Nach tz-Bericht

Mieser Kontroll-Trick der ambulanten Dienste: Ministerium greift ein

Viele ältere Pflegebedürftige werden gnadenlos ausgenutzt.
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Viele ältere Pflegebedürftige werden gnadenlos ausgenutzt.

München - Der tz-Bericht über die Ausnutzung Pflegebedürftiger durch die Medizinischen Dienste hat eine Diskussion angestoßen. Nun wollen die Politiker gegen diese Masche vorgehen.

Die fiese Masche in der Pflege: Wie die tz exklusiv vor zwei Wochen berichtete, verteilen manche ambulante Dienste Widerspruch-Briefe an ihre Patienten, um Kontrollen des Medizinischen Dienstes zu verhindern. Heißt: Kein Mensch hat mehr Einblick in die Versorgung der Senioren oder in die Dokumentation. Wie viele Menschen sind schon Opfer der Widerspruch-Masche geworden? Die tz recherchierte - in einer Kooperation mit den TV-Kollegen von "Report Mainz" - natürlich weiter. Das Ergebnis: Der Trick greift mittlerweile bundesweit um sich. Daher schlägt nun das Bundesgesundheitsministerium Alarm und prüft sogar eine Gesetzesänderung.

Vor zwei Wochen wurde unserer Zeitung eines dieser Schreiben zugespielt. Darin heißt es, dass der Pflege­bedürftige mit seiner Unterschrift jede Kontrolle seiner Versorgung ablehnt. Der Medizinische Dienst (MdK) darf zudem nicht die Wohnung betreten. Aus Datenschutzgründen muss der MdK nämlich bei Betroffenen um Erlaubnis bitten, bevor er eine Nachschau beginnt. "Das nutzen manche ambulanten Dienste aus, um eine rechtsfreie Zone in der Pflege zu schaffen", so Experte Claus Fussek.

Ähnlich sieht es auch Gernot Kiefer, Vorstandsmitglied im Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen: "Ich habe die Befürchtung, dass das der Beginn eines Trends ist. Es gibt eine erstaunliche und ausgesprochen kritikwürdige Kreativität, Regeln die der Gesetzgeber macht, die die Pflegeversicherung sauber halten sollen, zu umgehen." Das müsse man stoppen.

Münchnerin schildert Druck durch Pflegedienst

Wie grotesk die Situation ist, zeigt auch der Fall von Claudia Müller. In einem Interview mit den TV-Kollegen schildert die Münchnerin (die aus Angst ihren Namen geändert haben wollte), wie sie der Pflegedienst, der ihre Mutter versorgte, unter Druck setzte: "Man legte uns nahe, nicht zu Hause zu sein, falls sich der MdK meldet", erklärt die Frau. Ihre Mutter war Beatmungspatientin, brauchte Intensivpflege. Bis zu 10.000 Euro kostete die Versorgung pro Monat. Nach dem Tod der Mutter erkannte Claudia Müller Ungereimtheiten bei den Abrechnungen. Schnell war klar, dass wohl gnadenlos abgezockt wurde.

Bislang sind die Widerspruchsschreiben in drei Bundesländern aufgetaucht - in Bayern, Rheinland-Pfalz und in Hessen. Daher reagiert nun das Bundesgesundheitsministerium. Hier solle "Qualitätskontrolle unmöglich gemacht werden", kritisierte das Ministerium. Eine mögliche Gesetzes­änderung werde geprüft. Das könnte bedeuten, dass Kontrollen des ambulanten Dienstes - wie es in der stationären Pflege gilt - auch ohne Einverständnis möglich werden.

"Report Mainz" berichtet übrigens an diesem Dienstag groß über die Pflegefalle - um 21.45 Uhr in der ARD. In dem Beitrag kommt auch ein Pflegedienstbetreiber zu Wort, der offen zugibt, die Widerspruch-Zettel von seinen Kunden unterschreiben zu lassen. Sein Kommentar dazu: "Meine Grundeinstellung ist 100 Prozent ehrlich."

Armin Geier

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