Ärzte erklären Gefühlshoch

Wie uns das WM-Glück berauscht

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Positives Gemeinschaftserlebnis: Das Public Viewing steigert bei den deutschen Fans die Ausschüttung von Endorphinen.

München - Es sind große Gefühle, die Fußball-Barde Andreas Bourani in seinem WM-Hit „Auf uns“ besingt. Und in der Tat: Jogis Jungs haben bei ihren Fans ein „Feuerwerk aus Endorphinen“ entfacht.

Dieser WM-Glücksrausch sorgt dafür, dass wir uns auch noch Stunden nach dem Spiel einfach nur weltmeisterlich gut fühlen. Warum das so ist, erklären Top-Ärzte in der tz.

„Endorphine spielen bei der Entstehung von Euphorie eine wichtige Rolle“, erklärt der renommierte Psychiater und Psychotherapeut Professor Dr. Ulrich Voderholzer von der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Endorphine sind Hormone, die im Gehirn gebildet werden – genauer gesagt in der Hypophyse und im Hypothalamus. „Sie werden unter anderem durch intensiven Sport oder durch psychologische Faktoren vermehrt ausgeschüttet. Positive Gemeinschaftserlebnisse wie das Public Viewing während der WM sind Paradebeispiele dafür“, sagt Voderholzer.

Die Endorphine setzen eine Art körpereigene Kettenreaktion des Glücks in Gang. Sie steigern nämlich im Gehirn die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin, der wiederum das Belohnungssystem aktiviert. „Dadurch verbessert sich unser allgemeines Wohlbefinden“, weiß der Psychiater. „Wir sind wacher und leistungsfähiger, können uns besser konzentrieren. Und wir brauchen auch weniger Schlaf.“

Bleibt die spannende Frage, wie lange das natürliche WM-Doping anhält? „Leider sind solche Glückgefühle eine recht kurzfristige Angelegenheit. Aber: Je öfter man sie hat, desto länger dauern sie auch an. Schon allein deshalb können wir uns nur wünschen, dass uns die deutsche Mannschaft am Sonntag die nächste Endorphinausschüttung beschert“, sagt Voderholzer augenzwinkernd.

Wie die gesamte Fußballnation hofft der Mediziner auf einen Sieg im Finale am Sonntag. Trotzdem kann er uns – schon aus Berufsgründen – eine kleine Warnung nicht ersparen: Falls es nicht klappt mit dem vierten Stern auf der deutschen Brust, sollten wir uns nicht zu sehr in den Frust hineinsteigern. „Der akute Stress des Verlierens kann extrem gesundheitsschädlich sein“, weiß Professor Vorderholzer. „Gefährdete Menschen bekommen bei negativen Fußball-Erlebnissen häufiger einen Herzinfarkt. Das haben Münchner Wissenschaftler bereits in einer weltweit beachteten Studie zur Fußball-WM 2006 in Deutschland nachgewiesen. Sie regis­trierten während des Turniers eine deutlich erhöhte Zahl kardialer Ereignisse.“ Darunter versteht man Herzinfarkte und andere Herzattacken.

Schon deshalb heißt die Devise: Daumen drücken für Deutschland – damit die Warnung vorm erhöhten Risiko eine Randnotiz bleibt.

Im Falle eine Final-Sieges würde sich übrigens eine private Verlängerung anbieten – am besten im Schlafzimmer. Denn Jogis Elf kann uns sogar besseren Sex bescheren, wie der Münchner Sexualmediziner Dr. Axel-Jürg Potempa berichtet: „Spannende und erfolgreiche Fußballspiele können die Lust stimulieren.“ Das belege eine Untersuchung von Wissenschaftlern aus Hamburg. „Danach steigt bei männlichen Zuschauern die Testosteron-Ausschüttung während der Partie um bis zu 30 Prozent.“ Und auch bei den Frauen komme es zu einer deutlich erhöhten Produktion dieses Sexualhormons, so Dr. Potempa.

Und wie erleben eigentlich die Sportler selbst ihre Sternstunden? „Viele fühlen sich wie in einem Film, alles läuft ein Stück weit automatisiert ab“, weiß der langjährige Münchner Olympia-Arzt Dr. Volker Smasal aus zahlreichen Gesprächen. „Ein erfolgreicher Athlet hat mir das mal so erklärt: Doc, irgendwann habe ich nicht mehr selbst meine Leistung abgerufen – irgendwann bin ich von meiner Leistung abgerufen worden. Oder anders ausgedrückt: Etwas Großartiges passiert einfach – ohne dass man so richtig realisiert, was man gerade tut.“

Andreas Beez

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