Was wirklich gegen Krampfadern hilft

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Makellose Beine - doch bei vielen durchkreuzen Krampfadern diesen Traum

München - Sie sind ein Albtraum: Hässliche dunkelrote Knötchen und Schlingen, die sich auf einmal die Waden oder an der Innenseite der Beine entlangwinden – Krampfadern! Was hilft? Die tz sprach mit einem Venenspezialisten.

Neun von zehn Erwachsenen haben zumindest leichte Veränderungen in den Beinvenen, stellt das renommierte Robert-Koch-Institut fest. Zumeist handelt es sich um sogenannte Besenreiser, das sind blau-rot schimmernde Aderverzweigungen. Mit steigendem Alter nehmen Häufigkeit und Schweregrad der Venenleiden zu. Bleiben sie unbehandelt, kommt es in schlimmen Fällen zum Unterschenkelgeschwür, dem offenen Bein. Rund 470 000 gesetzlich Versicherte in Deutschland erkranken jährlich neu an Venenleiden, so eine Statistik der Krankenkasse Barmer GEK. Krampfadern entstehen, weil Venen ausleiern. Das Blut, das sie in Richtung Herz bringen sollten, sackt in das Bein zurück. Das nicht abtransportierte Blut sammelt sich und verstärkt den Druck auf die ohnedies schwache Venenwand, die sich weiter ausdehnt. Im Gegensatz zu Besenreisern (Durchmesser bis drei Millimeter) belasten Krampfadern (Varizen) den Gesamtkreislauf. Bei aufrechter Körperhaltung entsteht eine venöse Stauung im Bein. Das führt nicht nur zu subjektiven Beschwerden wie Schwere- und Spannungsgefühl, bei jedem zweiten Mann und bei zwei von drei Frauen leiern die Beinvenen so aus, dass sie jucken, zucken, es zu Krämpfen und schlimmen Schmerzen kommt. Was man dagegen tun kann, erklärt der renommierte Venenspezialist Dr. med. Franz Xaver Breu von der Praxis für Gefäßmedizin in Rottach-Egern im tz-Gespräch. Dr. Breu ist unter anderem Generalsekretär des Berufsverbandes der Phlebologen und hat sich auf die Sklerotherapie spezialisiert.

Zwischen dem Aussehen der Krampfadern und der Schwere des Problems muss nicht unbedingt ein Zusammenhang bestehen. Was sind Anzeichen, dass ein Arztbesuch unbedingt nötig ist?

Dr. med. Franz Xaver Breu: Bei sichtbaren Krampfadern sollte immer ein Termin beim Phlebologen ausgemacht werden. Wir wissen aus der Bonner Venenstudie, dass Krampfadern eine starke Neigung zur Progression haben. Diese chronische Veneninsuffizienz, wie wir sagen, verschlimmert sich mit der Zeit, das Endstadium ist das offene Bein. Daher ist es wichtig, früh mit der Behandlung zu beginnen.

Was wird untersucht?

Breu: Man wird die Venen im Ultraschall darstellen, und besonders das Tiefenvenensystem untersuchen, ob die Venenklappen gut schließen, wie der Rückfluss des Blutes zum Herzen funktioniert. Das ist entscheidend für die Prognose und das Vorgehen.

Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es?

Breu: Man muss zwei Dinge wissen: Erstens, Krampfadern kann man nicht endgültig heilen. Die Erkrankung schreitet fort. Der Arzt versucht, dieses Fortschreiten zu verlangsamen und Beschwerden zu lindern. Zweitens: Krampfadern kommen immer wieder. Eine Möglichkeit, die Folgen von Krampfadern zu mildern, sind Kompressionsstrümpfe, die vom Arzt verschrieben werden müssen. Ihr Druck unterstützt die Venen in ihrer Arbeit, das Blut zurück zum Herzen zu transportieren.

Allen wissenschaftlichen Studien zufolge hilft eine Operation am besten. Andererseits heißt es, in Deutschland werde zu viel operiert.

Breu: Die Operation als Behandlung der ersten Wahl ist eine alte Lehrmeinung. Seit über zehn Jahren stehen neue Methoden zur Verfügung, die zum Beispiel in den USA dazu geführt haben, dass es wesentlich weniger Venenoperationen gibt. Auch ich bin der Meinung, dass zu viel und vor allem zu früh operiert wird. Das große Stripping bei schmalkalibrigen Krampfadern ist oft nicht nötig. Dass Stripping noch häufig angewandt wird, hängt auch damit zusammen, dass die Krankenkassen diese Operation bezahlen. Die Methoden, bei denen die kaputten Venen mit Hilfe von endovenösen Katheterverfahren verklebt werden, sind schonender und günstiger. Dabei werden die kranken und damit nutzlosen Venen mit Hitze, Laser, Wasserdampf oder Chemikalien abgedichtet.

