Eine der wichtigsten Zugstrecken Bayerns ist gesperrt

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Staatsanwaltschaft ermittelt

Teilweise unqualifiziertes Personal: So krank ist das Pflegesystem

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Wichtiger Beruf: Die Pflegekräfte haben noch immer mit vielen Schikanen zu kämpfen.

Das Thema Pflege beschäftigt Deutschland seit Monaten. Nun wurden weitere Missstände aufgedeckt. So sind einige als Pfleger eingesetzte Kräfte nicht in der Lage, einen Arzt zu rufen.

München - In Hof ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Angestellte eines Intensivpflegedienstes wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. Es ist kein Einzelfall, wie der „BR“ und „Report München“ am Dienstag berichteten. Dominik Schirmer, AOK-Beauftragter zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen, hat alle 130 Intensivpflegedienste im Freistaat im Blick und weiß, dass gegen nicht weniger als 23 von ihnen Ermittlungsverfahren laufen!

Nicht selten, so das bittere Ergebnis der „BR“-Recherche, wollten Pflegedienste mit ambulant betreuten Hochrisikopatienten vor allem Kasse machen. 20.000 Patienten werden zu Hause betreut, und schon jetzt fehlen qualifizierte Kräfte. Aus diesem Grunde kommt seit etlichen Jahren Verstärkung aus dem Ausland. 

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Arbeitsmigration durch Osteuropäer

2016 wurde das Westbalkanabkommen unterzeichnet, mit dem die Bundesregierung eine legale Möglichkeit der Arbeitsmigration für Menschen aus Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Kosovo, Montenegro und Mazedonien schuf. Die meisten arbeiten auf dem Bau, doch Einsatzbranche Nummer zwei ist die Kranken- und Altenpflege. Ausgebildetes Personal ist selten.

Eine junge Frau aus Serbien wollte als Haushaltshilfe arbeiten, wurde aber in der Intensivpflege eingesetzt. Den Reportern erzählte sie, sie habe monatelang für zwei Euro Stundenlohn gearbeitet: „Pflegekräfte wurden herangeschafft, nur damit der Arbeitgeber Geld verdient“, klagt die Frau, die immer noch vor ihrem Ex-Chef zittert.

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Beatmungsgerät versehentlich abgeschaltet

Solche hilflosen Hilfskräfte können im Notfall nicht einmal einen Arzt rufen, geschweige denn ihm schildern, was dem Patienten fehlt. „Report München“ hat Beweise dafür, dass in einem Fall versehentlich ein Beatmungsgerät abgeschaltet wurde und einer Patientin eine Überdosis eines starken krampflösenden Mittels verabreicht wurde.

Gesetzliche Krankenkassen zahlen jedes Jahr rund vier Milliarden Euro für die ambulante Intensivpflege - davon wollen unseriöse Pflegedienste profitieren.

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Medizinischer Dienst der Krankenkassen muss sich frühzeitig ankündigen

Für die Kontrolle der Leistungen ist der Medizinische Dienst der Krankenkassen zuständig - doch der muss sich 24 Stunden vor seinem Erscheinen ankündigen. Da können schnell das Personal ausgetauscht und Papiere geschönt werden.

Markus Schön vom MDK Bayern wird mit den Worten zitiert: Wir haben keine Zugriffsmöglichkeiten wie eine Staatsanwaltschaft. Nur das, was uns vorgelegt wird, können wir einsehen.“ Und das kann ein eigens für den MDK gebastelter Dienstplan sein. Selbst wenn die Kontrolleure Missstände aufdecken, können sie nur informieren. Aktiv werden müssen die Kassen. Und geschlossen werden kann ein Intensivpflegedienst erst nach einer rechtskräftigen Verurteilung.

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Chef von Heimbeatmungsservice: „Es gibt viel Etikettenschwindel“

Woran krankt das System der Intensivpflege?

Jörg Brambring, Geschäftsführer Heimbeatmungsservice Brambring Jaschke: Das Problem ist, dass viel Etikettenschwindel betrieben wird. Der Kunde weiß oft nicht, welche Leistung bekomme ich von wem? Krankenkassen, Patienten und Angehörige müssen Transparenz demonstrieren: Wenn ich einen professionellen Pflegedienst brauche, muss er auch Professionalität und die erforderlichen Qualifikationen mitbringen.

Ist der Grund für die Misere, dass es zu wenige qualifizierte Intensivpfleger gibt?

„Mittendrin im Pflegenotstand“: Jörg Brambring leitet einen Heimbeatmungsservice.

Brambring: Wir sind mittendrin im Pflegenotstand und streiten uns um hochqualifizierte Fachkräfte mit Krankenhäusern, anderen Pflegediensten und Aufsichtsbehörden, die für die Kontrolle auch Personal brauchen. Unser Heimbeatmungsservice bekommt im Jahr mehrere hundert Pflegeanfragen, wir können aber höchstens zehn oder 15 Menschen aufnehmen - weil uns die Mitarbeiter fehlen.

Wie kommen ausländische, auch weniger qualifizierte Pflegekräfte in deutsche Pflegedienste?

Brambring: Bei uns haben Bewerber aus dem Ausland nur eine Chance, wenn sie die nötigen Qualifikationen haben und Deutsch können. Weniger seriöse Anbieter gehen aktiv in Osteuropa auf Akquise und holen Leute mit Touristenvisum. Die bleiben drei Monate, dann kommt die nächste Kolonne.

Sind Krankenkassen bereit, teure Intensivpflege zu bezahlen, oder wird häufig auf kostengünstigere Anbieter verwiesen?

Brambring: Hier und da wird von Kassen Druck aufgebaut. Klar soll eine Kasse mit den Geldern der Solidargemeinschaft verantwortungsvoll umgehen. Manchmal ist eine Krankenkasse aber allzu restriktiv und hält nach einem günstigeren Anbieter Ausschau. Aber wenn im Vertrag steht: Nur qualifiziertes Personal darf eingesetzt werden, muss das so sein. Es kommt auf der anderen Seite aber auch vor, dass Menschen zu Patienten gemacht werden, die keine sind oder keine mehr sind, und so Gelder veruntreut werden.

Leute geben vor, sie müssten künstlich beatmet werden?

Brambring: Bei manchen Diagnosen kann man vom Beatmungsgerät wieder unabhängiger werden und mit weniger Pflege und Unterstützung auskommen. Wenn dann ein Anbieter nicht seriös arbeitet, möchte er vielleicht nicht, dass der Patient diesen Zustand erreicht - um die durch die Beatmung erzielten Einkünfte nicht zu verlieren. Da werden auch Ängste bei Patienten und Angehörigen geschürt. Außerdem: Intensivpflege ist eine Leistung der Krankenkasse, ohne Zuzahlung.

Interview: Barbara Wimmer

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