Was Patienten wissen wollen

Rücken: Mediziner erklärt die 20 wichtigsten Fakten

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München - Rund zwei Drittel der Deutschen plagen sich immer mal wieder mit Beschwerden an der Wirbelsäule und den Folgen herum. 20 Fragen, 20 Antworten – was Sie über Ihren Rücken wissen sollten.

Skoliose, Stenose, Osteoporose, Bandscheibenvorfall, Wirbelgleiten: Das Volksleiden Rückenschmerzen kennt die verschiedensten Facetten. Rund zwei Drittel der Deutschen plagen sich immer mal wieder mit Beschwerden an der Wirbelsäule und den Folgen herum, Büromenschen ohne ausreichende Bewegung sind besonders oft betroffen. Nur Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems kommen in den Statistiken der Mediziner noch häufiger vor.

Es gibt zwar in München jede Menge Orthopäden mit allen möglichen Behandlungsangeboten – aber auch viele verunsicherte Patienten, die nicht wissen, wie sie ihre Schmerzen am besten in den Griff bekommen können. OP oder konservative Behandlung? Welche Methode verbirgt sich hinter welchem Fachbegriff? Was genau hat der Doktor mit seiner Diagnose gemeint? Soll ich weiter Sport treiben und Krankengymnastik machen, auch wenn ich dabei Schmerzen habe? Ist es gefährlich, wenn ich weiter Tabletten nehme? In der tz berichtet der erfahrene Münchner Wirbelsäulen-Spezialist Dr. Reinhard Schneiderhan, was seine Patienten besonders interessiert. 20 Fragen, 20 Antworten – was Sie über Ihren Rücken wissen sollten.

20 Fragen, 20 Antworten

Patientenfrage 1: In den Nachrichten höre ich immer wieder, dass viele Wirbelsäulenpatienten zu schnell und vor allem unnötig unterm Messer landen. Wird in Deutschland wirklich zu viel an der Wirbelsäule operiert?

Dr. Schneiderhan: Diese Frage muss man differenziert beantworten. Auf der einen Seite gibt es im Bereich der Bandscheiben viele OPs, die gar nicht nötig gewesen wären. Auf der anderen Seite wird bei Einengungen des Wirbelkanals – sogenannten Spinalkanalstenosen – häufig zu spät und auch zu zurückhaltend operiert. Das Problem vieler Patienten besteht darin, dass sie oft nur in die eine oder andere Richtung beraten werden. Im Zweifel lohnt es sich immer, eine zweite Meinung einzuholen.

Patientenfrage 2: Stimmt es, dass nur deshalb so viele Patienten an der Wirbelsäule operiert werden, weil Kliniken und Ärzte daran besonders gut verdienen?

Dr. Schneiderhan: Hier empfiehlt es sich, mal die nackten Zahlen anzuschauen. Im Jahr 2011 wurden deutschlandweit rund 229 000 Eingriffe an der Wirbelsäule durchgeführt. Die Anzahl hat sich seit dem Jahr 2005 mehr als verdoppelt (+ 136 Prozent). Besonders markant ist die Zunahme bei den Bandscheibeneingriffen (+ 58%) und den Versteifungsoperationen (+ 238%). Solche Steigerungsraten lassen sich nicht allein mit dem Alterungsprozess unserer Gesellschaft und dem technologischen Fortschritt begründen. Es drängt sich schon die Vermutung auf, dass bei vielen Rücken-OPs auch ökonomische Anreize eine gewisse Rolle spielen.

Patientenfrage 3: Ich habe oft Rückenschmerzen. Mein Arzt sagt, die Beschwerden kämen vom altersbedingten Verschleiß – und ich müsse lernen, damit zu leben. Kann man da wirklich nichts machen?

Dr. Schneiderhan: Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass auch die Wirbelsäule durch Verschleiß in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber: Dieser Verschleiß muss nicht zwangsläufig Schmerzen verursachen und die Beweglichkeit des Rückens einschränken. Mit Krankengymnastik sind die Probleme oft in den Griff zu bekommen – oder sie lassen sich zumindest erheblich mildern. Dabei haben sich Kräftigungsübungen für die Rumpf- und Beckenmuskulatur bewährt. Wenn das nicht reicht, sollte sich ein Orthopäde die Wirbelsäule noch mal genauer anschauen. Möglicherweise kann er die Physiotherapie durch begleitende Behandlungen ergänzen.