Sie haben die Schaum-Sklerotherapie in Deutschland eingeführt, also das Veröden der Vene mit Schaum. Was hat Sie daran fasziniert?

Breu: Ich bin kein Chirurg. Ich möchte möglichst minimalinvasiv arbeiten. Der Patient braucht keine Narkose, er kann nach dem Eingriff gleich aufstehen. Bei der Behandlung wird ein spezieller Schaum in die Vene injiziert. Dieser Schaum reizt die Venenwand, die dadurch verklebt. Die Prozedur lässt sich im Ultraschall darstellen. Die Vene, die Einstichstelle und der Schaum sind gut zu sehen. Die Behandlung kostet pro Bein maximal 150 Euro pro Sitzung (zwei bis drei sind meistens nötig), im Gegensatz zu einer Stripping-Operation, die mit weit über 1000 Euro zu Buche schlagen kann.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Breu: Medizinisch ist diese Behandlung sehr sicher, der Patient muss nicht mal krankgeschrieben werden. Allerdings tritt manchmal ein optisches Problem auf: Die Haut über der Krampfader verfärbt sich in circa 15 Prozent der Fälle bräunlich. Das ist nicht dauerhaft. Aber wenn es einer jungen Frau passiert, die im April ihre Krampfadern behandeln lässt, damit sie im Sommer ihre Beine zeigen kann, ist das natürlich sehr ärgerlich. Es dauert ein paar Wochen bis mehrere Monate, bis diese Verfärbung wieder verschwindet.

Wie sind die Erfolgsquoten? Beim Stripping heißt es, nach zehn Jahren seien 25 Prozent der Krampfadern wieder da.

Breu: Bei den neuen Therapieverfahren fehlen die Langzeitergebnisse noch, Studien dazu sind in Arbeit. Nach unseren Zahlen haben wir nach fünf Jahren noch Verschlussraten von circa 85 Prozent. Das ist sehr ermutigend.

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Aufbau und Funktion der Venen

Die Venen müssen rund 7000 Liter Blut pro Tag entgegen der Schwerkraft zum Herzen zurückbefördern, ohne dass ihnen dazu das Herz als Pumpe zur Verfügung steht. Diese Arbeit übernimmt die Muskel-Venen-Pumpe des Beines: Beim Anspannen der Muskeln, z.B. beim Gehen, pressen sie die zwischen ihnen liegenden Venen zusammen und das Blut zum Herzen zurück. Venenklappen, die sich normalerweise nur zum Herzen hin öffnen, sorgen dafür, dass das Blut nicht ins Bein zurückfließt. In den oberflächlichen Venen sammelt sich das Blut aus Haut und Fettgewebe und wird in die tiefer gelegenen Venen geleitet. Diese übernehmen den Hauptanteil des Rücktransports. Die elastischen Venen dienen auch als Blutspeicher, in dem sich etwa 85 Prozent der gesamten Blutmenge befindet.

Das kann jeder selbst für seine Beine tun

Krampfadern sind das häufigste Venenleiden und zum Teil erblich bedingt. Frauen haben häufiger Varizen als Männer. Viele Frauen entwickeln in der Schwangerschaft Krampfadern, da dann der Druck in den Beinvenen ansteigt. Bislang konnte nicht nachgewiesen werden, dass bestimmte Ernährungsfaktoren Varizen verursachen oder verschlimmern können. Allerdings führt starkes Übergewicht zu einem zusätzlichen Druck in den Beinen, was die Wahrscheinlichkeit von Krampfadern erhöht. Normalgewicht entlastet also die Venen. Auch bequeme Schuhe, nicht einschnürende Strümpfe und locker sitzende Kleidung tun den Venen gut. Zur Entstauung der Blutgefäße hilft möglichst wenig stehen und sitzen, mehr gehen und liegen. Medizinische Kompressionsstrümpfe können Beschwerden lindern, weil sie den Druck auf die Venen erhöhen, die Klappen schließen besser. (Grafik links), das rechte Bild zeigt die ausgeleierte Vene ohne den Druck von außen. Empfehlenswert sind Sportarten wie Nordic Walking, Radfahren und Schwimmen. Auch regelmäßiges Gefäßtraining mit kalten Beingüssen und Bürstenmassagen stärkt die Venenwände.

Statistik:

Varizenoperationen zählen zu den häufigsten in Deutschland durch-­geführten Eingriffen, und etwa sieben Prozent der Erwachsenen haben sich bereits einmal einer Operation der Krampfadern unterzogen.

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