Die Gründe sind unterschiedlich

Arbeiten mit über 65? Drei Münchner erzählen, warum

München - Mit 65 Jahren in Rente gehen und den Ruhestand genießen. Das ist der Traum vieler Menschen. Doch ist er realistisch? Die tz sprach mit drei Leuten, die im Alter arbeiten.

Endlich Rente! Endlich nach einem langen Arbeitsleben mit 65 Jahren die Beine hochlegen. Endlich Ruhestand. Denkste! Eine neue Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. zeigt, dass die Zahl der Menschen über 65, die noch weiterarbeiten, rasant ansteigt. In München jobbt bereits jeder Fünfte über 65!

Deutschland schafft: Vergangenes Jahr hatten etwa 665 000 von rund vier Millionen 65- bis 70-Jährigen noch einen Job – das sind 300 000 mehr als im Jahr 2000. Manche arbeiten weiter, weil sie das Geld dringend brauchen, manche nur, weil sie einfach weiterhin gebraucht werden wollen. Bundesweit arbeiten 16,6 Prozent der 65- bis 70-Jährigen.

Übrigens: Bayern liegt mit einer Beschäftigungsquote von 17,8 Prozent der 65- bis 70-Jährigen im Bundesländer-Ranking auf dem vierten Platz. Gleich fünf der zehn Kreise mit der bundesweit höchsten Beschäftigungsquote liegen im Freistaat. Spitzenreiter sind Passau, Würzburg und Regensburg, die im bundesweiten Vergleich die Plätze zwei bis vier einnehmen. Dort arbeitet noch fast jeder Dritte im Alter von 65 bis 70 Jahren. Und in Oberbayern? Da stieg die Zahl der Berufstätigen beispielsweise in Ebersberg um 106 Prozent seit dem Jahre 2000. In München immerhin um 97 Prozent (siehe Tabelle rechts unten).

Dass immer mehr ältere Menschen nicht in den Ruhestand gehen, hat für VdK-Chefin Ulrike Mascher einen klaren Grund: „Unsere Erfahrungen sind, dass viele ältere Menschen deswegen arbeiten, weil sie dringend Geld brauchen, um nicht auf Grundsicherung angewiesen zu sein.“ Spaß oder Freude sei bei vielen eher nicht der Motivationsgrund, wenn man an Beschäftigungen wie Regaleinräumen oder Putzen denke.

Die tz fragte drei Menschen über 65, warum sie noch so oft werkeln:

Ich muss mir Geld dazuverdienen

Ingrid Killat steht immer noch jeden Morgen spätestens um 6 Uhr auf. So wie sie es getan hat, als sie noch als Bankkauffrau bei der Kreissparkasse gearbeitet hat. Auch wenn sie mit ihren 72 Jahren schon lange Rentnerin ist – ihren Arbeitsethos hat sie behalten.

Muss sie auch. Denn mit ihrer Rente, 1080 Euro, kommt die 72-Jährige gerade mal so über die Runden. Ihre Leidenschaften – Theater, Konzerte, Ausstellungen, Bücher – kann sie sich nur leisten, weil sie immer noch zur Arbeit geht.

Einmal in der Woche steht die 72-Jährige hinter der Ladentheke der italienischen Mode-Boutique Anna in der Amalienstraße. 320 Euro verdient sie sich so dazu – Geld, das sie dringend braucht. Denn: „Früher waren 100 Mark 100 Mark. Heute sind 100 Euro gleich weg…“

Dabei ist Frau Killat extrem sparsam: Sie geht nie essen, kauft sich keine Fahrkarte, sondern geht überall zu Fuß hin. „Ich esse keine Süßigkeiten, trinke keinen Alkohol. Trotzdem: Nach dem Einkaufen hat man nichts in der Tüte und doch 20 Euro bezahlt…“ Und sie hat sogar ihre Elektro-Zahnbürste abgeschafft, um Strom zu sparen. „Dann kam der Bescheid von den Stadtwerken, dass die Strom-Grundkosten steigen – und das, was ich mühselig eingespart habe, war dahin.“

Kleinigkeiten machen Ingrids Leben teurer

Es sind diese ständigen Preiserhöhungen bei den alltäglichen Kleinigkeiten – und in München zusätzlich die Mieten, die das Leben der Rentner so schwer machen. Seit 42 Jahren wohnt Ingrid Killat in einem VdK-Haus in Schwabing auf 20 Quadratmetern. 379 Euro zahlt sie für das Apartment, das keine abgeschlossene Küche hat, dazu kommen die Nebenkosten. „Wer zu zweit wohnt, für den teilen sich die Kosten zum Beispiel bei den Rundfunkgebühren – aber ich muss ja alles alleine aufbringen.“

Als sie ihren Juli-Rentenbescheid bekam mit der „tollen“ Rentenerhöhung um zwölf Euro konnte bei Frau Killat keine wirkliche Freude aufkommen – denn kurz zuvor war ihre Miete um 30 Euro erhöht worden.