Patientenfrage 4: Muss eigentlich jeder Bandscheibenvorfall operiert werden?

Dr. Schneiderhan: Eindeutiges Nein! Es gibt Bandscheibenvorfälle, die sich auf Kernspinbildern eindeutig nachweisen lassen, aber keine klinischen Auswirkungen haben, wie wir Mediziner sagen. Das heißt: Diese Bandscheibenvorfälle verursachen keinerlei Beschwerden. Gleichermaßen kann es natürlich auch kleinere Bandscheibenvorwölbungen geben, die erhebliche Schmerzen machen. Generell gilt: Röntgenbilder und/oder Kernspinaufnahmen sind nicht das Maß aller Dinge, um die nächsten Behandlungsschritte festzulegen. Entscheidend ist die ausführliche Befragung des Patienten, um seine Beschwerden genau analysieren zu können. In der Fachsprache nennt man das Schmerzanamnese-Erhebung. Außerdem bedarf es einer ausführlichen klinischen Untersuchung. Das bedeutet: Der Arzt untersucht den Patienten mit seinen Händen, prüft die Funktion der Wirbelsäule und versucht zu ermitteln, wo genau die Beschwerden verursacht werden. Bei seinem Behandlungsvorschlag muss der Mediziner auch das persönliche Anforderungsprofil des Patienten berücksichtigen. Es gibt Menschen, die ihre Beschwerden loswerden können, indem sie ihre Lebensgewohnheiten umstellen. Andererseits gibt es auch Patienten, die an ihren Lebensgewohnheiten nichts verändern wollen oder können und sich deshalb eine gezielte frühzeitige Therapie wünschen.

Patientenfrage 5: Ich höre immer wieder von sogenannten minimalinvasiven Wirbelsäulentherapien. Was muss ich mir darunter vorstellen, und werden diese Behandlungen auch von meiner gesetzlichen Krankenkasse bezahlt?

Dr. Schneiderhan: Bei minimalinvasiven Eingriffen handelt es sich um Behandlungen, die ohne größere Hautschnitte wie bei klassischen Operationen auskommen. Das können Spritzen sein oder auch kleine Mini-OPs in der sogenannten Schlüssellochtechnik. In aller Regel müssen auch Kassenpatienten nichts dazubezahlen.

Patientenfrage 6: Sind meine Schmerzen bereits chronisch?

Dr. Schneiderhan: Die medizinischen Fachgesellschaften haben folgende Richtschnur gezogen: Wenn ein heftiger Schmerz länger als drei Monate andauert, dann gilt er als chronisch.

Patientenfrage 7: Wann komme ich um eine Rücken-OP nicht mehr herum?

Dr. Schneiderhan: Immer dann, wenn neurologische Ausfallserscheinungen wie zum Beispiel motorische Ausfälle oder Blasen- und Mastdarmstörungen auftreten. Das bedeutet: Sie können beispielsweise nicht mehr richtig gehen oder haben Probleme, das Wasser oder den Stuhl zu halten. Wenn man in diesen Fällen nicht operiert, riskieren Sie bleibende, sogenannte irreversible Schäden.

Patientenfrage 8: So ramponiert wie mein Rücken ist – kann ich da überhaupt noch Sport machen?

Dr. Schneiderhan: Grundsätzlich muss man erst wissen, wo genau es an der Wirbelsäule krankt. Wichtig ist auch, wie sportlich der Patient bislang bereits war. So kann zum Beispiel ein ehemaliger Tennisprofi durchaus mit seinen degenerativen Veränderungen an der Wirbelsäule und daraus resultierenden Beschwerden Sportarten wie Rennradfahren und aktives Schwimmen nahezu uneingeschränkt praktizieren. Auch für Hobbysportler gibt es meistens Möglichkeiten, sich trotz Rückenproblemen aktiv zu bewegen – und sehr oft lindert dies langfristig die Beschwerden.

Patientenfrage 9: Ich bin vor drei Monaten an der Bandscheibe operiert worden. Jetzt bekomme ich plötzlich wieder Beschwerden. Wie kann das sein?

Dr. Schneiderhan: Nach der OP eines Bandscheibenvorfalls kann es bei einigen Patienten zu einer nachfolgenden Narbengewebebildung kommen, die ähnlich wie ein klassischer Bandscheibenvorfall auf die betroffene Nervenwurzel drückt. Dadurch können lokale Schmerzen entstehen – also an bestimmten Stellen. Manchmal strahlen diese Schmerzen aber auch aus.

