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Streitfall Sterbehilfe: Das Münchner Modell

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München - Vier namhafte Wissenschaftler haben einen Gesetzentwurf zum Thema Sterbehilfe unterbreitet. Das „Münchner Modell“ und die Reakionen darauf im tz-Überblick.

Lieber kurz und schmerzlos sterben als lange leiden: „Fast jeder Mensch hat Angst vor einem qualvollen Tod“, weiß der Münchner Mediziner Priv.Doz. Dr. Dr. Ralf J. Jox. Aber wenn ein schwerkranker Patient den Wunsch hat, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, dann wird er in Deutschland alleine gelassen. Denn aktive Sterbehilfe ist verboten. Ausnahmen bleiben zwar bisweilen straffrei, aber klare rechtliche Regelungen für diese Einzelfälle gibt’s nicht. Das soll sich ändern, fordern Jox und drei weitere namhafte Wissenschaftler. Das Quartett hat am Dienstag in München einen Vorschlag für eine Gesetzesreform präsentiert. Demnach sollen neben Angehörigen auch Ärzte unter strengen Auflagen legal Sterbehilfe leisten dürfen. Das „Münchner Modell“ und die Reakionen darauf im tz-Überblick:

Andreas Beez

Ihr Gesetzentwurf

Die vier Hochschullehrer aus den Bereichen Medizin, Ethik und Recht sehen sich als Berater der Politik. Deshalb haben sie schon mal einen Gesetzentwurf erarbeitet – quasi als Diskussionsgrundlage für den Bundestag, der nach der Sommerpause über eine Reform der Sterbehilfe-Vorschriften debattieren will. Die von den Wissenschaftlern vorgeschlagenen Änderungen würden im Strafgesetzbuch verankert – genauer gesagt im Paragraphen 217:

Verbot und Strafe: Auch künftig bleibt aktive Sterbehilfe grundsätzlich illegal. Wer dagegen verstößt, dem drohen bis zu drei Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe.

Die Ausnahmen: Angehörige dürfen Sterbehilfe leisten – ebenso wie „dem Betroffenen nahestehenden Personen“. Auch ein Arzt handelt rechtens, wenn er folgende strengen Regeln einhält: Er muss den Patienten persönlich untersucht und eine unheilbare Krankheit mit begrenzter Lebenserwartung festgestellt haben. Ein zweiter Arzt muss diese Diagnose in einem schriftlichen Gutachten bestätigen. Der Mediziner muss mit dem Patienten ein ausführliches Aufklärungsgespräch führen und danach bis zur Sterbehilfe mindestens zehn Tage verstreichen lassen.

Das Münchner Modell

Streitfall Sterbehilfe – verbietet der Schutz des Lebens jeden Kompromiss, oder macht sich unsere Gesellschaft etwas vor? „Es gibt in Deutschland schon jetzt häufiger Sterbehilfe als viele glauben. Aber sie geschieht im Geheimen“, sagt der Medizinethiker Jox. „Das nützt niemandem. Wir brauchen klare Regelungen.“ Und vor allem Rechtssicherheit, ergänzt der Jurist Taupitz: „Bislang steht nicht ausdrücklich im Gesetz, dass ein Angehöriger oder ein Arzt in bestimmten Fällen straffrei bleibt.“ Das müsse sich ändern. „Denn ein Verbot löst die Probleme nicht, es verschärft sie nur“, betont Medizinethiker Wiesing.

Mit ihrem Gesetzentwurf wollen die Wissenschaftler einen schwierigen Spagat meistern: zwischen dem Kampf um jedes einzelne Leben und der Lebenswirklichkeit jedes Einzelnen. „Wir Ärzte helfen Menschen und versuchen, sie zu heilen“, sagt der Palliativmediziner Borasio, der sterbenskranke Patienten behandelt. „Aber auch bei bester Palliativmedizin wird es immer Menschen geben, die sagen: Das, was mir noch bevorsteht, möchte ich nicht erleben.“ Diesen Wunsch nach Kontrolle über das eigene Lebensende gelte es zu respektieren.

Die Sorge, eine Lockerung des Sterbehilfe-Verbots könnte mehr Menschen zum Selbstmord bewegen, sei unbegründet, betonen die Experten. Sie sehen sich durch Erfahrungen aus dem US-Bundesstaat Oregon bestätigt. Dort gelte bereits seit 17 Jahren ein Gesetz, an das die deutschen Wissenschaftler ihren Entwurf angelehnt haben. Die Quote der Menschen, die Sterbehilfe in Anspruch genommen haben, bewege sich seitdem auf niedrigem Niveau.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) äußerte sich skeptisch: „Ich habe größte Zweifel, ob aus existentiellen Ausnahmen heraus die Norm aufgegeben werden darf.“ Seine bayerische Amtskollegin Melanie Huml (CSU) lehnte das Modell „entschieden ab“. Ebenso der Chef der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery: „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.“ Dagegen ernteten die Wissenschaftler von einigen SPD-Politikern Zustimmung.

Patient soll mitreden

P

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© Götzfried

rinzipiell bin ich ein großer Befürworter der aktiven Sterbehilfe. Natürlich weiß ich nicht, wie ich in ein paar Jahren darüber denke. Das kommt immer ganz auf die Situation an. Aber der Patient sollte auf jeden Fall ein Mitspracherecht haben.

Christl Magnus (72), ­Rentnerin aus München

Zwei Gutachter

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© Götzfried

enn es die medizinische Lage erfordert, bin ich für Sterbehlife. Zudem sollten mindestens zwei Ärzte unabhängig voneinander ein Gutachten anfertigen und anschließend zusammen mit den Angehörigen des Patienten entscheiden.

Martin Stöger (44),  Kaufmann aus Elztal

Bin dafür

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© Götzfried

Da für mich die Würde eines Menschen immer an oberster Stelle steht, bin ich in Fällen, in denen ein Patient nur noch vor sich hinvegetiert, ganz klar für die Sterbehilfe.

Hans­ Gravenhorst (23), Student aus München

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