Expertin erklärt

So meistern Sie Krisen!

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Krisen müssen kein Tiefpunkt im Leben bleiben, man kann sie auch als Chance nutzen.

München - Im tz-Interview spricht Sozialwissenschaftlerin und Psychosynthese-Therapeutin Miriam Erraoui über Krisen. Sie sagt, in jeder Krise stecke auch Potenzial zur Veränderung.

„Eine Krise ist ein produktiver Zustand: Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Dieses Zitat wird Max Frisch zugeschrieben, und als er das sagte, war er bestimmt gerade einigermaßen zufrieden mit sich und seiner Umwelt. Denn wer das Gefühl hat, das Leben ist zum Trümmerfeld geworden, der hat Wut, Panik und Existenzangst – eben die ganze Katastrophe. Allen Krisen ist gemeinsam, dass man einen unerträglichen Verlust fühlt, weil der Job weg ist oder der Partner, weil ein lieber Mensch gestorben ist oder man plötzlich sehr krank wird. Doch in allen Krisen steckt ein großes Potenzial zur Veränderung: Wie man einen Tiefpunkt zum Wendepunkt des Lebens gestalten kann und ob es überhaupt ein Leben gibt ohne Krisen, darüber sprach die tz mit der Sozialwissenschaftlerin und Psychosynthese-Therapeutin Miriam Erraoui aus München.

Ist es möglich, ein Leben ohne persönliche Dramen zu führen?

Miriam Erraoui: Das ist in Situationen, auf die ich Einfluss habe, durchaus möglich, wenn man die Kunst der Selbstverwirklichung beherrscht und das macht, was man wirklich will. Und wenn man nötige Veränderungen rechtzeitig einleitet. Vor Krisen davonlaufen, funktioniert nicht. Wenn ich z. B. merke, dass ich in meiner Beziehung nicht mehr glücklich bin oder mein Job mich nicht ausfüllt, ich aber trotzdem nichts ändere, dann kann ich damit rechnen, dass irgendwann der Punkt kommt, wo ich zur Veränderung gezwungen werde. Ich behandele z. B. meinen Partner nicht mehr wertschätzend, es kommt häufig zum Streit. Oder in der Arbeit wird sich meine Unlust zeigen. Und so beschwöre ich dann Ärger mit dem Chef herauf.

Es heißt, Krisen können zur Chance werden. Wie funktioniert das?

Erraoui: Eine Krise zwingt uns dazu, genauer auf unser Leben zu blicken. Bei der Krise in der Arbeit geht es in erster Linie darum zu schauen, ob die Arbeit sinnstiftend ist und mich erfüllt. Oder arbeite ich nur, um meine Existenz zu sichern, bin aber innerlich sehr unglücklich. Da muss man dann überlegen, was wollte ich eigentlich mal machen, was holt mich innerlich ab, was war mein Herzensprojekt? Eine Krise kann mich zu meiner ureigenen Wahrheit hinführen. Abgesehen von Schicksalsschlägen: Wenn ein nahestehender Mensch stirbt, kann das zu einer großen Sinnkrise führen. In diesem Trauerprozess geht es dann um die Akzeptanz des Schmerzes, der Wut und der Trauer. Das ist eine ganz schwere Trauma-Bewältigung.

Um Krisen zu meistern, muss man aktiv sein. Oft hat Passivität die Lage verschlimmert. Kann man wirklich allein sein Leben neu gestalten? 

Erraoui: Auch Menschen, die übermäßig aktiv sind, können in eine Krise schlittern, weil sie einfach durchs Leben rennen. Sie merken nicht, dass sie ein übermäßiges Tempo an den Tag legen und Raubbau an sich und ihren Kräften betreiben. Das kann so weit gehen, dass sie plötzlich sterben. Jeder Mensch hat einen passiven und einen aktiven Teil in sich. Man muss seine Situation schonungslos ehrlich analysieren. Wenn man das findet, was einen innerlich berührt, dann kommt auch die Kraft, etwas zu tun.

Sollte ich eine gute Freundin oder einen guten Freund um Hilfe bitten?

