Florian Holsboer im tz-Interview

Professor erklärt: Wenn Stress tödlich wird...

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Prof. Florian Holsboer ist Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie

München - Todesursache Stress? Die tz sprach mit dem Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, Professor Florian Holsboer (68).

Der mysteriöse Tod des Münchners Alexander D. († 26) gibt den Ermittlern in Wales Rätsel auf. Der ehrgeizige Student absolvierte ein Auslandssemester an der University of South Wales in Cardiff und lag Anfang November tagelang tot in seinem Apartment (tz berichtete). Sein Vater sagte gegenüber der Polizei, dass Alexander zuletzt stark unter Druck gestanden und viele Koffein-Drinks konsumiert hatte.

Todesursache Stress? Die tz sprach mit dem Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, Professor Florian Holsboer (68). Er behandelte u.a. Ex-Bayern-Profi Sebastian Deisler, als dieser an Depressionen litt.

Herr Prof. Holsboer, kann Stress wirklich tödlich sein?

Prof. Florian Holsboer: Stress ist grundsätzlich gut für den Menschen. Er braucht die Fähigkeit zur Stressreaktion, um beispielsweise einer Gefahr Herr zu werden. Wenn man allerdings keine Kontrolle mehr über die Situation hat, dann wird Stress ein Risikofaktor für die Gesundheit und kann Depressionen, Diabetes oder Herz-Rhythmus-Störungen zur Folge haben.

Letzteres traf wohl auch auf den Münchner StudentenAlexander D. zu!

Prof. Holsboer:  Stress kann in Kombination mit dem Koffein durchaus Kammerflimmern hervorrufen. Allerdings müsste er dafür etwa zwei Liter Red Bull getrunken haben. Das war bestimmt nicht der Fall. Ich halte daher eine Vorschädigung für wahrscheinlicher. Die kann angeboren oder durch eine frühere Erkrankung hervorgerufen worden sein.

Was sind die größten Stress-Situationen für einen Menschen?

Prof. Holsboer: Der größte physische Stress ist eine schwere Infektion oder großer Blutverlust. Psychischer Stress wird durch eine Bedrohung oder durch Anforderungen hervorgerufen, denen man nicht mehr gerecht werden kann. Allerdings reagiert der Körper unterschiedlich: Im ersten Fall wird alle Energie aufgebraucht, um das kurzfristige Überleben zu sichern. Man bekommt möglicherweise Fieber. Im zweiten Fall reagiert der Körper mit Angespanntheit, das Blut schießt in die Muskeln. Beides sind Stressbewältigungsstrategien. Der Körper passt sich an. Ganz nach der Lehre Darwins, wonach der Mensch nur durch ständiges Anpassen überleben kann.

Was raten Sie stressanfälligen Menschen?

Prof. Holsboer: Wenn man der Lebenssituation, die den Stress hervorruft, nicht mehr entrinnen kann, sollte man zunächst versuchen, das Ruder mit vollem Einsatz herumzureißen. Also ruhig den Stress annehmen. Dabei ist es aber wichtig, dass man die emotionale Distanz sucht.

Kann ein Arzt helfen?

Prof. Holsboer: Ja, vor allem, wenn in der Familie gehäuft Depressionen oder Herz-Kreislauf-Probleme auftreten. Man sollte seine Hormon- und Blutwerte einfach mal durchchecken lassen. Wenn dann nichts festgestellt wird, kann das schließlich auch schon zur Stress-Reduzierung beitragen. Man fühlt sich einfach sicherer – ganz nach dem Motto: ,A Guada hoid’s aus‘.

Sebastian Arbinger

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