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Wenn man die Armut eines Menschen an dessen Zähnen sieht

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Internationale Dental-Schau (IDS) in Köln
Internationale Dental-Schau (IDS) in Köln

München - Stimmt die Beobachtung, dass man die Armut eines Menschen an dessen Zähnen sieht? Wenn ja, wäre das in einem Land wie Deutschland beschämend, sagt die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann. Ein Interview mit dem Implantologen Prof. Hannes Wachtel.

Immer mehr Menschen verzichten aus Geldmangel auf einen Zahnersatz! Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf Anfrage der Linken-Abgeordneten Sabine Zimmermann mit, dass private Haushalte immer mehr Geld für Zahnersatz ausgeben: 2005 mussten die Deutschen für Material- und Laborkosten rund 2,62 Milliarden Euro zuzahlen. 2010 waren es schon 3,02 Milliarden Euro – und 2014 (die aktuellste verfügbare Angabe) stiegen die Zusatzkosten auf den Rekordwert von 3,14 Milliarden Euro. Laut Statistischem Bundesamt erklärte knapp die Hälfte (48,3 Prozent) derjenigen, die 2014 auf einen notwendigen Zahnarztbesuch verzichteten, dass sie dies aus finanziellen Gründen taten. „Es ist skandalös, dass Menschen notwendige Behandlungen aus Angst vor hohen Kosten nicht durchführen lassen“, so die Linken-Abgeordnete. Hohe Eigenanteile beim Zahnersatz sorgten auch dafür, dass man einkommensschwache Menschen am Zustand ihrer Zähne erkenne. „Für eines der reichsten Länder der Erde ist dies ein beschämender Zustand.“ Die tz sprach darüber mit dem Implantologen Prof. Hannes Wachtel.

Haben Sie schon die Erfahrung gemacht, dass Patienten, die einen Zahnersatz bräuchten, aus Geldmangel auf die Behandlung verzichten? 

Prof. Dr. Hannes Wachtel, Implaneo Dental Clinic: Natürlich spielt das Finanzielle im zahnärztlichen Bereich für die Patienten eine wichtige Rolle, da sie einen relativ großen Prozentsatz selbst bezahlen müssen. Ich als Zahnarzt gehe damit so um, dass ich das Zahnproblem zunächst allein von der medizinischen Seite her angehe: Wir tun mal so, als wäre das Finanzielle ausgeklammert – keine Luxuslösung, sondern ganz funktional. Auf Basis dessen erarbeiten wir einen Finanzplan. Der Patient sagt dann, was er sich leisten kann – und wir arbeiten den Plan entsprechend um. Im Extremfall bis dahin, dass der Patient sagt: Ich kann mir das nicht leisten. 

Was raten Sie dann? 

Wachtel: Es gibt dann immer noch eine zuschussfreie Basisversorgung, die letztendlich das Leben und Überleben des Patienten sicherstellt. Totalprothesen bis hin zur RadikalLösung: das Ziehen von Zähnen, die sehr aufwendig zu sanieren sind. Da gibt es klare Kriterien der Kassen: Bis wann ist ein Zahn im rein wirtschaftlichen Sinn erhaltenswert? Mit dem medizinisch Möglichen hat das nicht immer etwas zu tun.

Sie haben ja einen Blick dafür: Sehen Sie Menschen auf der Straße an, dass die offenbar kein Geld für Ihre Zahnbehandlung hatten? 

Wachtel: Im Einzelfall gibt es das vielleicht, aber laut der aktuellen Mundgesundheitsstudie gibt es bis ins hohe Alter deutliche Verbesserungen beim Zahnerhalt. Insgesamt wird dadurch das System aber teurer: Wenn ein Patient Zähne hat, kostet das mehr als die Totalprothese. 

Also die guten alten dritten Zähne zum Rausnehmen, die man von der Oma kennt. Gibt es die im Zeitalter der Implantate noch?

Wachtel: Natürlich, das ist die Standardversorgung in vielen Fällen. Vor allem im Oberkiefer sind viele Patienten damit durchaus zufrieden. Der Unterkiefer ist schwieriger – da sollte man mindestens ein, zwei Halteelemente haben. Das können Zähne oder Implantate sein. Mit zunehmenden Alter wird die Totalprothese unbequemer, weil sich der Knochen durch das Geschaukel der Prothese abbaut. Da kann schon ein einzelnes Implantat dem zahnlosen Patienten helfen. 

Was halten Sie von Zahnersatz aus China? 

Wachtel: Wir arbeiten nicht damit. Die Zahntechnik ist in Deutschland hoch entwickelt. In vielen Ländern gibt es eine derart gute Ausbildung wie in Deutschland nicht. Die Qualität ist also ungesichert. Was nicht heißt, dass auch ausländischer Zahnersatz gut sein kann. Wichtig sind klare Qualitätskriterien, die sich aber mittlerweile langsam etablieren. Und was halten Sie davon, nach Ungarn zu fahren, um dort den Zahnersatz machen zu lassen? Wachtel: Dort kriegen Sie die Leistung vielleicht für ein Drittel oder die Hälfte. Wenn aber eine Komplikation auftritt, wird es schwierig. Die Behandlungsqualität dort ist extrem unterschiedlich. Mittlerweile ist es ja vielen Ungarn schon zu teuer und die Patienten gehen nach Rumänien oder in die Ukraine. Wir hatten Patienten, die hatten acht Jahre lang keinerlei Nachsorge. Dann mussten wir alles wieder entfernen – und dann wird es richtig teuer. Ich glaube schon, dass man gut daran tut, auf das deutsche System zu vertrauen und den Hauptfokus auf die Vorsorge zu legen.

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