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Die große Gehaltstabelle: Verdienen wir, was wir verdienen?

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Von: Marc Kniepkamp

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München - Viele Arbeitnehmern haben das Gefühl, dass ihr Gehalt immer weniger wird. Der Wirtschaftsjournalist Mark Schieritz kommt jetzt zu dem Schluss: Dieses Gefühl trügt nicht. Vergleichen Sie selbst.

In seinem Buch "Der Lohnklau" rechnet Wirtschaftsjournalist Mark Schieritz minituös nach, warum wir nicht das verdienen, was wir eigentlich verdient hätten. Die tz erklärt :

Der Lohnschwund: Das Brutto-Inlandsprodukt ist der Wert aller innerhalb eines Jahres in einem

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Wirtschaftsjournalist Mark Schieritz.

Land hergestellten Güter und Dienstleistung. Zwei Gruppen haben ihren Anteil daran: die Arbeitnehmer und die Kapitaleigentümer. Die Arbeitnehmer bringen ihre Arbeitskraft und ihr Wissen, die Kapitaleigentümer ihre Produktionsanlagen ein. Beide haben ein Anrecht auf Teilhabe an dem geschaffenen Wohlstand – die Arbeitnehmer durch Löhne, die Kapitaleigentümer über Zinsen und Gewinne. Das Problem: „In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann die Lohnquote in praktisch allen Industriestaaten gleichzeitig zu fallen“, so Schieritz. Beispiel Deutschland: Hier ging die Lohnquote von 1980 bis 2013 von 70,7 auf 64,4 Prozent zurück. Übersetzt heißt das: Die Arbeitnehmer bekommen einen immer kleineren Teil des Kuchens ab.

Wo bleibt das Geld? 

Lohn und Kapital ergänzen sich immer auf 100 Prozent. Wenn die Lohnquote sinkt, muss die Kapitalquote also gestiegen sein. Und so ist es auch: „In den meisten Industrienationen sind die Gewinne der Unternehmen sowie die Einküfte aus Zinsen und Dividenden in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen.“ Zwar beziehen auch Arbeitnehmer Kapitaleinkünfte – etwa bei angespartem Geld oder Dividenden aus Aktienvermögen. Eine Studie des DIW zeigt aber, dass gut 20 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland kein Vermögen haben, das reichste Zehntel dagegen ein Nettovermögen von mindestens 217 000 Euro.

Die Einkommensschere:

Ein zweites Problem: Während die Einkommen der Top-Verdiener rasant steien, sinkt der Anteil der

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Die große Lohntabelle (Zum Vergrößern klicken)

Niedrigverdiener am Volkseinkommen. In Zahlen: Vor 25 Jahren entfielen 25,9 Prozent der Einkommen auf die obersten zehn Prozent, 2011 waren es bereits 31,3 Prozent – Tendenz steigend! Dagegen ist das mittlere Lohzninveau eines vollzeitbeschäftigten männlichen Arbeitnehmers mit geringer Qualifikation preisbereinigt zwischen 1994 und 2004 sogar gesunken!

Der Niedriglohnsektor: 

Ein Grund für den Lohnverfall ist der wachsende Niedriglohnsektor. Hier sind etwa 24 Prozent aller Beschäftigten tätig – sie verdienen weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns. Etwa 6,1 Prozent der Niedriglöhner vollzeitbeschäftigte Männer mit abgeschlossener Ausbildung, deutscher Staatsangehörigkeit und einem Alter von über 30 Jahren – sie sollten eigentlich bessere Löhne erzielen können.

