Raus aus dem Arbeitsleben

Früher in Rente: 63er-Regel und andere Möglichkeiten

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München - Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Eintritt in den Ruhestand? „Bald!“, mag das Bauchgefühl bei vielen rufen, obwohl ihnen noch etliche Jahre bis zum regulären Renteneintritt bevorstehen.

Für Bundesbürger, die schon 45 Beitragsjahre bei der Rentenversicherung auf dem Buckel haben, hat die Große Koalition vor einem Jahr die Möglichkeit geschaffen, schon in Alter von 63 Jahren abschlagsfrei ihre Ruhestandsbezüge zu bekommen. Das Angebot ist ein Hit. Schon 136 000 Berechtigte haben seit Start der Regelung im Juli 2014 davon Gebrauch gemacht (siehe Bericht unten). Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, nicht bis zum Regel-Renteneintrittsalter zu malochen, die auch das aktuelle test-Heft beschreibt. Die tz zeigt, welche das sind, ob Sie Abschläge in Kauf nehmen müssen und was bei der Berechnung Ihres Finanzbedarfs im Alter zu beachten ist.

Angesichts der „Rente mit 67“: Was heißt eigentlich regulärer Renteneintritt? Der Einstieg in die Rente mit 67 hat am 1. Januar 2012 begonnen. Der Geburtsjahrgang 1947 musste einen Monat länger als bis zum bisherigen Eintrittsalter 65 arbeiten. Diese Zeitaufschläge summieren sich bis zum Geburtsjahrgang 1964 aufs Eintrittsalter 67.

Wer bekommt die abschlagsfreie Rente mit 63?45 Jahre Beitragszahlung sind Bedingung. Vor 1953 Geborene können mit 63 aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Für die Jahrgänge bis 1963 erhöht sich der frühestmögliche Eintritt in Zwei-Monats-Stufen (Tabelle unten). Der Jahrgang 1964 kann nach 45 Beitragsjahren mit 65 aufhören – mit weniger Jahren greift die Rente mit 67. Die letzten zwei Berufsjahre darf der Antragsteller nicht arbeitslos gewesen sein.

Was gilt bei einer 35-jährigen Beitragszahlung?Damit können Sie ebenfalls die Rente mit 63 in Anspruch nehmen – allerdings mit Abschlägen. Für jeden Monat vor Beginn der regulären Rente bekommen Sie 0,3 Prozent von der errechneten Vollrente (bis zum regulären Eintrittsalter) abgezogen (siehe Tabelle rechts).

Gibt es auch Sonderregelungen? Schwerbehinderte (ab 50 Prozent) können nach 35 Versicherungsjahren in den Ruhestand gehen. 1953 Geborene können mit 63 Jahren und sieben Monaten abschlagsfrei gehen. Wer drei Jahre vorher aufhören will zu arbeiten, muss 10,8 Prozent Abschlag in Kauf nehmen.

Wie viel Rente bekomme ich? Jeder Bürger über 55 bekommt alle drei Jahre die Berechnung der gesetzlichen Rentenversicherung. Sie kann auch unter 0800/10 00 48 00 kostenlos angefordert werden.

Wird die Rente besteuert? Ja. Der steuerfreie Anteil der gesetzlichen Rente sinkt für jeden neuen Jahrgang. Die absolute Höhe des Freibetrags für den Einzelnen legt das Finanzamt zu Rentenbeginn fest; er bleibt gleich. Die Konsequenz daraus: Jede Erhöhung der Rente danach unterliegt der Steuerpflicht. 2015 beträgt der steuerfreie Anteil 30 Prozent; bis 2020 verringert er sich auf 20 Prozent. Die Experten der Stiftung Warentest raten vor allem jenen, die sich für die abschlagsfreie Rente mit 63 qualifizieren, dazu, mit spitzem Stift zu rechnen: „Arbeiten Sie länger, haben Sie zwar mehr Rente, aber auch höhere Steuern – unter Umständen bleibt Ihnen vielleicht nicht viel mehr, als wenn Sie früher gehen!“

Wie sieht es mit der Krankenversicherung aus? Für Kranken- und Pflegeversicherung müssen z. B. Kinderlose von ihrer gesetzlichen Altersrente bzw. Witwer- oder Erwerbsminderungsrente 9,9 Prozent (evtl. plus Zusatzbeitrag) abziehen. Freiwillig Versicherte müssen den 7,3-Prozent-Zuschuss der Rentenkasse extra beantragen.

Wie hoch ist mein Finanzbedarf im Ruhestand? Die ZDF-Sendung WISO hat eine Faustformel: Ziehen Sie von Ihrem Nettoeinkommen die Aufwendungen ab, die nach Ihrem Berufsleben wegfallen. Berücksichtigt werden müssen andererseits erhöhte Kosten – etwa für Hobbys, aber auch für die Gesundheit. Es wird dazu geraten, bis zum Renteneintritt alle Kredite abzuzahlen.

