Auto-Branche brummt, Sozialberufe abgehängt

Gehaltsstudie bis 2020: Mehr Lohn, aber nicht für alle!

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Der Wert der Arbeit driftet immer mehr auseinander. Wer in der Autobranche ist, kann mit deutlich höheren Lohnzuwachs rechnen als Krankenschwestern oder Altenpfleger.

München - Die Lohnschere in Deutschland geht immer weiter auseinander. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Wir zeigen die Lohnentwicklung von 21 Branchen.

Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen werden bis 2020 im Schnitt 1050 Euro mehr verdienen als 2012. Wer jedoch in der chemischen oder pharmazeutischen Industrie arbeitet, darf sich – inflationsbereinigt – über 6200 Euro mehr freuen, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Lohnzuwächse im oberen Fünftel (ab 54 700 Euro/Jahr) liegen demnach bis 2020 im Schnitt bei 5300 Euro. Die unteren 20 Prozent (7200 Euro) können nur mit einem Plus von 750 Euro rechnen. Die tz sprach mit dem Leiter der Studie, Andreas Esche.

Die Kernaussage Ihrer Studie ist: Sozialberufe und Geringverdiener werden bei den Löhnen weiter abgehängt. Warum?

Andreas Esche, Bertelsmann Stiftung: In erster Linie führen wir das darauf zurück, dass sich die Produktivität in unterschiedlichen Branchen unterschiedlich entwickelt. Während sie in der Auto-Industrie beispielsweise durch den Einsatz von Robotik mit immer weniger Menschen immer mehr Wertschöpfung erzielen können, ist das im Sozialbereich anders: Dort sind Menschen für Menschen tätig. Das können und wollen wir gar nicht durch Maschinen ersetzen.

Was ist die Konsequenz daraus? War es ein Grundfehler, die wichtigen sozialen Berufe dem freien Markt zu unterwerfen? Braucht man hier mehr staatliche Förderung?

Andreas Esche: Zunächst sind bei uns für die Lohnfindung die Gewerkschaften und Arbeitgeber zuständig. Aber es gibt Grenzen und Fehlentwicklungen. So müssen wir uns grundsätzlich Gedanken machen über den Wert menschlicher Arbeit. Möglicherweise kommt am Ende dabei heraus, dass der Markt die Lohnfindung im Bereich der sozialen Daseinsfürsorge nur zum Teil regeln kann. Dann müssen wir uns der Frage stellen, in welcher Form der Staat vernünftig eingreifen kann.

Was könnte die Politik da konkret tun?

Andreas Esche: Der Staat hat ja schon etwas getan – denken Sie an die Einführung des Mindestlohns. Das sind Schritte. Aber bevor wir an steuerfinanzierte Direkttransfers oder ähnliches gehen, müssen wir uns als Gesellschaft die grundsätzliche Debatte leisten, was uns was wert ist.

Die Gewerkschaften wollen derzeit die Erzieherberufe aufwerten. Wären ähnliche Kampagnen für Krankenschwestern oder Altenpfleger nötig?

Andreas Esche: Kampagnen laufen Gefahr, nur einseitig zu sein. Es ist notwendig, dass die Entscheider in unserer Republik darüber ins Gespräch kommen. Diese Debatte findet bei uns noch nicht ausreichend statt.

Warum werden Alleinerziehende von der allgemeinen Lohnentwicklung abgehängt?

Andreas Esche: Weil gerade die Alleinerziehenden sehr häufig in den sozialen Berufen tätig sind, über die wir vorher gesprochen haben. Zudem haben sie weniger Zeit, aktiv in die eigene Karriere zu investieren.

Auch Familien, wo sich zwei Elternteile um die Kinder kümmern, haben geringere Lohnzuwächse als Singles. Warum? 

Andreas Esche: Das hat einen ähnlichen Hintergrund, der etwas abgeschwächt wird durch den Erstverdiener. Aber der Zweitverdiener ist oft ebenfalls in diesen schlechter bezahlten Sektoren und geringer bezahlten Jobs tätig. Das erklärt die Unterschiede.

Interview: Klaus Rimpel

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