Erraoui: Da bin ich eher skeptisch. Das heikle mit Freunden ist immer, dass sie auch ganz gern mal tratschen. Oft kommen die eigenen Anliegen und Vorstellungen der Freunde den Wünschen des Betroffenen in die Quere. Dann weiß man nicht, warum rät mir der Freund eigentlich ab, meine Pläne zu verwirklichen? Ist er vielleicht neidisch, weil er sich selbst nicht erlaubt, seine Träume zu leben? Wenn man nicht in der Lage ist, sich selbst ein Feedback zu geben, sollte man sich professionelle Hilfe holen. In Deutschland wird der Gang zum Psychologen oder zum Coach immer noch skeptisch gesehen, aber es bedeutet einfach, dass ich mir etwas Gutes tue und in mich und mein Lebensglück investiere. Man sollte es als Chance begreifen, ein Leben zu führen, das den eigenen Wünschen und Werten entspricht.

Weitere Infos auf der Seite www.miriam-erraoui.de

Sechs Schritte in ein neues Leben

Wer die Krise als Chance nutzen will, braucht ein Schreibheft, Zeit für sich und den Willen, ehrlich zu sich selbst zu sein.

1. Bilanz ziehen

Der gegenwärtige Zustand muss akzeptiert werden, zunächst sollte das Leben einer Bestandsaufnahme unterzogen werden, mit der Frage: Will ich das (die Arbeit, den Partner, die Wohnung ...) überhaupt noch? Ist das stimmig für mich? Erraoui: „Es ist sehr wichtig, sich zur Orientierung alles aufzuschreiben. Damit bekommen Sie den Kopf frei. Man muss nicht an alle Dinge denken, die gerade kriseln. Gerade in einer Krise sind wir so überlastet und so düster im Kopf, dass wir das Licht nicht mehr sehen.“

2. Erkennen Sie Ihre Wünsche

Beantworten Sie schriftlich die Fragen: Was will ich wirklich (in der Partnerschaft, im Beruf...)? Was kann der Sinn meines Lebens sein? Was kann ich der Welt geben? Was ist mein Herzensprojekt? Miriam Erraoui: „Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf. Niemand liest das. Sie sind ganz allein. Keiner bewertet Sie. Es geht nur darum, dass Sie herausfinden, wie Sie glücklich werden. Sie müssen das finden, was sie innerlich wirklich berührt und froh macht.“

3. Definieren Sie Ihr Ziele

Bestimmen Sie die Bereiche, die Sie verändern möchten, und beschreiben Sie genau, wie Sie leben wollen: „Wie möchte ich eine Partnerschaft führen, welche Arbeit gibt mir Sinn, wo möchte ich wirklich wohnen?“ Oft muss man gar nicht ganz von vorn anfangen: In der Firma sind vielleicht Veränderungen möglich, auch der Partner oder die Familie stehen Veränderungen eventuell aufgeschlossen gegenüber. Erraoui: „Äußern Sie klar und deutlich Ihre Wünsche.“

4. Legen Sie eine Strategie fest

Fragen Sie sich: Was kann ich tun, um so zu leben, wie es mir wirklich entspricht? Erraoui: „Man sollte sich den Weg in ganz kleinen und konkreten Schritten einteilen. Je präziser und klarer die einzelnen Schritte formuliert sind, desto eher werden Sie Ihr Ziel erreichen.“

5. Aktiv werden und Checkliste abarbeiten

Nun geht es darum, anzufangen. Dabei hilft eine Checkliste, auf der man schon erledigte Arbeiten abhaken kann.

6. Notfalls Hilfe suchen!

Wer allein den Weg nicht aus der Krise findet, oder das Gefühl hat, die gleichen Fehler immer wieder zu begehen, sollte sich professionelle Hilfe suchen, um zu analysieren, was genau die Veränderung blockiert. Miriam Erraoui: „Wenn Krisen sehr schwer sind und zu lange dauern, kann das Menschen zermürben. Manchmal braucht es dann den Blick von außen, um zu erkennen, woran es hakt.“

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