Wer von der Operation profitieren kann

Schmerzschrittmacher: Dieses Kasterl gibt Lebensqualität zurück

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Dr. Reinhard Schneiderhan und Patientin Elke Adam berichten von der OP.

München - Ein Schmerzschrittmacher hat Elke Adam ein neues Leben verschafft. Das Leiden einer Rückenpatientin ist vorbei. Welche Patienten von der OP profitieren können und wie das Kasterl funktioniert

Elke Adam steckte in einem Teufelskreis: Die Schmerzen in ihrem schwerstens ramponierten Rücken waren unerträglich. Sie schluckte Tabletten, aber sobald sich ihr Körper daran gewöhnt hatte, ließ die Wirkung nach. Also erhöhte die Patientin immer wieder die Dosis, ließ sich notgedrungen noch stärkere Schmerzmittel verschreiben. Doch selbst Therapie-Keulen wie opiathaltige Medikamente halfen nur bedingt – vor allem aber raubten sie der 47-jährigen Bankangestellten alle Lebensgeister. Sie war den ganzen Tag müde, fühlte sich wie benebelt, an Arbeiten war nicht mehr zu denken.

Über ein Jahr lang quälte sich Elke Adam durch ihren schmerzverzerrten Alltag. „So konnte es einfach nicht weitergehen. Ich hatte Angst, dass ich zum Pflegefall werde“, erinnert sich die Rückenpatientin.

In ihrer Verzweiflung durchforstete sie die unendlichen Weiten des Internets nach einer Alternative zu den Medikamenten – und wurde letztlich 600 Kilometer entfernt von zu Hause fündig: Vor knapp zwei Jahren ließ sich die Berlinerin in München einen sogenannten Schmerzschrittmacher einsetzen. Er sollte ihr den Weg zurück in ein normales, nahezu schmerzfreies Leben ebnen: „Heute brauche ich überhaupt keine Tabletten mehr!“

Vor Kurzem ist Elke Adam nach München zurückgekehrt – auf Einladung ihrer Ärzte Zainalabdin Hadi und Dr. Reinhard Schneiderhan von der gleichnamigen Praxisklinik in Taufkirchen. Am Rande eines Wirbelsäulen-Kongresses mit 150 Spezialisten berichtete sie von ihren Erfahrungen mit dem Schmerzschrittmacher. Eine Leidensgeschichte und die Lösung dazu – im großen tz-Rücken-Report erklären die Patientin und ihre Mediziner, wie das Hightech-Gerät genau funktioniert, wie es eingesetzt wird und wer davon profitieren kann.

So hilft die Technik

In ihrer rechten Hand hält Patientin Elke Adam den eigentlichen Schmerzschrittmacher , in der linken Hand das Steuerungsgerät.

Dank der Stimulationstechnik mittels Schrittmacher und Elektroden wird der Schmerz praktisch überdeckt. Statt des Dauerschmerzes nimmt der Patient nur noch ein leichtes Kribbeln wahr. Die Technik wird häufig eingesetzt, wenn vorangegangene Operationen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben. Bei Elke Adam war unter anderem eine Versteifungs-OP an der Wirbelsäule in Berlin missglückt und dabei eine Schraube gebrochen.

Hier sitzt das Implantat

Der Schrittmacher wird in einer Hauttasche oberhalb des Gesäßes verstaut. Bei der Operation werden die Elektroden unter der Haut bis an die zu behandelnden Nervenbahnen in der Nähe des Rückenmarks gezogen. Seine Energie schöpft der Schrittmacher aus einem Akku.

Hilfe bei vielen Erkrankungen

Von einem Herzschrittmacher haben die meisten Menschen schon mal etwas gehört, aber mit dem Begriff Schmerzschrittmacher können nur wenige etwas anfangen. „Vom Grundprinzip her funktionieren die beiden Geräte ähnlich. Sie erzeugen elektrische Impulse, also praktisch kleine Stromstöße, um Muskeln beziehungsweise Nerven zu stimulieren“, erläutert Dr. Reinhard Schneiderhan.

Im Falle des Schmerzschrittmachers werden diese schwachen Impulse über feine Elektroden, sprich dünne Drähte, an Nervenbahnen in der Nähe des Rückenmarks weitergeleitet. Durch diese elektrische Stimulation wird der Schmerz praktisch überdeckt oder übertönt. Im Idealfall nimmt der Patient nur noch ein leichtes Kribbeln wahr.

