Alternative zur Versteifung

Rücken: Diese sanfte OP hilft gegen Dauerschmerzen

München - Das Kreuz mit dem Kreuz: Oft verbergen sich hinter der vermeintlichen Allerwelts-Diagnose Rückenschmerzen äußerst langwierige Leidensgeschichten.

So wie bei Manfred Birmelin, einem 52-jährigen Maurermeister und Bautechniker aus Simbach am Inn. Schon seit den 1990er-Jahren hat er immer wieder mit Problemen an der Lendenwirbelsäule zu kämpfen, 1995 legte er sich erstmals unters Messer.

Die Ärzte entfernten unter anderem einen größeren Bandscheibenvorfall, und Birmelin kam zunächst wieder ganz gut auf die Beine. Leider kehrten seine Beschwerden 2011 wieder zurück. Als er das Problem mit Krankengymnastik und konservativer Schmerztherapie nicht in den Griff bekam, schien ein weiterer großer Eingriff nötig zu werden – die sogenannte Versteifung des labilen Abschnitts seiner Wirbelsäule.

Dabei wird die betroffene Kombi aus Wirbelkörpern und Bandscheiben – Ärzte sprechen von einem Bewegungssegment – mit einem System aus Stäben und Schrauben stabilisiert. Die Implantate sind in der Regel aus Titan, defekte Bandscheiben werden mitunter durch Platzhalter ersetzt.

Der Fachbegriff dafür lautet Cage, was so viel wie Käfig bedeutet. Doch Birmelin wollte es zunächst noch einmal mit einer sanfteren Alternative versuchen – und wurde in der Taufkirchner Praxisklinik von Dr. Reinhard Schneiderhan fündig.

Dort unterzog er sich einer so­genannten Epiduros­kopie, einer Rückenmarksspiegelung, die mit kleinsten Schnitten und einem hauchdünnen Katheterschlauch als Arbeitsgerät des Arztes auskommt. „Seitdem habe ich fast keine Beschwerden mehr und muss nicht einmal mehr Tabletten schlucken“, erzählt Birmelin der tz.

Dr. Reinhard Schneiderhan (r.) erklärt seinem Patienten Manfred Birmelin, wie der Katheter (blau) eingeführt wird.

Bei dem 52-Jährigen bestand das Hauptproblem darin, dass Vernarbungen von seiner ersten OP auf die Nervenwurzel gedrückt hatten. „Dadurch entwickelte sich ein permanenter Reizzustand, der den Dauerschmerz verursachte“, erläutert Dr. Schneiderhan. „Während der Epiduroskopie haben wir diese Vernarbungen gelöst und entzündungshemmende und abschwellende Medikamente direkt am Schmerzherd eingesetzt.“

Der Fall Birmelin zeige, dass man voroperierten Patienten mit minimalinvasiven Methoden helfen kann – als durchaus Erfolg versprechende Alternative zur klassischen Versteifungs-OP. Hier eigne sich die Epiduroskopie besonders.

Sie komme auch für noch nicht operierte Patienten mit starken Verschleißerscheinungen infrage – oder auch für Patienten mit Spinalkanalstenose, die durch Bandscheibenvorwölbungen oder Bandscheibenvorfälle bedingt sind.

Im großen tz-Rückenreport erzählen Dr. Schneiderhan und sein Patient, wie die Epiduroskopie funktioniert.

„Ich konnte keine 100 Meter mehr gehen“

Das Flascherl, das ihm die Ärzte nach seiner ersten Rücken-OP vor 20 Jahren mitgegeben haben, steht noch heute bei Manfred Birmelin im Schrank. In einer farblosen Flüssigkeit schwimmt ein weißes Trumm, das ein bisserl an Krebsfleisch erinnert.

Kaum einer ahnt, dass es sich um den Bandscheibenvorfall handelt, der Birmelin 1995 an der Ledenwirbelsäule (L5/S1) entfernt worden ist. Das linderte seine Beschwerden – bis ihn vor vier Jahren sein altes Problem wieder einholte: „Dieses Mal wurden die Schmerzen derart schlimm, dass ich keine 100 Meter mehr gehen konnte!“

Aber noch mal unters Messer? Schrauben und Stäbe in den Rücken? „Das wollte ich nicht“, erzählt Birmelin der tz.

