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Sogar Taube können wieder hören

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Unser Experte: Alexander Berghaus (61), geboren in Leverkusen und aufgewachsen im Saarland, ist seit zehn Jahren Direktor der HNO-Uniklinik in Großhadern. Der Familienvater (ein Sohn, eine Tochter) – hier mit einem Modell des Innenohres – studierte in Bonn und Berlin. Er war später leitender Oberarzt am Klinikum Benjamin-Franklin in der Bundeshauptstadt sowie Chef der HNO-Klinik in Haale/Saale. Sein Wissen vertiefte er bei mehreren Forschungsaufenthalten in den USA. © Beez

München - In der neuen Serie Spitzenmedizin erklärt Professor Alexander Berghaus von der Münchner HNO-Klinik, was im diesem Bereich heute schon alles möglich ist und woran die Spezialisten forschen. Zudem gibt er fünf Gesundheitstipps.

Das Cochlea-Implantat

Die Methode ist einzigartig in der Medizin: Ein defektes Sinnesorgan wird vollständig durch Hightech ersetzt. Das Zauberwort heißt Cochlea-Implant. „Damit können wir sogar taube oder hochgradig schwerhörige Menschen zum Hören bringen“, sagt Berghaus.

Bei einem gesunden Ohr gelangt der Schall zunächst durch den Gehörgang ins Mittelohr. „Durch die spezielle Architektur des Mittelohres wird der Schall ungefähr um das 20-Fache verstärkt“, erläutert Berghaus. Im Mittelohr treffen die Schallwellen aufs Trommelfell. Dieses beginnt zu vibrieren und bringt dadurch die Gehörknöchelchen zum Schwingen. Diese Schwingungen werden ins Innenohr übertragen, wo sich die Hörschnecke befindet. Darin werden die mechanischen Schwingungen in Nervenreize umgewandelt. Über den Hörnerv werden diese Reize ins Gehirn weitergeleitet und dort als Töne wahrgenommen.

Wenn das Innenohr ausgefallen ist oder nur noch in Teilen funktioniert, lässt sich dieser Defekt praktisch überbrücken. Dazu haben Mediziner und Audio-Ingenieure ein Mini-Computersystem entwickelt: das Cochlea-Implantat (CI). Cochlea stammt aus dem Lateinischen und bedeutet (Hör-)Schnecke. Voraussetzung für einen Eingriff ist, dass der Hörnerv noch funktioniert.

Im Wesentlichen besteht das CI-System aus drei Teilen:

…einem Sprachprozessor mit Mikrofon, den der Patient wie ein Hörgerät hinter dem Ohr trägt. Hier befinden sich auch die Batterien. Im Prozessor werden die ankommenden Töne erfasst, und die Sprache wird codiert. Er ist über ein Kabel mit einer Sendespule verbunden.

Diese Sendespule schaut aus wie ein größerer flacher Knopf, der außen am Kopf des Patienten sitzt. Der Knopf am Kopf beinhaltet einen Magneten. Dadurch haftet er auf der Empfangsspule, dem eigentlichen Implantat, das zuvor direkt unter die Kopfhaut eingesetzt worden ist.

Vom Implantat führt ein Elektrodenkabel über das Mittelohr in die Hörschnecke. Hier stimulieren Elektroden direkt den Hörnerv. Den Weg für den Elektrodenträger präpariert der Chirurg in präziser Feinarbeit durch den Knochen hinterm Ohr und durch das Mittelohr zum Innenohr. Eventuell noch vorhandenes Restgehör des Patienten kann oft erhalten bleiben.

Noch im OP testet ein Audio-Ingenieur, ob das rund 20 000 Euro teure Implantat funktioniert. Der Patient bekommt davon nichts mit, er schläft während des ein- bis eineinhalbstündigen Ohreingriffs in Vollnarkose.

