Klinikum rechts der Isar

Zwillinge in München durch Operation im Mutterleib gerettet

+
Mama Stefanie mit den Zwillingen Willi und Fred, nach der Geburt.

München - Bei diesem Münchner Wutzerl-Wunder leistete ein Mediziner vom Klinikum rechts der Isar spektakuläre Geburtshilfe. Er operierte eineiige Zwillinge in der 21. Schwangerschaftswoche.

Eltern wissen: Jede Geburt ist ein großes Geheimnis – und jedes einzelne Wutzerl, das dabei plötzlich sein kleines Näschen in die Welt steckt, schlichtweg ein Wunder. Für Fred und Willi gilt diese Weisheit gleich im doppelten Sinne. Zum einen, weil sie eineiige Zwillinge sind. Und zum anderen, weil die beiden heute pumperlgsunden Babys im Bauch ihrer Mama beinahe gestorben wären.

Bei diesem Münchner Wutzerl-Wunder leistete ein Mediziner vom Klinikum rechts der Isar spektakuläre Geburtshilfe. Genauer gesagt Dr. Javier Ortiz (45). Der erfahrene Spezialist, ein sogenannter Fetalchirurg, operierte Fred und Willi im Mutterleib – in der 21. Schwangerschaftswoche! Dabei gelang es ihm, insgesamt 13 Blutgefäßverbindungen der Zwillinge zu trennen, die auf lebens­bedrohliche Art und Weise miteinander verwachsen waren.

Bei Ultraschalluntersuchungen hatte sich ein sogenanntes feto-fetales Transfusionssyndrom (FFTS) herauskristallisiert – auch Zwillingstransfusionssyndrom genannt. Hinter dem zungenbrecherischen Fachausdruck steckt eine sehr seltene Schockdiagnose. „Wenn wir eine solche Fehlbildung nicht operieren, verlieren wir in 90 Prozent der Fälle beide Kinder“, erläutert Dr. Ortiz im tz-Gespräch.

Bei Fred und Willi war es allerhöchste Eisenbahn. „Es ging ihnen so schlecht, dass die Ärzte schon das Schlimmste befürchteten“, berichtet ihre Mutter Stefanie Schwarz. Im großen tz-Medizinreport beschreiben die tapfere Mama und der Mediziner, wie ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit ein glückliches Ende fand.

Das Münchner Wutzerl-Wunder

Eine Schwangerschaft ist kein Spaziergang. Insbesondere dann nicht, wenn man schon zwei Zwergerl zu versorgen hat und nun Zwillinge erwartet. Darauf hatte sich Stefanie Schwarz (38) aus der Nähe von Treuchtlingen in Mittelfranken zwar eingestellt, aber sich eigentlich keine größeren Sorgen gemacht. Schließlich waren ihre ersten beiden Schwangerschaften relativ problemlos verlaufen, am Ende kamen Janosch (4) und Kalle (2) sogar ohne jede ärztliche Begleitung per Hausgeburt zur Welt. Doch dieses Mal merkte die zweifache Mama schon früh, dass irgendetwas nicht stimmt. „Ich war erst in der 20. Schwangerschaftswoche, hatte aber schon einen richtigen Kugelbauch. Ich dachte mir: Wenn das so weiter geht, dann platze ich bald“, erinnert sich Stefanie Schwarz.

Auch ihrer Frauenärztin war die gewaltige Menge an Fruchtwasser nicht geheuer. Bei einer weiterführenden Untersuchung im Nürnberger Südklinikum entdeckten Mediziner dann das Zwillingstransfusionssyndrom. „Die Nachricht war der blanke Horror“, erzählt die Mama. „Von diesem FFTS hatte ich zwar schon mal gehört, aber nie damit gerechnet. Die Erkrankung kommt ja nur selten vor.“

Äußerst selten sogar. Von Natur aus kann sie nur bei eineiigen Zwillingen auftreten, die sich einen Mutter­kuchen (Plazenta) teilen. In ganz Deutschland gibt es jährlich gerade mal etwa 2500 solcher Schwangerschaften – und von diesen wiederum ist nur etwa jede zehnte betroffen. Ganze 250 Fälle also.

Entsprechend klein ist auch die Zahl der Spezialisten, die das FFTS behandeln können. Einer der wenigen in Deutschland ist Dr. Javier Ortiz. Er hat am Klinikum rechts der Isar die sogenannte Fetalchirurgie mitaufgebaut – die einzige Einrichtung ihrer Art in Süddeutschland. Dort werden ungeborene Kinder minimalinvasiv operiert – das bedeutet: Die Ärzte arbeiten durch einen winzigen Schnitt in der Bauchdecke mit kleinsten Instrumenten im Mutterleib (siehe Artikel im Halbkreis unten).

Wie das genau funktioniert, hat Dr. Ortiz im Uniklinikum von Barcelona gelernt, einem der führenden fetalchirurgischen Behandlungszentren weltweit. Im Perinatalzentrum am Klinikum rechts der Isar hat der Kolumbianer inzwischen mehr als 40 solcher schwierigen Operationen durchgeführt.