Mediziner sprechen von einer „rückenmarksnahen elektrischen Stimulation“ – auf Englisch spinal cord stimulation (SCS). Wer sich ihr unterzieht, muss sich nicht als Versuchskaninchen fühlen. Allein in Europa seien bereits an die 60.000 Patienten mit Schmerzschrittmachern versorgt worden, etwa ein Drittel davon, also 20.000, in Deutschland. „Es handelt sich um ein etabliertes Verfahren, das über zwei Jahrzehnte stetig weiterentwickelt worden ist“, weiß Dr. Schneiderhan. Die neueste Generation, die auch bei Elke Adam zum Einsatz kam, habe einen entscheidenden Vorteil: „Dank besserer Stimulationstechnik spürt der Patient das Kribbeln weniger stark.“

Auch die Einsatzfelder für den Schmerzschrittmacher – Mediziner sprechen von Indikationen – sind im Laufe der Jahre gewachsen. Heute wird er nicht nur bei größeren Problemen im Wirbelsäulenbereich genutzt, sondern beispielsweise auch bei Angina Pectoris (Engegefühl und Schmerzen in der Herzgegend), bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK; Durchblutungsstörungen der Beine) oder bei Nervenschmerzen infolge von Diabetes.

Im Regelfall haben die Patienten bereits zahlreiche andere Therapieversuche hinter sich – so wie Elke Adam. Sie hatte in ihrer Kindheit und Jugend Leistungssport betrieben, sich durchs Wettkampf-Schwimmen unter anderem den Rücken ruiniert. „Bereits mit 18 hatte ich meinen ersten Bandscheibenvorfall“, erzählt sie. Später wurde sie mehrfach am Rücken operiert – leider ohne nachhaltigen Erfolg.

2012 kam es dann zum Gesundheits-Gau: Bei einem weiteren Eingriff in Berlin wollten die Ärzte Elke Adams Wirbelsäule auf drei Etagen versteifen. Als Etage bezeichnen Mediziner jeweils zwei Wirbelkörper mit der dazwischenliegenden Bandscheibe. Unterm Strich sollte also ein beträchtlicher Abschnitt der Wirbelsäule stabilisiert werden – in der Regel verwenden die Operateure dazu ein System aus Stäben und Schrauben sowie Cages, auf Deutsch Käfige, die quasi als Ersatz und Abstandshalter für defekte Bandscheiben dienen.

In vielen Fällen verlaufen solche Operationen reibungslos, und dem Patienten geht’s hinterher deutlich besser. „Aber bei mir ist leider einiges schiefgegangen“, erzählt Elke Adam. „Der Dornfortsatz eines Wirbelkörpers ist abgebrochen, noch dazu sind Nerven durch eine zu tief gebohrte Schraube in Mitleidenschaft gezogen worden. Mein rechtes Bein war taub, ich habe nur noch meinen großen Zeh gespürt. Zum Gehen habe ich einen Rollator gebraucht, und selbst im Ruhezustand waren die Schmerzen kaum noch auszuhalten.“

Ähnliche Leidensgeschichten und Krankenakten bringen die meisten Patienten mit, die wegen eines Schmerzschrittmachers in die Taufkirchner Praxisklinik von Dr. Schneiderhan kommen. „Etwa 80 Prozent haben bereits eine oder mehrere Operationen hinter sich und dabei Vorschäden erlitten“, erläutert der Wirbelsäulen-Experte. „Daran muss allerdings nicht der Operateur schuld sein. Selbst wenn er fehlerfrei arbeitet, kann es vorkommen, dass sich im Wirbelkanal verdicktes Narbengewebe bildet. Und wenn dieses auf die Nervenwurzeln drückt, sind die Schmerzen oft genauso stark wie vor der OP.“

Elke Adam hat sich trotz ihrer negativen Erfahrungen erneut unters Messer gelegt. „Es war schließlich meine einzige Chance, aus dem Teufelskreis aus Schmerzen und Nebenwirkungen der Medikamente herauszukommen.“ Ihre gesetzliche Krankenkasse bezahlte den Eingriff – sicherlich auch deshalb, weil die Kosten für die Schmerzmittel auf Dauer wesentlich höher gewesen wären.