Patientenfrage 10: Muss ich dann nochmals operiert werden?

Dr. Schneiderhan: In aller Regel nein. Wenn einmal eine Narbengewebebildung nach einer Rückenoperation aufgetreten ist, dann muss man davon ausgehen, dass dies auch noch ein weiteres Mal der Fall sein wird. Die Beschwerden werden sich eher verstärken. In diesem Falle ist es wichtig, die betroffene Nervenwurzel gezielt zu behandeln. Vielfach muss man sie von drückendem Narbengewebe oder Restbandscheibengewebe befreien. Dazu stehen moderne minimalinvasive Verfahren wie zum Beispiel die Wirbelsäulen-Katheterbehandlung zur Verfügung.

Patientenfrage 11: Was ist ein Postdiskektomiesyndrom?

Dr. Schneiderhan: Unter Postdiskektomiesyndrom verstehen wir Ärzte den Fall, dass nach einer Bandscheiben- oder Wirbelsäulenoperation die Beschwerden wieder stärker werden. Grund hierfür könnten die bereits oben beschriebene Narbengewebebildung wie aber auch Instabilitäten im Bereich der Wirbelsegmente sein. Diese Instabilitäten können zu einer zusätzlichen Einengung der Nervenwurzeldurchtrittsstellen und damit zu erneut ausstrahlenden Beschwerden führen. Diese Instabilitäten können aber auch zu Abnutzungserscheinungen – Fachbegriff: degenerative Veränderungen – im Bereich der Wirbelgelenke führen. Mögliche Folge wäre ein Wirbelgelenkschmerzsyndrom. Dagegen hilft häufig ein minimalinvasives Verfahren mit der Hitzesonde – auf Mediziner-deutsch: perkutane Facettengelenksdenervation.

Patientenfrage 12: Sind Rückenschmerzen erblich?

Dr. Schneiderhan: Sofern die Ursache der Rückenschmerzen zum Beispiel Osteoporose oder eine Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) ist, ist eine Vererbung wahrscheinlich. Der allergrößte Anteil der Rückenpatienten hat die Schmerzen jedoch nicht geerbt. Die häufigsten Ursachen sind Fehlbelastungen, mangelnde Bewegung und Degenerationen, sprich Abnutzungen, im Bereich der Wirbelsäule.

Patientenfrage 13: Können Männer eigentlich auch Osteoporose bekommen?

Dr. Schneiderhan: Ja – und zwar gar nicht so selten. Der Anteil der weiblichen Osteoporose-Patienten ist zwar immer noch deutlich größer, jedoch müssen sich auch immer wieder Männer behandeln lassen – auch vergleichsweise junge ab 45 Jahren. Tragischerweise ist es dann häufig so, dass diese Erkrankung durch einen Unfall überhaupt erst erkannt wird. Beispielsweise dann, wenn sich ein Mann bei einem unspektakulären Sturz beim Skifahren einen Wirbelkörper gebrochen hat.

Patientenfrage 14: Warum kommt es immer wieder zu Bandscheibenvorfällen bei Leistungssportlern? Optimaler als diese Athleten kann man nun ja nicht mehr trainieren!

Dr. Schneiderhan: Leistungssportler trainieren außerordentlich viel, aber meist sportartspezifisch. Das heißt, dass sie sehr viele Kräftigungsmaßnahmen in der Regel in Fitnessstudios und Krafträumen machen. Bei diesen Trainingsmaßnahmen werden aber die wichtigen tiefen und schrägen Muskeln der Wirbelsäule, die das Zusammenspiel der unterschiedlichen Wirbelkörper zueinander (Bewegungssegmente) bestimmen, vernachlässigt. Jene Muskeln, die die Wirbelsäule besonders stützen, verkümmern. Bei Extrembelastungen werden die Athleten dann durch die klassisch trainierten Muskelgruppen nicht hinreichend geschützt.

Patientenfrage 15: Ist es wahr, dass man ab einem gewissen Alter mit Wirbelsäulenschmerzen leben muss?