Wie bei allen Senioren sind auch bei Ingrid Killat die Kosten für Medikamente eine ständig größer werdende Belastung für den Monatsetat: „Mein Herzmedikament zahlt die Kasse nicht mehr, vom Ersatzprodukt habe ich hohen Blutdruck bekommen.“ So muss sie nun aus eigener Tasche die 7,65 Euro für 15 Herztabletten zahlen. Die täglichen Magnesiumtabletten und das Aspirin muss sie ohnehin voll selber berappen. „In der Aspirinpackung sind nur noch 90 statt wie bisher 100 Tabletten drin – das sind diese versteckten Preiserhöhungen, die noch dazukommen!“, ärgert sich die 72-Jährige.

Ingrid Killat weiß, dass viele Rentnerinnen mit noch weniger Geld auskommen müssen – ihre beste Freundin hat gerade mal 800 Euro im Monat: „Ich will nicht jammern, ich habe ja das Glück, was dazu-zuverdienen.“ Auch wenn der 72-Jährigen nach acht Stunden Stehen auf dem harten Steinboden der Boutique die Füße schon ganz schön wehtun. „Eine Kollegin, ebenfalls eine Rentnerin, hat sogar schon barfuß gearbeitet, weil da die Füße weniger schmerzen.“

Die Arbeit hilft aber nicht nur finanziell: „Es macht Spaß – und die Ablenkung tut mir gut, die Trauer über den plötzlichen Tod meines Bruders zu verarbeiten.“

Mit ihrem Schicksal, jeden Cent umdrehen zu müssen, trotz des fortgeschrittenen Alters immer noch arbeiten zu müssen, hadert die Rentnerin nicht: „Das sicherste Mittel, arm zu bleiben, ist, ein ehrlicher Mensch zu sein“, zitiert die leidenschaftliche Biografien-Leserin Napoleon. Ingrid Killat sagt das mit Stolz.

Norbert (72) zaubert Kuchen auf den Tisch

Norbert Kuck (72) arbeitete viele Jahre im Bundesverwaltungsgericht. Jetzt, im Ruhestand, bekommt der Beamte 3000 Euro Pensionsgeld im Monat. Gutes Geld. Dennoch arbeitet er weiter: „Nebenbei backe ich leidenschaftlich gerne für Kuchentratsch“, erklärt der Münchner. „Das ist ein kleines Unternehmen für Pensionäre, um durch gemeinsames Kuchenbacken etwas Geld dazuzuverdienen.“ Einmal in der Woche macht er das – vier bis fünf Stunden lang. „Man kennt mich dort als Opa Norbert. Wir backen in einem Team aus etwa sechs Leuten und haben einen Heidenspaß! Das Backen hatte ich schon immer in mir.“ Immerhin: Mit seinem Hobby verdient der Münchner 150 bis 200 Euro im Monat dazu. Stellt sich die Frage, was denn so seine Spezialität ist? „Am liebsten backe ich Russischen Zupfkuchen oder Faulen Weiberkuchen – das ist ein leckerer Käsekuchen mit Aprikosen. Unsere Gebäcke werden dann an Cafés oder Restaurants weiterverkauft.“ Die Zukunft der Rente gefällt ihm hingegen gar nicht: „Um die jüngere Generation mache ich mir große Sorgen. Die werden es im Rentenalter nicht leicht haben, wenn das Rentenniveau auf 43 Prozent absinkt.“

Das Arbeiten hält die Menschen fit

Weil Klaus Breitenfellner (71) bei der Arbeit immer interessante Menschen kennenlernt, macht ihm sein Job so viel Spaß: Der Unterschleißheimer steht immer da, wo ihn sein Arbeitgeber – der Veranstaltungsservice Allpower – hinstellt: Mal kontrolliert er Karten im Schloss Schleißheim, mal im Residenztheater. „Ich habe meine Rente, ich würde auch ohne diesen Job leben können“, sagt der ehemalige Handelsfachwirt. „Aber mit Job lebt es sich besser.“ Arbeiten – das halte einen Menschen einfach fit.

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Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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