Von einer Bekannten erfuhr er von der Epiduroskopie. „Weil sie minimalinvasiv gemacht wird, habe ich mich dazu durchgerungen.“ Und es nicht bereut: „Mir ging es schon wenige Stunden nach der OP deutlich besser. Ich bin an einem Montag operiert worden und am Mittwoch schmerzfrei heimgegangen“, berichtet Birmelin.

„Damit es so bleibt, gehe ich regelmäßig zur Krankengymnastik und mache auch zu Hause konsequent meine Übungen.“

So läuft eine Epiduroskopie

Die Rückenmarksspiegelung heißt in der (lateinischen) Fachsprache Epiduroskopie, weil der Arzt den sogenannten Epiduralraum untersucht – das ist vereinfacht ausgedrückt der Bereich, der das Rückenmark umgibt.

„Die Gefahr, dass es bei dem Eingriff verletzt wird, ist in den Händen eines erfahrenen Spezialisten aber sehr gering“, so Dr. Schneiderhan. Vor der Mini-OP bekommt der Patient ein leichtes Schlafmittel gespritzt – eine sanfte Narkose, ähnlich wie sie bei einer Darmspiegelung eingeleitet wird.

Dann sticht der Arzt eine winzige Nadel in die Haut. Durch eine kleine Öffnung im Kreuzbein am untersten Teil der Lendenwirbelsäule schiebt er einen Katheter in den Epiduralraum. Der Katheter ist ein hauchdünnes, biegsames Hightech-Schläuchlein. „Wir setzen einen sogenannten E-Kath ein, den wir selbst weiterentwickelt haben“, berichtet Dr. Schneiderhan.

Er basiert auf dem klassischen Racz-Katheter, den der texanische Arzt Professor Dr. Gabor Racz 1982 entwickelt hat. „Der Vorteil an unserem Modell der nächsten Generation ist, dass es eine winzige Linse an der Spitze hat.

Das ist ein Riesenfortschritt, denn diese sogenannte Optik ermöglicht es uns, Aufnahmen aus dem Epiduralraum auf den Monitor zu übertragen. So können wir feinste Strukturen noch genauer beurteilen und gezielter daran arbeiten. Und: Wir haben einen zusätzlichen Sicherheitsfaktor, um unbeabsichtigte Beschädigungen an Gefäßen oder Nerven zu vermeiden“, erläutert Dr. Schneiderhan.

Um den E-Kath sicher einzuführen und exakt zu platzieren, wird dem Patienten zunächst ein Kontrastmittel an die gereizten Nervenwurzeln gespritzt – in der Fachsprache nennt man dies Epidurographie. Unter Röntgenkontrolle schiebt der Arzt den Mini-Schlauch bis zum Einsatzort, dank des Kontrastmittels kann er Engstellen, Gefäße und Nerven gut erkennen, an denen er den E-Kath vorbeimanövrieren muss.

Mit dem Hightech-Gerät kann der Mediziner aber nicht nur in den Rücken „reinschauen“, sondern auch darin arbeiten. So lassen sich unerwünschte Vernarbungen und Verklebungen lösen – entweder mechanisch durch sanften Druck und Bewegungen, oder medikamentös.

Denn durch den Schlauch kann der Arzt auch Arzneimittel direkt an die Schmerzstellen leiten – beispielsweise ein bestimmtes Enzym, das durch biochemische Prozesse praktisch ein Lösen von Vernarbungen und Verklebungen bewirkt. Aber auch klassische Entzündungshemmer wie Kortison lassen sich mit Hilfe des Katheters besonders effektiv einsetzen.

„Zudem können wir eine konzentrierte Kochsalzlösung verwenden, um damit eine Schrumpfung von Weichteilgewebe oder Bandscheibenvorfällen zu erreichen. Je nach Einzelfall behandeln wir unsere Patienten mit verschiedenen Substanzen oder einer Kombination daraus“, sagt Dr. Schneiderhan.

Unterm Strich dauert der Eingriff etwa 45 bis 60 Minuten. Schon nach etwa zwei bis drei Stunden darf der Patient in Begleitung wieder aufstehen. In der Regel kann er die Klinik nach zwei Tagen verlassen.

Dr. Schneiderhan: „Mir ist wichtig zu betonen, dass wir die Epiduroskopie nicht nur Privatpatienten anbieten. Die Kosten des Eingriffs werden auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.“

Andreas Beez

Rubriklistenbild: © dpa

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