Herzchirurg Prof. Bruno Reichart

Stichwort Organspende: „Unsere Forschung wird Leben retten“

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Ein Pionier: Der Münchner Herzchirurg Professor Bruno Reichart hat als Erster in Deutschland im Jahr 1983 eine Herz-Lungen-Transplantation durchgeführt.

Spenderorgane sind in Deutschland Mangelware. Ein Forscherteam um den Münchner Herzchirurgen Prof. Bruno Reichart will das ändern. Sie arbeiten daran, tierische Organe für menschliche Empfänger nutzbar zu machen. Wir sprachen mit ihm überdiese sogenannte Xeno-Transplantation.

Was genau ist eine Xeno-Transplantation?

„Xenos“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet fremd. Eine Xeno-Transplantation bedeutet also den Austausch von Organen über Artgrenzen hinweg.

Wie weit ist die Forschung?

Xeno-Transplantation ist ein hochkomplexes Forschungsgebiet. Aber die Methode funktioniert. Man kann zum Beispiel heute schon Herzklappen vom Schwein auf den Menschen übertragen. Auch tierische Hornhäute werden erfolgreich bei Experimenten verwendet. Bei der Diabetesforschung stehen wir vor einem Durchbruch: Im nächsten Jahr werden nicht-gentechnisch veränderte Inselzellen der Bauchspeicheldrüse von Schweinen verkapselt transplantiert werden. Inselzellen sind Gewebe, die Insulin produzieren. Und ich bin fest davon überzeugt, dass spätestens in drei Jahren genmodifizierte Schweineherzen Menschenleben retten können!

Wie weit sind Sie mit der Forschung an der Übertragung von Schweineherzen auf den Menschen?

In einem Versuch haben zwei Paviane mit gentechnisch veränderten Schweineherzen mehr als ein halbes Jahr überlebt, bevor die Studie gezielt abgebrochen wurde. Unser Plan, eine Transplantation auch bei Menschen durchzuführen, rückt damit näher. Nach den internationalen Vorgaben für klinische Studien müssen mindestens sechs aus einer Gruppe von zehn transplantierten Tieren mindestens drei Monate mit einem Herzersatz überleben.

Schweine eignen sich im Prinzip gut als Spender  

Sie arbeiten bei Ihrer Forschung mit gentechnisch veränderten Schweinen. Warum?

Der Stoffwechsel von Schweinen ist dem unseren nicht unähnlich. Außerdem entspricht die Größe eines Schweineherzens ungefähr dem eines normalgewichtigen Erwachsenen. Deshalb eignen sich Schweine im Prinzip besonders gut als Spender. Aufgrund der entwicklungsgeschichtlichen Differenzen vom Menschen müssen sie jedoch gentechnisch verändert werden. Zum Beispiel: Schweine haben auf allen Zellen bestimmte Eiweiße oder Zucker, sogenannte Epitope, die beim Menschen im Laufe der Evolution verloren gegangen sind. Gelangen nun Schweinezellen in einen menschlichen Organismus, reagieren Antikörper gegen diese fremden Schweine-Epitope. Es kommt zu einer akuten Abstoßung. Aber: Mit einer sogenannten Gen-Schere lassen sich diese Epitope einfach wegschneiden. Es handelt sich dabei um harmlose Genveränderungen. Die Folge: Das menschliche Immunsystem kann die Schweinezellen nicht mehr als fremd identifizieren.

Wie züchten Sie die genveränderten Schweine?

Nach dem Prinzip des Klonens. Wir verändern die Zellkerne, um sie kompatibler mit menschlichen zu machen. Sie werden dann mit entkernten Schweine-Eizellen fusioniert, die wir zuvor vom Schlachthof geholt haben. Und diese werden einer trächtigen Sau eingepflanzt. Dann halten wir die Finger gekreuzt, dass möglichst viele gesunde und genmodifizierte Ferkel geboren werden.

Tiere werden auf einem Versuchsgut bei München gezüchtet

Welche Herausforderungen stellen sich noch bei der Transplantation tierischer Organe?

Zum einen müssen wir dafür sorgen, dass keine Viren vom Schwein auf den Menschen übertragen werden. Unsere wertvollen, genetisch modifizierten Tiere werden auf einem Versuchsgut bei München gezüchtet und hygienisch nach sehr strengen Auflagen gehalten, damit keine Infektionen entstehen. Vorteilhaft ist, dass wir von unseren Laborschweinen genau die Mikrobiologie kennen. Wir werden darüber hinaus von Bundesbehörden überwacht und die Sicherheit wird bestätigt. Außerdem testen wir momentan neue Immunsuppressiva …

Also Medikamente, die eine Abstoßung der tierischen Spenderorgane verhindern?

Richtig. Auf solche Medikamente sind auch Empfänger menschlicher Spenderorgane angewiesen. Es handelt sich um eine dauerhafte Medikation, die nach Xeno-Transplantationen keine Nebenwirkungen haben.

Sie haben mehr als 1000 Patienten am Uniklinikum in Großhadern ein Herz transplantiert. Läuft die Transplantation von Schweineherzen exakt
genauso ab?

Es hat sich gezeigt, dass man Schweineherzen während der Operation anders aufbewahren muss. Wir haben zusammen mit schwedischen Forschern eine Methode gefunden, die so gut funktioniert, dass sie inzwischen auch bei menschlichen Transplantationen angewendet werden wird – ein schöner Effekt der Forschung zur Xeno-Transplantation: Sie bringt die humane Transplantationsmedizin insgesamt weiter.

Stoßen Sie auf Kritik wegen Ihrer Arbeit mit gentechnisch veränderten Schweinen – und Pavianen als Empfängern?

Das Thema ist emotional aufgeladen und bringt immer wieder Tierschützer auf. Wir sprechen offen über unsere Studien mit gentechnisch veränderten Tieren und klären über deren Haltung auf. Außerdem brauchen wir für unsere Versuche Genehmigungen. Wir müssen ethisch und moralisch rechtfertigen, dass unsere Forschung Sinn macht. Ich denke aber, dass sie von einer breiten Mehrheit akzeptiert wird: Sie wird in Zukunft Leben retten!

Das Interview führte: Aglaja Adam

Patiententag: Organe retten Leben

Füllen Sie das Formular unten auf dieser Seite aus und melden Sie sich an für den Patiententag am 20. März, 17.30 Uhr, im Münchner Pressehaus. Die Teilnahme am Patiententag ist kostenlos, die Teilnehmerzahl ist jedoch begrenzt.

Die Anmeldefrist ist leider abgelaufen.

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