Ungelernte Helfer werden falsch eingesetzt

Skandal im Heim: Der Schwindel mit den Billig-Pflegern

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Graubereich: Betreuungsassistenten dürfen ältere Menschen beim Essen unterstützen, „füttern“ darf sie aber nur ein Pfleger.

München - Betreuungsassistenten sollen die gelernten Pfleger in den Heimen entlasten und unterstützen - tatsächlich werden die Billig-Pfleger sehr häufig für Aufgaben eingesetzt, für die sie nicht qualifiziert sind.

Sie sind billig, aber wissen nicht, was tun, wenn sich ein Heimbewohner beim Essen verschluckt oder wund liegt: die Betreuungsassistenten, die seit Anfang des Jahres ausgebildete Pflegekräfte in Heimen unterstützen sollen. Die Heimbetreiber setzen diese Billig-Kräfte vermehrt auch für Tätigkeiten ein, die diese ungelernten Betreuer gar nicht ausüben dürften – und gefährden somit das Leben von Heimbewohnern, wie ein Bericht der Welt am Sonntag offenlegt. Die tz zeigt, was hinter diesem Pflegeskandal steckt.

Was sind Betreuungsassistenten?

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel in der Pflege hat die Bundesregierung das Pflegestärkungsgesetz beschlossen, das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Demnach dürfen Heimbetreiber bundesweit rund 20 000 zusätzliche Kräfte einstellen, die keine Pflegeausbildung haben, aber sich menschlich um die Heimbewohner kümmern sollen: ihnen vorlesen, mit ihnen spazierengehen … Voraussetzung ist eine mindestens 160-stündige Schulung. Oft sind die Quereinsteiger ehemalige Langzeitarbeitslose. Die Zahl der Betreuungsassistenten soll nach dem Willen der Bundesregierung in den nächsten Jahren auf 45 000 steigen – gegenüber 151 000 ausgebildeten Altenpflegern in den rund 13 000 Heimen bundesweit.

Warum sind diese Betreuungsassistenten für die Heimbetreiber wirtschaftlich so interessant?

Die Betreuungsassistenten verdienen in der Regel nur den Mindestlohn (8,50 Euro), wohingegen ein examinierter Altenpfleger laut der Gewerkschaft Verdi inklusive aller Zulagen auf 17,50 Euro Stundenlohn kommen kann. Zusätzlich gibt es einen Zuschuss von den Pflegekassen, der im Einzelfall so hoch sein kann, dass manche Heime für die Assistenten gar kein Geld mehr zuzahlen müssen.

Wo liegen die Fallstricke?

Weil die Gesetzesvorgaben und die entsprechenden Richtlinien der gesetzlichen Krankenkassen schwammig sind, wird der Missbrauch leicht gemacht. So gehören Toilettengänge zwar zu den für Assistenten verbotenen Pflege-Aufgaben. Aber wenn kein Pfleger greifbar ist, dürfen auch die Assistenten hier helfen. Ähnlich beim Essen: Unterstützen des selbstständigen Essens ist zwar erlaubt, Füttern aber verboten.

Warum ist das problematisch?

Weil Fehler etwa bei der Medikamentenverteilung, der Betreuung Bettlägeriger oder beim Füttern lebensgefährlich werden können! In der WamS beschreibt der Altenpfleger Christian Hübner solch eine Situation: „Ein Heimbewohner, ein alter Herr, würgte und hustete. Man sah, dass er keine Luft mehr bekam, und die Betreuerin saß hilflos daneben.“ Denn die Assistentin hatte nicht gelernt, wie man sich in solch einer Situation zu verhalten hat! Hübner legte den alten Herren über das eigene Knie, schlug ihm kräftig zwischen die Schulterblätter, bis er das verschluckte Fleischstück ausspuckte. Ohne sein Eingreifen wäre der Mann womöglich erstickt.

Wie tricksen manche Heime?

Sie fälschen die Pflege-Protokolle, damit der gesetzwidrige Einsatz der Assistenten für die Kontrollen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen nicht ersichtlich wird. Betriebsräte klagen darüber, dass die billigen Pflege-Helfer gezielt statt ausgebildeter Pfleger eingestellt werden. „Bei Bedarf“ seien auch pflegerische Aufgaben zu übernehmen, heiße es dann (gesetzwidrig) in den Arbeitsverträgen.