Der Eingriff bei Stefanie Schwarz erforderte seine ganze Erfahrung – unter anderem, weil die Zeit drängte. Auf der Fahrt von Nürnberg nach München hatte die Schwangere vorübergehend das Bewusstsein verloren, die enorme Fruchtwassermenge drückte auf ihre eigenen Blutgefäße. Am Ende musste Dr. Ortiz vier Liter (!) überschüssiges Fruchtwasser ablassen. Vor allem aber verschlechterte sich der Gesundheitszustand ihrer ungeborenen Zwillinge dramatisch, einer litt bereits unter einer schweren Herzfunktionsstörung.

„Zwischen den Blutgefäßen der beiden Kinder hatten sich Verbindungen gebildet, wir Mediziner sprechen von arteriovenösen Anastomosen“, erklärt Dr. Ortiz. „Dadurch kommt es zu einer einseitigen Blutübertragung mit lebensbedrohlichen Folgen: Bei dem Zwilling, der das Blut abgibt, werden die Nieren nicht mehr ausreichend durchblutet. Er produziert viel zu wenig Urin – also Fruchtwasser. Und beim Empfänger-Zwilling wird das Herz aufgrund der großen Blut­menge auf sehr gefährliche Weise überlastet.“ Er hat viel zu viel Fruchtwasser. Unbehandelt kommt das FFTS in neun von zehn Fällen einem Todesurteil für beide Babys gleich.

Trotzdem werden nur 170 bis 180 Schwangere mit einem FFTS operiert – auch deshalb, weil die seltene Erkrankung oft erst viel zu spät oder überhaupt nicht festgestellt wird.

Stefanie Schwarz hatte Glück – und Nerven wie Drahtseile. Auf dem OP-Tisch lag sie mit einer örtlichen Betäubung, unter Vollnarkose ist der Eingriff nicht möglich. „Ich durfte mich phasenweise nicht bewegen und auf keinen Fall husten. Manchmal musste ich sogar kurz die Luft anhalten“, erinnert sie sich. Sie wusste: Dr. Ortiz leistet gerade Millimeterarbeit. Durch einen winzigen Schnitt in der Bauchdecke hat der Spezialist ein drei Millimeter dünnes sogenanntes Fetoskop eingeführt. Im Inneren dieser Hohlnadel befindet sich eine Laserfaser. Sie ist 0,6 Millimeter dick. Damit verödet Dr. Ortiz nacheinander insgesamt 13 Blutgefäßverbindungen. Das Ergebnis echter Teamarbeit mit Assistenten, Schwestern – vor allem mit der Patientin. Wenn sie nicht hundertprozentig stillhält, kann der Laser verrutschen und Gefäße zum Platzen bringen. Im schlimmsten Fall gerät die OP außer Kontrolle, und beide Kinder sterben.

Aber dieses Katastrophen­szenario ist Gott sei Dank nicht eingetreten – der Eingriff verlief erwartungsgemäß komplikationslos. „Wir sind ja darauf trainiert“, sagt Dr. Ortiz bescheiden. „Mit der Zeit und der Erfahrung kommt die Ruhe – und wenn man sich nur auf das konzentriert, was man in dem jeweiligen Augenblick tut, dann geht das schon.“

So war für Stefanie Schwarz nach 20 nervenaufreibenden Minuten alles überstanden. Und bereits nach zwei Tagen kristallisierte sich bei Ultraschall­untersuchungen heraus, dass die Durchblutungsstörungen zurückgehen und sich beide Zwillinge immer besser erholen. Im Laufe der weiteren Schwangerschaft stabilisierte sich ihr Zustand sogar derart, dass sich Stefanie Schwarz für eine normale, sogenannte spontane Geburt entschied.

Ihre Zwergerl kamen in der 39. Schwangerschaftswoche zur Welt – drei Tage vorm errechneten Termin. Fred brachte 3060 Gramm auf die Waage, Willi 3200 Gramm. Beide maßen stolze 50 Zentimeter. „Wir sind überglücklich“, sagt ihre Mama Stefanie, „und dankbar, dass wir im Klinikum rechts der Isar in so guten Händen waren.“ Darüber freut sich Dr. Ortiz natürlich – und noch mehr, wenn ihn die beiden Zwergerl anstrahlen: „Ihr Lächeln ist für unser ganzes Team die schönste Belohnung.“

Andreas Beez

Auch interessant

Meistgelesen

Mit Notrufzentralen-Videochat-System Arztpraxen entlasten
Mit Notrufzentralen-Videochat-System Arztpraxen entlasten
Was über die Symptome von Covid-19 bekannt ist
Was über die Symptome von Covid-19 bekannt ist
Coronavirus in Deutschland – Merkel warnt: "Wo möglich auf Sozialkontakte verzichten"
Coronavirus in Deutschland – Merkel warnt: "Wo möglich auf Sozialkontakte verzichten"
Zeitumstellung: Schlafstörungen, Unruhe & Co. - diese gesundheitlichen Risiken birgt sie für uns
Zeitumstellung: Schlafstörungen, Unruhe & Co. - diese gesundheitlichen Risiken birgt sie für uns

Kommentare