Wie kann man die gesetzliche Rente ergänzen? Je jünger man ist, desto größer sind die Möglichkeiten, etwa durch Riester-Angebote. WISO empfiehlt eine betriebliche Altersvorsorge: Jeder Arbeitnehmer habe Anspruch auf diese Art der Zusatzrente durch Entgeltumwandlung. Der Anteil des Arbeitnehmers wird erst bei Renteneintritt besteuert. Auf Betriebsrenten müssen Abgaben für Kranken- und Pflegeversicherung in Höhe von derzeit 17,95 bis 18,5 Prozent entrichtet werden. Vorteil für pflichtversicherte Krankenkassenmitglieder: Anders als freiwillige Mitglieder müssen sie auf kleine Betriebsrenten sowie auf Riester-, Rürup- und Privatrenten sowie auf andere Einkünfte keine Beiträge zahlen. Test weist auf einen interessanten Umstand hin: Die gesetzliche Krankenversicherung definiere „pflichtversichert“ für Rentner anders als für Berufstätige: Man muss eine gesetzliche Rente beziehen und „in der zweiten Hälfte des Berufslebens mindestens 90 Prozent der Zeit in einer gesetzlichen Krankenkasse pflicht-, freiwillig oder familienversichert“ gewesen sein.

Abschläge bei Frührente

Geburtsjahr Regelaltersrente

Abschlag bei Rente mit 63 *

1950 65 + 4 Monate 8,4 %
1951 65 + 5 Monate 8,7 %
1952 65 + 6 Monate 9,0 %
1953 65 + 7 Monate 9,3 %
1954 65 + 8 Monate 9,6 %
1955 65 + 9 Monate 9,9 %
1956 65 + 10 Monate 10,2 %
1957 65 + 11 Monate 10,5 %
1958 66 10,8 %
1959 66 + 2 Monate 11,4 %
1960 66 + 4 Monate 12,0 %
1961 66 + 6 Monate 12,6 %
1962 66 + 8 Monate 13,2 %
1963 66 + 10 Monate 13,8 %
ab 1964 67 14,4 %

Quelle: Finanztest – Wer auf 45 Beitragsjahre kommt, kann bereits mit 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen (Tabelle unten)

* Nach 35 Beitragsjahren

Junge Rentner – ratlose Arbeitgeber

Knapp 280.000 Arbeitnehmer haben den Antrag auf Rente mit 63 bereits gestellt – bis Ende 2018 dürfte ihre Zahl Prognosen des des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf das Doppelte steigen. Von den 136.000 Menschen, die schon 2014 die abschlagsfreie Rente bekommen haben, sind laut Deutscher Rentenversicherung 71 Prozent Männer. 11,4 Prozent der Betriebe sind von der Neuregelung betroffen, so die Arbeitsmarktforscher.

Am stärksten nutzten Mitarbeiter im öffentlichen Dienst die Möglichkeit zum frühen Abgang, so das IAB. Fast jede dritte Behörde sei davon betroffen. Groß sei die Nachfrage auch in den Belegschaften von Wasserversorgungsbetrieben und Abfallentsorgern sowie in der Industrie.

Arbeitgeberverbände fürchten einen Verlust wichtigen Know-hows in Deutschlands Firmen. „Es war und ist ein Fehler, in Zeiten zunehmenden Fach- und Arbeitskräftemangels teure Anreize zur Frühverrentung zu schaffen“, erklärt Alexander Gunkel von der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall klagt, in der Metall- und Elektroindustrie seien in den ersten drei Monaten nach Start der Rente ab 63 fast 3000 Arbeitnehmer von heute auf morgen in den Ruhestand gegangen. Die Zahl der über 63-jährigen Mitarbeiter in der Branche sei damit um rund fünf Prozent gesunken. „Die Unternehmen verlieren Fachkräfte mit langer Berufserfahrung und spezifischem Wissen über das Unternehmen und die Kunden, die sich nicht so einfach durch nachrückende Mitarbeiter ersetzen lassen“, erklärt Geschäftsführer Michael Stahl. „Außerdem bleibt den Unternehmen nicht genug Zeit für die Qualifizierung und Einarbeitung der Nachrücker, weil die Entscheidung der Mitarbeiter zur Rente mit 63 oft sehr kurzfristig gefallen ist.“ Mit den Folgen hätten vor allem kleine und mittelständische Betriebe zu kämpfen. Etliche Unternehmen versuchen daher nach IAB-Erkenntnissen, schwer ersetzbare Spezialisten, die über einen frühen Abschied nachdenken, mit allen Mitteln zu halten – mit höheren Löhnen, Prämien oder sogar Beförderungen.

Rente ab 63

Geburtsjahr Mögliches Renteneintrittsalter
1952 63 Jahre
1953 63 Jahre + 2 Monate
1954 63 Jahre + 4 Monate
1955 63 Jahre + 6 Monate
1956 63 Jahre + 8 Monate
1957 63 Jahre + 10 Monate
1958 64 Jahre
1959 64 Jahre + 2 Monate
1960 64 Jahre + 4 Monate
1961 64 Jahre + 6 Monate
1962 64 Jahre + 8 Monate
1963 64 Jahre + 10 Monate
1964 65 Jahre
1965 und später 65 Jahre

Quelle: Infoportal Renten-Recht.org

Bedingung: 45 Beitragsjahre!

bw

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