„Hinterher wird das Gerät feinjustiert“, erklärt Berghaus. „Außerdem muss der Patient ein intensives Hörtraining absolvieren.“ Das zahlt sich in den allermeisten Fällen in Form einer stark verbesserten Lebensqualität aus. Der HNO-Professor: „Mit der neuesten Generation der CI-Systeme erreichen wir fast die Hörqualität eines gesunden Ohres.“

Die Großhaderner Spezialisten können aus einem großen Erfahrungsschatz schöpfen. Jedes Jahr versorgen sie etwa 150 Patienten mit Cochlea-Implantaten – ­darunter auch Babys, die beidseitig gehörlos geboren sind.

Was aber, wenn auch der so wichtige Hörnerv geschädigt ist oder aufgrund einer Fehlbildung bei Babys gar nicht erst funktioniert? „Hier liegt die Herausforderung der Zukunft“, sagt Berghaus. „Es existieren bereits Systeme, die das Hören direkt an die Verarbeitungszentren im Hirnstamm leiten. Das funktioniert aber noch nicht so gut wie mit einem Cochlea Implantat. Die Forschung arbeitet intensiv daran, die Hirnstamm-Implantate zu verbessern, um Patienten mit Ausfall des Hörnervs ein gutes Hören zu ermöglichen. Erste klinische Erfahrungen gibt es bereits.

Ein weiteres Ziel ist, das komplette CI-System zu implantieren, so dass der Patient äußerlich keinerlei Geräte mehr tragen muss.“

So funktioniert das Cochlea-Implantat: Der Patient trägt hinterm Ohr einen Sprachprozessor. Er schaut aus wie ein Hörgerät. Darin werden die ankommenden Töne erfasst und codiert. Der Sprachprozessor ist über ein Kabel mit einer Sendespule verbunden. Sie sitzt auf der Kopfhaut und haftet magnetisch auf dem eigentlichen Implantat, das die Operateure zuvor direkt unter der Kopfhaut eingepflanzt haben. Vom Implantat aus führen Elektroden zum Hörnerv und stimulieren diesen. Hinterher wird das System mit Hilfe von Hörtests feinjustiert.

Chirurgische Navigation

Ein Quantensprung in der OP-Technik: Spezialisten sind heutzutage in der Lage, einzelne Körperstellen des Patienten genauestens zu vermessen. Anhand verschiedener bildgebender Verfahren – vor allem Computer- und Kernspintomografie – erstellen sie bereits vor dem Eingriff ein detailliertes Modell des OP-Gebiets, beispielsweise in den Nasennebenhöhlen. Dieses Modell wird mit einem Computersystem im Operationssaal synchronisiert. Es gleicht permanent die Live-Informationen, die Hightech-Geräte während der OP liefern, mit dem Modell ab. „Dadurch kann der Chirurg auf einem Monitor fast millimetergenau erkennen, wo er sich mit seinem Instrument im Kopf des Patienten befindet, und kann sich wie mit einem Navi orientieren“, erklärt Berghaus. „Das erhöht die Sicherheit während der OP enorm. Denn der Operateur sieht sofort, wenn er sich Bereichen nähert, die auf keinen Fall verletzt werden dürfen.“

Bei allen Eingriffen solcher Art, meist zur Entfernung schwerer Entzündungen oder Tumore, verwendet der Chirurg ein Endoskop oder ein Hochleistungsmikroskop. Kostenpunkt: mehr als 100 000 Euro. Die nächsten Generationen dürften noch ein bisserl teurer werden. „Die Forschung arbeitet an Mikroskopen, die ein 3-D-Bild vom OP-Gebiet entstehen lassen“, weiß Berghaus.

