Buch löst Gerechtigkeitsdebatte aus

Arbeit lohnt sich nicht! Große Diskussion

München - Selten hat ein Wirtschaftswissenschaftler weltweit solch eine Diskussion ausgelöst! Lohnt sich Arbeit überhaupt? Die tz sprach mit einem Experten.

Das Buch "Das Kapital des 21. Jahrhunderts" des Ökonomen Prof. Thomas Piketty wurde in den USA zum Bestseller – und auch bei uns wird es schon vor Erscheinen der deutschen Ausgabe heftigst diskutiert. Denn der 42-jährige Wissenschaftler beweist mit Zahlenmaterial aus mehreren Jahrhunderten, dass der ur-kapitalistische Traum, durch Fleiß vom Tellerwäscher zum Millionär werden zu können, eine Lüge ist. Denn auch mit noch so vielen Überstunden lässt sich kein wirklicher Reichtum erarbeiten – das geht nur mit Erben. „In nahezu allen Phasen der Menschheits­geschichte waren die Gewinne aus Vermögen fast immer um das 10- bis 20-Fache größer als das Wachstum der Wirtschaft und der Löhne“, schreibt der Franzose. Einzige Ausnahme dieser Regel war die Nachkriegszeit bis Anfang der 80er-Jahre, weil dank des Wiederaufbaues das Wirtschaftswachstum genauso hoch war wie die Rendite aus Kapitalerträgen. „Die Flut hob alle Boote“, so Piketty. Und: Vermögen wurden damals in den USA und Europa mit hohen Steuern belegt. Deshalb fordert Piketty: Solche hohen Steuern auf Erbschafts- und Kapitalerträge müssen wieder her!

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Ungleichheit gefährdet Demokratie

Kann man mit Arbeit heutzutage überhaupt noch zu Wohlstand kommen? 

Prof. Giacomo Corneo, Lehrstuhl für öffentliche Finanzen an der FU Berlin: Es gibt einen großen Teil der Bevölkerung, bei dem sich die Einstellung zur Zukunft ins Pessimistische gedreht hat – teilweise durchaus berechtigt. Das Schulsystem ist wenig durchlässig, beim Arbeitsmarkt gibt es Sektoren, bei denen man kaum mehr vorankommt und sich nur noch im Kreise dreht. Für einen wesentlichen Teil der Bevölkerung ist es in der Tat schwieriger geworden, durch eigene Arbeit voranzukommen. Ein Mensch in Deutschland, der eine Million Euro geerbt hat und daraus etwa 60 000 Euro Kapitalerträge im Jahr erzielt, muss davon pauschal nur 25 Prozent Abgeltungssteuer abführen. Der Arbeitnehmer, der ebenfalls 60 000 Euro im Jahr verdient, wird aber mit einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent belastet. Fair ist das nicht!

Was könnte die Politik gegen diese wachsende Ungerechtigkeit tun?

Corneo: Durch eine Erhöhung der steuerlichen Belastung von Erbschaften, aber auch von Kapitaleinkommen könnte man zum einen die Steuerlast auf Arbeitseinkommen verringern. Zum anderen könnte man mit diesen Einnahmen eine bessere Betreuung von Klein- und Schulkindern insbesondere für die unterprivilegierten Schichten finanzieren.

So ganz neu sind Prof. Pikettys Erkenntnisse und Forderungen ja nicht. Woran liegt es, dass sich politisch trotzdem nichts bewegt?

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Corneo: In den Bereichen Besteuerung von Kapitaleinkommen und Besteuerung von Erbschaften sind die Lobbys extrem einflussreich. Es gibt Kanzleien, die Gutachten für Ministerien schreiben, in denen steht, dass Betriebsvermögen steuerfrei sein sollte und am besten gar keine Erbschaftssteuer zu erheben sei. Im Bereich der Kapitalbesteuerung gibt es zudem starken Druck der Finanzindustrie. Leider sind die Regierungen – nicht nur in Deutschland, sondern in allen Industriestaaten – sehr von diesen Lobbys beeinflusst.

Gefährdet das die Demokratie?

Corneo: Ja. Wenn ein gewisser Umfang der Einkommens- und Vermögensungleichheit überschritten wird, gerät eine Gesellschaft in einen Teufelskreis. Ungleichheit führt zu mehr Einflussnahme der Geld­elite auf die politischen Entscheidungsfindungen. Das führt dazu, dass die Umverteilung von Reich zu Arm verringert wird – was noch mehr Ungleichheit schafft und noch mehr politische Macht für die Geldelite. Das kann zu einer explosiven Entwicklung führen.

Setzt die aktuelle politische Diskussion um die Thesen von Prof. Piketty die Politik unter Druck, etwas in Richtung mehr Gerechtigkeit zu unternehmen?

Corneo: Ich bin moderat optimistisch, dass die Einsicht bis in die politische Führung hineinkommt, dass man vorsorglicher für die Zukunft der Gesellschaft sein muss. In Deutschland herrscht ja eine Stabilitätskultur in Bereichen wie Umweltschutz und öffentlichen Finanzen. Diese Stabilitätskultur muss sich auch beim Thema sozialer Zusammenhalt der Gesellschaft durchsetzen!

Interview: Klaus Rimpel

Rubriklistenbild: © dpa

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