Studie im Bundestag bestätigt Vermutung

Nur Kassenpatient? So lange lässt Ihr Arzt Sie warten

Ein Wartezimmer in einer Arztpraxis.
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Beim Arzt müssen Kassenpatienten lange Wartezeiten einkalkulieren.

München - Wer nicht privatversichert ist, muss länger auf Termine warten. Diese gefühlte Erkenntnis wurde nun durch eine Studie bestätigt.

"AOK-Patient? Dann haben wir leider erst in sechs Wochen einen Termin für Sie frei …“ Was viele Patienten aus eigener Erfahrung kennen, hat jetzt die Münchner Grünen-Bundestagsabgeordnete Doris Wagner mit einer Studie bestätigt: Kassenpatienten müssen in Bayern im Schnitt 23 Tage länger auf einen Termin warten als Privatpatienten.

Für die Studie wurden 350 bayerische Facharztpraxen je zweimal angerufen: Einmal gab sich der Anrufer als Kassen-, einmal als Privatpatient aus. Das Ergebnis: Die gesetzlich Versicherten mussten vor allem bei Hautärzten, Neurologen und Augenärzten deutlich länger auf einen Termin warten als Privatversicherte. Besonders krass war der Fall eines Augenarztes aus Kaufbeuren, wo dem Kassen-Testanrufer ein Termin nach 260 Tagen angeboten wurde, dem privat Versicherten aber schon nach sieben Tagen. Auch regional gibt es deutliche Unterschiede: Im Allgäu und in Bayreuth warten Kassenpatienten im Schnitt 27 Tage länger auf einen Facharzttermin, in München sind es „nur“ 19 Tage. Die Gründe für diesen Unterschied sieht die Grünen-Abgeordnete in der niedrigeren Ärztedichte in den eher ländlich geprägten Regionen.

So lange müssen die Menschen auf einen Arzttermin warten. (PDF-Datei mit 171 KB)

Die Grünen sehen sich durch die Studie in ihrer Forderung nach einer Bürgerversicherung, in die auch Beamte oder Besserverdienende einzahlen müssen, bestätigt: „Wenn Ärzte für einen Privatpatienten mehr als das Doppelte an Honorar bekommen, ist eine Bevorzugung bei der Terminvergabe nachvollziehbar.“ Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) wies die Vorwürfe zurück: Die Wartezeiten im Freistaat gehörten im europäischen und deutschen Vergleich mit zu den kürzesten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung verweist auf eine eigene Studie vom Mai, wonach 90 Prozent aller gesetzlich Versicherten mit der Terminvergabe zufrieden seien. Über die Hälfte habe in Bayern binnen drei Tagen einen Termin bekommen.

Hilfe bei der Terminsuche

Ab 23. Januar sollen die neuen Terminservicestellen garantieren, dass Patienten nicht mehr so lange auf einen Facharzttermin warten müssen. Die tz erklärt, wie das funktioniert – und was es wirklich bringen wird.

Was sind Terminservicestellen?

Das Gesetz von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) verpflichtet die Kassenärztlichen Vereinigungen dazu, ab 23. Januar Stellen einzurichten, die dafür sorgen, dass Kassen-Patienten binnen vier Wochen einen Facharzttermin bekommen. In Bayern wird diese sogenannte Terminservicestelle telefonisch zu erreichen sein – zu den üblichen Praxisöffnungszeiten (Montag bis Freitag). Die Telefonnummer ist noch nicht bekannt.

Was muss beim Anruf bei der Termin­servicestelle beachtet werden?

Voraus­setzung für eine Terminvergabe binnen vier Wochen ist, dass der Patient bereits eine Überweisung vom Hausarzt hat. Nur bei Gynäkologen und Augen­ärzten ist keine Überweisung notwendig. Ausgenommen sind zudem sogenannte Bagatellkrankheiten, bei denen sich der Gesundheitszustand nicht weiter verschlechtert, wenn die Behandlung nicht innerhalb von vier Wochen beginnt. Die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) sieht hier „unnötige Hürden“, da es oft schwierig sei, die Dringlichkeit einer Erkrankung einzuschätzen.

Was, wenn ich auch von der Termin­servicestelle keinen Facharzttermin binnen vier Wochen bekomme?

Dann kann der Patient zur Behandlung ins Krankenhaus gehen. Die Verbraucherschützer fürchten aber, dass auch zugelassene Krankenhäuser dann vermutlich nicht immer zeitnah einen Behandlungstermin anbieten können, da sie meist nicht ausreichend auf die Versorgung dieser Patientengruppe ausgerichtet seien.

Was soll ich tun, wenn ich Schmerzen habe oder gar die Befürchtung einer ernsten Erkrankung, etwa eines Tumors?

Notfallpatienten müssen ohnehin umgehend behandelt werden – eigentlich. Sollte es trotzdem Probleme geben, rät die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Birgit Grain, den Hausarzt zu bitten, direkt mit dem Facharzt Kontakt aufzunehmen, um die Dringlichkeit zu unterstreichen. 

Bekomme ich über die Terminservice­stelle den Arzt meiner Wahl?

Nein, vermittelt wird weder der Wunsch­arzt noch der Wunschtermin.

FacharztgruppeWartezeit gesetz­licher Patient auf einen TerminWartezeit privater Patientauf einen Termin
Hautarzt35 Tage4 Tage
Neurologe44 Tage14 Tage
Augenarzt35 Tage7 Tage
Radiologe27 Tage4 Tage
HNO-Arzt19 Tage5 Tage
Kardiologe21 Tage9 Tage
Orthopäde15 Tage4 Tage

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