Der Plan ging auf – für die Versicherung und für Elke Adam. Dank ihres gut eingestellten Schmerzschrittmachers und regelmäßiger Krankengymnastik kann sie bereits an drei halben Tagen pro Woche wieder arbeiten. Und noch viel wichtiger ist: „Ich habe endlich meine Lebensqualität zurückgewonnen, das ist für mich unbezahlbar.“

Schmerzschrittmacher: Die Informationen zum Eingriff

So läuft die OP ab: Anders als bei einer offenen Versteifungs-Operation am Rücken wird der Schmerzschrittmacher minimalinvasiv eingesetzt – nach der sogenannten Schlüsselloch-Methode. Dabei wird eine dünne Hohlnadel zwischen zwei Wirbelkörpern hindurch in den sogenannten Epiduralraum eingeführt – so nennen Fachleute einen bestimmten (Verschiebe-)Bereich in der Nähe des Rückenmarks. „Der Einstich erfolgt etwa fünf bis zehn Zentimeter unterhalb der zu behandelnden Nervenwurzeln“, erklärt der Neurochirurg Zainalabdin Hadi.

Mithilfe eines speziellen Röntgengeräts kann der Operateur die Elektroden an der gewünschten Stelle positionieren. Dann schließt er zunächst einen Testschrittmacher an die Elektroden an und überprüft ihre exakte Lage. Dazu wird der Patient kurz aus seiner leichten Dämmerschlafnarkose geweckt. So kann der Arzt nachfragen, ob der Patient ein Kribbeln verspürt und ob der Schmerz nachlässt. Wenn das der Fall ist, fixiert der Operateur die Elektroden. Andernfalls muss er ihre Lage erneut ausrichten und überprüfen.

Nun folgt eine etwa vierwöchige Testphase. Der Patient trägt zunächst einen provisorischen Schrittmacher außerhalb des Körpers bei sich, der durch eine Art provisorisches Verlängerungskabel mit den Elektroden in der Nähe des Rückenmarks verbunden ist. „Das kann man sich vorstellen wie eine Wunddrainage nach einer herkömmlichen Operation, beispielsweise nach einem Sportunfall“, so Dr. Schneiderhan.

Wenn das Gerät die gewünschte Wirkung zeigt und der Patient damit gut zurechtkommt, steht ein zweiter Eingriff an – sozusagen der endgültige Einbau. „Wir lösen etwas oberhalb des Gesäßes eine kleine Hauttasche und pflanzen darin ein kleines Kästchen ein – den sogenannten Neurostimulator. Die Elektroden werden unter der Haut verlegt und mit dem kleinen Gerät verbunden“, erklärt Neurochirurg Hadi. Nach beiden etwa einstündigen Eingriffen bleibt der Patient in der Regel zwei bis drei Tage zur Kontrolle im Krankenhaus.

So kann der Patient den Schmerzschrittmacher im Alltag bedienen: Der Neurostimulator und die Elektroden bleiben dauerhaft im Körper. „Solche Systeme halten in der Regel viele Jahre lang, möglicherweise sogar Jahrzehnte“, sagt Dr. Schneiderhan. Mithilfe einer Fernbedienung lässt sich die Stärke der elektrischen Impulse steuern – und damit auch der Grad des Kribbelns und der Schmerzunterdrückung. „Das geht ganz einfach auf Knopfdruck“, berichtet Elke Adam.

Zum Aufladen des Akkus im Neurostimulator benutzt die Patientin ein weiteres Gerät. Es kann die Energie kabellos übertragen. „Dazu muss man das Ladegerät direkt oberhalb des Stimulators auf die Haut legen“, so Elke Adam. Die Batterie hält in der Regel eine Woche, der Ladevorgang dauert 30 bis 45 Minuten.

Diese Risiken gibt es: „Ein Infektionsrisiko lässt sich bei keiner OP ausschließen, es ist allerdings äußerst gering“, erörtert Dr. Schneiderhan. „Noch unwahrscheinlicher sind Verletzungen des Rückenmarks, insgesamt sind die Risiken bei einer offenen Rücken-Operation viel größer.“ Allerdings gehöre der Eingriff in die Hände eines erfahrenen Operateurs. „Es bedarf viel Übung, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo genau man die Elektroden platzieren muss.“ Beim Schmerzschrittmacher gilt wie vor jeder OP: Fragen Sie Ihren Arzt, wie oft er den geplanten Eingriff insgesamt schon gemacht hat und wie oft er ihn derzeit pro Woche oder pro Monat durchführt.

Andreas Beez

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