Die Tumor-Chirurgie

Nach der Entfernung größerer Tumore, etwa im Rachenraum, muss die operierte Stelle wieder verschlossen werden. Dazu verpflanzen die Experten Haut – meist vom Unterarm oder vom Bein – zum Beispiel in die Mundhöhle oder in den Rachen. „Wir nennen das mikrochirurgischen Gewebetransfer“, erklärt Berghaus. Bei großen Tumoren müssen Hautlappen entnommen werden, die schon mal so breit wie der komplette Unterarm sein können. Die Transplantate brauchen eine Blutversorgung. Deshalb verpflanzen die Experten auch die Arterien und Venen, die die Haut zuvor am Arm oder Bein versorgt haben. Im Defektbereich der Mundhöhle werden die Adern dann mit winzigen Gefäßclips aus Silikon und Titan verbunden oder mit haarfeinen Spezialfäden vernäht.

Die Haut, die am Arm fehlt, wird wiederum mit Haut aus der Leiste versorgt. Der Arm bzw. das Bein regenerieren sich schnell, bereits nach einigen Wochen ist dort von der Hautentnahme nicht mehr viel zu sehen. „Solche komplizierten OPs dauern manchmal zehn Stunden oder noch länger. Daran sind oft mehrere Teams beteiligt“, berichtet Berghaus.

Die Ohrmuschel-Rekonstruktion

Auch in der plastischen Chirurgie gehört die HNO-Klinik von Großhadern zu den ersten Adressen für besonders schwere Fälle. So haben Berghaus & Co. in den letzten Jahren über 150 fehlende Ohrmuscheln ersetzt – beispielsweise bei Kindern mit einer entsprechenden Fehlbildung oder bei Unfallopfern. Dazu wird nach der Vorlage des vorhandenen Ohres ein Modell entwickelt, das aus einem speziellen Kunststoff namens „poröses Polyethylen“ besteht. Dieses elastische Ohr-Gerüst legen die Chirurgen am Kopf an. Im Rahmen einer extrem schwierigen OP überspannen sie – vereinfacht ausgedrückt – das Gerüst mit Hautschichten, die sie zuvor auf der Rückseite des vorhandenen Ohres oder am Bauch entnommen haben. Die bei diesen Patienten häufige Hörstörung durch Fehlbildungen im Mittelohr kann gleichzeitig mit einem Spezialimplantat behoben werden, das die Schwingungen der Gehörknöchelchen direkt antreibt. So können die für die ­Betroffenen oft stark störenden Beeinträchtigungen schon im Kindesalter behoben werden.

Fünf Gesundheits-Tipps von Professor Berghaus

Verwenden Sie Nasenspray nur gezielt – also nicht regelmäßig, sondern nur bei Bedarf maximal über ein paar Tage. Wer es auf Dauer benutzt, schädigt die Schleimhäute. Der natürliche An- und Abschwellmechanismus wird zerstört.

Wenn Ihre Nase dauerhaft verstopft ist, lassen Sie sich von einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt untersuchen. Er wird die Ursache suchen und vielleicht ein kortisonhaltiges Nasenspray verordnen. Kortison kann bei der Behandlung ­einer dauerhaft verstopften Nase einen nachhaltigen Effekt haben.

Säubern Sie Ihre Ohren nur mit Wasser. Stochern Sie nicht mit Wattestäbchen oder mit spitzen Gegenständen darin herum. Dabei kann es zu Verletzungen am Trommelfell kommen. Außerdem wird der Selbstreinigungsmechanismus des Ohres beschädigt. Beim HNO-Arzt können Sie sich Ohrenschmalz mit einer professionellen Spülung schonend entfernen lassen.

Hören Sie nicht übertrieben laut Musik – etwa dann, wenn Sie beispielsweise beim Sport Kopfhörer aufsetzen. Dadurch können Sie Ihr Gehör schädigen. Studien belegen, dass Lärm schon in relativ jungen Jahren einen negativen Einfluss auf die Entwicklung einer Altersschwerhörigkeit haben kann.

Rauchen Sie nicht! Viele Tumore im Bereich von Rachen und Kehlkopf sind durch Nikotin- und Alkoholmissbrauch ausgelöst. Wer länger als drei Wochen heiser ist, sollte seinen Kehlkopf vom HNO-Arzt untersuchen lassen.

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