müssen sie die in einer Patientenverfügung dokumentierten Wünsche respektieren. Zum anderen sollten sie aber auch an die Möglichkeit der Organspende denken – insbesondere dann, wenn der Betroffene einen Organspendeausweis hat. Sofern der mögliche Widerspruch in der besagten Vorausverfügung nicht ausdrücklich geklärt ist, sollten die behandelnden Ärzte im Gespräch mit den Angehörigen klären, was für den betroffenen Patienten mutmaßlich Vorrang haben sollte: Der sofortige Verzicht auf lebensverlängernde Behandlungsmaßnahmen? Oder zunächst noch die Abklärung – und unter Umständen auch Durchführung – einer möglichen Organspende? Den behandelnden Ärzten sollte zudem bewusst sein, dass eine Patientenverfügung nicht per se einer Organspende widerspricht!

Die Widerspruchslösung, wonach jeder als Organspender gilt, wenn er nicht zu Lebzeiten explizit widerspricht, und die politisch derzeit im Fokus steht, verschärft das besagte Problem Ihrer Ansicht nach. Inwiefern?

Bei einer Widerspruchslösung besteht die Gefahr, dass noch weniger über die Organspende gesprochen wird, da es ja klar ist, dass im Zweifelsfall jeder Organspender ist. Damit sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Betroffenen selbst Gedanken über einen möglichen Widerspruch zwischen Patientenverfügung und Organspende machen – sodass im Konfliktfall die Wünsche der Betroffenen nicht klar sind. Aus meiner Sicht gibt es keine Alternative: Jeder sollte sich mit fachlich kompetenter Unterstützung Gedanken zu diesen Fragen machen und das Ergebnis dokumentieren.

Sind Sie grundsätzlich gegen die Widerspruchslösung?

Nein. Allerdings kommt die Diskussion aus meiner Sicht zu früh. Die niedrigen Spenderzahlen in Deutschland liegen nicht in einer mangelnden Zustimmung zur Organspende begründet, sondern darin, dass viele mögliche Organspender in den Krankenhäusern nicht erkannt und nicht gemeldet werden. Aus Modellrechnungen wissen wir, dass durch eine bessere Organisation die Anzahl der Spenderorgane erheblich gesteigert werden könnte. Dieses Potenzial sollten wir zunächst nutzen.

Sind Sie der Ansicht, dass nur jemand Anspruch auf ein Organ haben sollte, der auch bereit ist, eines zu spenden?

Grundsätzlich ja. Aber: Es wäre problematisch, wenn Patienten ohne Organspendeausweis auf der Warteliste benachteiligt würden. Denn: Wir können bislang nicht davon ausgehen, dass jemand nicht bereit wäre, seine Organe zu spenden, wenn er keinen Organspendeausweis hat. Im Gegenteil: Die meisten Menschen wären vermutlich dazu bereit, wenn man ihnen in einem Gespräch die erforderliche Information und Unterstützung bei der Entscheidungsfindung über die Organspende anbieten würde.

Interview: Barbara Nazarewska 

Patiententag am 20. März: Organe retten Leben

Füllen Sie das Formular unten auf dieser Seite aus und melden Sie sich an für den Patiententag am 20. März, 17.30 Uhr, im Münchner Pressehaus. Die Teilnahme am Patiententag ist kostenlos, die Teilnehmerzahl ist jedoch begrenzt.

Die Anmeldefrist ist leider abgelaufen.

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