Dr. Schneiderhan: Eindeutig nein. Zwar kann man den Alterungsprozess grundsätzlich nur bedingt aufhalten. Verschleiß – auch im Bereich der Wirbelsäule – ist durchaus normal. Allerdings kann man sich mit den daraus resultierenden Beschwerden sehr gut arrangieren. Dazu muss man die rumpf­umgreifende Muskulatur, die tiefen Muskulaturen, insbesondere die schrägen Muskeln der Wirbelsäule, gezielt auftrainieren. Wenn ein älterer Patient fleißig und diszipliniert trainiert, dann kann er eine ausgezeichnete Belastbarkeit der Wirbelsäule erreichen. Ein aktives Leben bis ins hohe Alter ist möglich. Sportarten wie Golf, Tennis und Radfahren müssen auch mit 80 Jahren kein Tabuthema sein.

Patientenfrage 16: Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich süchtig werde, wenn ich weiter starke Schmerzmittel nehme. Ist das wirklich so gefährlich?

Dr. Schneiderhan: Grundsätzlich kommt es immer darauf an, welche starken Schmerzmittel eingenommen werden müssen. Heutzutage gibt es intelligente Medikamenten-Kombinationen, die gerade diese gefürchteten Nebenwirkungen zu vermeiden helfen. Wichtig ist auch, dass die Patienten besonders starke Schmerzmittel nicht ewig schlucken. Der Arzt sollte immer versuchen, die Schmerzursache exakt herauszufinden und diese dann gezielt behandeln. Hier gibt es zahlreiche moderne minimalinvasive Methoden wie Denervationsverfahren (Hitzesondenbehandlung), die Epiduroskopie (E-Kath-Behandlung) oder die Implantation des Schmerzschrittmachers (SCS-System).

Patientenfrage 17: Muss bei einem Wirbelgleiten immer gleich operiert werden?

Dr. Schneiderhan: So lange keine Ausfallserscheinungen auftreten (motorische Ausfälle, Blasen- und Mastdarmentleerungsstörungen), ist eine OP nicht grundsätzlich erforderlich. Bei einem Wirbelgleiten verschiebt sich ein Wirbelkörper hin zum benachbarten Wirbelkörper. In der Regel gleitet der obere Wirbelkörper nach vorne. Dadurch verengt sich die sogenannte Nervenwurzeldurchtrittsstelle. Dies bedeutet, dass sowohl Bandscheibengewebe in den Wirbelkanal hineinreicht als auch eine knöcherne Einengung entsteht. Dieses Problem lässt sich häufig mit minimalinvasiven Verfahren erfolgreich behandeln.

Patientenfrage 18: Wird meine Wirbelsäule nach einer Versteifungsoperation eigentlich völlig steif?

Dr. Schneiderhan: Nein. Bei einer Versteifungsoperation werden in der Regel nur ein oder zwei Segmente mit einem Hightech-System aus Stab und Schrauben stabilisiert. Ein Segment besteht aus zwei Wirbelkörpern und der dazwischenliegenden Bandscheibe. Die Beweglichkeit im operierten Segment ist hinterher zwar tatsächlich aufgehoben, jedoch werden die benachbarten Wirbelsäulensegmente weiterhin beweglich sein. Wichtig ist, dass der Patient nach der Versteifungsoperation seine Rumpf- und Rückenmuskulatur intensiv trainiert. Sonst riskiert er eine sogenannte Anschlussinstabilität – sprich: Probleme bei den benachbarten Segmenten, die noch nicht versteift worden sind. Es könnte eine weitere OP nötig werden.

Patientenfrage 19: Ich habe bei der Krankengymnastik immer wieder Schmerzen. Soll ich die Behandlung deshalb lieber abbrechen?

Dr. Schneiderhan: Das sollte der Patient zunächst mit seinem Physiotherapeuten besprechen. In der Regel wird er auf diese Beschwerden Rücksicht nehmen und die Behandlung entsprechend anpassen. Wenn die Schmerzen dann aber trotzdem immer wieder auftreten, sollte man sich noch einmal vom Arzt genau untersuchen lassen und erst danach mit der Krankengymnastik weitermachen.

Patientenfrage 20: Kann Akupunktur gegen Rückenschmerzen helfen?

Dr. Schneiderhan: Absolut, wir haben selber sehr gute Erfahrungen mit den Akupunkturanwendungen bei unseren Rückenschmerz-Patienten gemacht. Erfreulicherweise werden diese Behandlungen mittlerweile auch von den gesetzlichen Krankenkasse übernommen.

Andreas Beez

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