Brandbrief des Kultusministeriums an Heime

Pflege-Notstand: So werden Schüler verheizt

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300.000 Pflegebedürftige gibt es in Bayern – Tendenz steigend: Dennoch sinkt die Zahl der Pflegkräfte weiter. Nun werden schon Schüler eingeteilt.

München - Die Zahlen sind erschreckend: Gut 130.000 Pflegekräfte fehlen derzeit in Deutschland. Die Folgen dieses Personalmangels sind hinlänglich bekannt: Unterbesetzte Stationen in den Heimen, oftmals vernachlässigte Bewohner.

 So manche Einrichtung in Bayern tut nun alles, um irgendwie an Personal zu kommen. Aber was? Sie teilen beispielsweise Pflegeschüler ein, um ganze Stationen zu leiten. Alleine!

Die Situation ist mittlerweile so schlimm, dass Bayerns Kultusministerium nun einen Brandbrief an alle Einrichtungen und Heime verschickt hat. Der Tenor des Schreibens, das der tz vorliegt: Finger weg von den Schülern! Diese sind noch in der Ausbildung und dürfen nicht für leitende Arbeiten eingeteilt werden. „Das ist doch ein Wahnsinn, dass hier ein Ministerium die Heime und Pflegeschulen um so etwas bitten muss“, erklärt Pflege-Experte Claus Fussek gegenüber der tz.

Viele verzweifelte Schüler haben sich schon bei ihm gemeldet. „Die sind eigentlich in der Ausbildung, die ja drei Jahre dauert, werden aber aus Personalmangel einfach in Stationen gepackt um dort zu arbeiten“, so Fussek. „Sogar nachts!“ Ein trauriger Trend, den auch Sabine Karg vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe bestätigt: „Schüler müssen immer häufiger für Vollzeitkräfte einspringen. Das geht gar nicht.“ Zudem vergraule man so noch die letzten Begeisterten, die diesen wichtigen Beruf mit Herz und Seele erlernen wollen. „Das muss aufhören. Da wird der Nachwuchs schlichtweg verheizt!“

Das Schreiben des Ministeriums ist jedenfalls deutlich. Darin heißt es unter anderem, dass die Pflegeheime Rücksicht darauf zu nehmen haben, wenn die Azubis fünf Tage in der Woche die Schulbank drücken (in Block-Einheiten). Heißt: Sie dürfen dann nicht am Wochenende im Heim für Arbeiten eingeteilt werden. Genau dies tun aber manche Einrichtungen.

Ein Trend, der noch eine fatale Folge hat: Natürlich schmeißen viele der Schüler hin, geben den Beruf wegen der immensen Verantwortung und dem Druck schon auf, bevor sie ihn begonnen haben. Beängstigend, wenn man bedenkt, dass nur gut 3500 Menschen in Bayern im letzten Jahrgang die Ausbildung zur Pflegekraft begonnen haben. Es gibt aber derzeit gut 30. 000 Pflegebedürftige im Freistaat!

Auch der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Leonhard Stärk, räumt das Problem ein. „Dieses Schreiben des Ministeriums ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die vernünftig mit den Schülern umgehen“, so Stärk zur tz. Und ja, die gibt es auch.

Armin Geier

Dieser wichtige Job ist kein Kinderspiel

Gegen die Pflege im Akkord kämpft Simone Heimkreiter (45)schon seit Jahren. Die Entwicklung, dass manche Heime nun gar Azubis die Arbeiten für Fachkräfte aufhalsen, beobachtet die Dozentin an mehreren bayerischen Pflegeinstituten mit Schrecken: „Ich kenne viele solcher Fälle. Da tragen junge Menschen plötzlich eine riesige Verantwortung. Sich um oft Pflegebedürftige zu kümmern, ist ja kein Kinderspiel“, sagt die Oberbayerin der tz. Fehler, beispielsweise bei dem Verabreichen von Medikamenten oder der Umlagerung von Patienten, können fatale Folgen haben. „Das wissen ja auch die Schüler.“ Es entwickelt sich somit bei manchen eine regelrechte Angst vor den täglichen Aufgaben, wie die Pflegelehrerin weiß. „Dann sitzen diese jungen Leute völlig verunsichert vor mir und fragen: Was soll ich machen? Was darf ich überhaupt?“ Diese ganze Entwicklung sei zudem nicht nur dem Azubi gegenüber unfair, sondern den Patienten gegenüber noch viel mehr. So werde sich der schlechte Ruf der Pflege nie ändern.

Azubi schuftet 13 Tage am Stück

Vor zwei Tagen hat Anna M. (Name geändert) ihr Pflege-Zeugnis bekommen. „Mit einer Zwei habe ich abgeschlossen“, erzählt die Pflege-Schülerin stolz. Ihre Ausbildung machte sie in einem privaten Haus in Oberbayern – und hat nicht nur gute Erinnerungen: „Schon im ersten Lehrjahr wurde mir oft eine Schichtleitung übertragen“, so die 26-Jährige. „Da fängst du an zu zittern, weil du ja noch nicht einschätzen kannst, ob es einem Patienten gut oder schlecht geht.“ Zudem schuftete sie oft 13 Tage am Stück: „Da hatte man dann unter der Woche Schule und dann rief das Heim Samstagmorgen an, um zu sagen, dass man die Mittagsschicht übernimmt.“ Aber Anna will Pflegekraft bleiben: „Ich liebe den Beruf. Nur das Heim werde ich wechseln.“

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