Wer haftet, wenn etwas passiert?

Für ihre eigenen Fehler sind auch ungelernte Pflege-Helfer juristisch verantwortlich. Falls ein Assistent einen Unfall eines Heimbewohners verschuldet, kann er verurteilt werden. Die Berufshaftpflicht wird ihm nicht helfen, sofern der Assistent dabei eine Pflegetätigkeit ausübte, die er laut Gesetz gar nicht ausüben darf.

Eine Pflegehelferin erzählt

Eine Betreuungs­assistentin (Name der Redaktion bekannt) berichtet von ihren traurigen Erfahrungen: „Ich hatte mich nach langer Suche so auf diesen Minijob gefreut, weil ich gerne mit alten Menschen arbeite. Zwischenzeitlich spüre ich leider Grausen vor jedem Dienst …

Der Vorwurf meiner Pfleger-Kollegen lautet: Ich verabreiche das Essen zu langsam. Ich mache keine Riesenladung auf den Löffel, ich schütte auch keine Getränke in die armen Menschen, weil ich einfach vorsichtig bin. Ich warte, bis sie geschluckt haben, dann kommt erst der nächste Löffel. Ich gebe ab 8.30 Uhr einem herzkranken Mann und einer dementen Frau das Frühstück und die Medikamente auf dem Zimmer, soll aber um 9 Uhr wieder im Speise­saal sein, weil die Pfleger dann Pause haben. Leider benötige ich oft die doppelte Zeit, weil ich darauf Rücksicht nehme, wie gut oder schlecht die beiden drauf sind.“

Fussek: Das ist schlicht kriminell!

Auch der Münchner Pflege-Experte Claus Fussek beklagt den Missbrauch von ungelernten Kräften in Heimen schon lange. In der tz erzählt er von seinen Erfahrungen:

"Aus den Münchner Heimen erhalte ich durchaus positive Rückmeldungen über die Betreuungsassistenten. Viele Angehörige sagen: 'Diese Hilfe ist für meine Mutter ein Segen, endlich sind mehr Hände da, um sie vielleicht auch mal in den Garten zu begleiten oder mit ihr ein Spiel zu spielen.'

In gut geführten Heimen sind die Betreuungsassistenten eine

Der Münchner Pflege­experte Claus Fussek.

wertvolle Ergänzung zu den gelernten Pflegekräften. Wenn die Assistenten aber gezielt missbraucht werden, um teurere Pfleger zu ersetzen, ist das schlichtweg kriminell. Dafür müssen die Pflegedokumentationen gefälscht werden – und das ist ein Fall für den Staatsanwalt.

Um solchen Missbrauch zu verhindern, sind aber alle gefordert: Der Medizinische Dienst, die Heimleitung, die Angehörigen, sie alle dürfen nicht mehr wegschauen und schweigen. Die Pfleger müssen endlich ehrlich dokumentieren und so deutlich machen, dass das, was angeblich geleistet wird, mit so wenig Personal gar nicht geleistet werden kann. Dann haben wir die strukturellen Defizite Schwarz auf Weiß! Nur die Betreuungsassistenten zu kritisieren ist scheinheilig – das eigentliche Problem ist, dass nur zwei Mitarbeiter 30 Menschen zu versorgen haben – das reicht hinten und vorne nicht. Es fehlen Zehntausende von Pflegekräften. Es gibt zum Beispiel Heime, da ist nur eine Nachtwache für 60 Leute da. Wir reden derzeit über den Kita-Streik – in der Pflege wird permanent unter Streikbedingungen gearbeitet!

Wir haben in der Pflege seit Jahren Mangelverwaltung, einen geplanten Notstand. Gleichzeitig ist Pflege ein Riesen-Geschäft! Pflegekonzerne gehen an die Börse – und zahlen gleichzeitig Dumping-Löhne.

Es sind ja nicht nur die Betreuungsassistenten, die hier systematisch missbraucht werden. Genauso geht es zum Beispiel den Pflegeschülern, die Medikamente verteilen müssen – natürlich dürften die das gar nicht! Und alle wissen das, auch ihre Lehrer, ohne dass jemand etwas tut."

kr

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