Sprengsatz Konsumverzicht: 

Sinkende Löhne werden zum Problem für die ganze Volkswirtschaft. Denn: Autos kaufen keine Autos. „Weil die Gehälter in den vergangenen Jahren kaum gestiegen sind, reichte in Deutschland die Kaufkraft nicht aus, um die von den Unternehmen produzierten Güter zu abzunehmen“, so Schieritz. Die Waren, die im Inland nicht verkauft werden können, werden dann ins Ausland geliefert. Hier liegt ein Sprengsatz für Europa: „Ökonomisch ist das nichts anderes als Konsum auf Pump – nur dass die Schulden nicht im Inland, sondern im Ausland aufgenommen werden.“ Zugespitzt formuliert: „Indem wir die Welt mit unseren Waren überschwemmen, zwingen wir sie in die Verschuldung“, warnt Schieritz. Auf lange Sicht sei das eine Einbahnstraße, denn irgendwann könnten die Handelspartner ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen, siehe Griechenland. „Der Export ist kein Selbstzweck“, so Schieritz.

Der richtige Lohnanstieg: 

„Niedrige Löhne sind genauso problematisch wie zu hohe“, erklärt Schieritz. Doch wie findet man diese goldene Mitte? Für den einzelnen Job ist das schwierig zu sagen, für die gesamte Volkswirtschaft hat sich die produktivitätsorientierte Lohnpolitik bewährt. Das bedeutet: Steigt die Produktivität, dann steigen auch die Löhne um diesen Faktor – plus einen Inflationsausgleich. Ein Beispiel: „Angenommen, eine Volkswirtschaft besteht aus einem Unternehmen mit einem Arbeitnehmer, der jeden Tag ein Brot backt. Dafür bekommt er fünf Euro, und das ist genau der Preis des Brotes im Supermarkt“, erklärt Schieritz. Wenn der Arbeitnehmer durch eine neue Entwicklung seine Produktivität erhöht hat und plötzlich zwei Brote am Tag backt, steht dem Warenangebot von zehn Euro eine Kaufkraft von fünf Euro entgegen. Die Inlandsnachfrage fehlt also, das Brot muss entweder exportiert werden oder der Arbeitnehmer hat nur noch Arbeit für einen halben Tag. Wenn der Lohn hingegen im Einklang mit der Produktivität – in diesem Fall also verdoppelt – wird, dann kann der Arbeitnehmer das zusätzliche Brot kaufen. Doch die Realität sieht häufig anders aus. In den USA ist die Produktivität laut der Internationalen Arbeitsorganisation zwischen 1980 und 2013 um 85 Prozent gestiegen – die Löhne nahmen nur um 35 Prozent zu. Für Deutschland kommt das DIW zu dem Schluss, dass „in nahezu allen Industriezweigen der Verteilungsspielraum nicht ausgenutzt“ worden sei. Im Maschinenbau etwa seien die Löhne zwischen 2003 und 2011 im Schnitt um 2,35 Prozent pro Jahr gestiegen – die Wertschöpfung pro Arbeitnehmer aber um 4,15 Prozent.

Kollege Roboter: 

Der technische Fortschritt hat schon immer einen gravierenden Einfluss auf die Arbeitswelt gehat. Allerdings sind für die weggefallenen Jobs in der Vergangenheit immer wieder neue hinzu gekommen. „Vor der Erfindung des Automobils wurden Fahrgäste und Güter mit Kutschen befördert“, erklärt Schieritz. Kutscher, Hersteller von Kutschen, Pferdezüchter – sie halle hatten bis zur Erfindung des Automobils mehr als genug zu tun – danach fielen ihre Jobs weg. „Dafür wurden aber Arbeitskräfte in der Automobilproduktion benötigt und statt Kutschern waren Fahrer für Taxis, Limosinen und Lkw gefragt“, so Schieritz weiter. Der technologische Fortschritt hat also an einer Stelle Arbeitsplätze vernichtet, an einer anderen dafür neue geschaffen. Ob das in Zukunft weiterhin so sein wird darf bezweifelt werden. Denn die rasante Entwicklung in der Computer- und Roboter-Forschung könnte den Menschen in vielen Bereichen bald überflüssig machen – mit gravierenden Folgen für das Lohnniveau. Die Maschinen der ersten Generation hatten einfache Jobs bedroht – in Fabriken, Büros und der Landwirtschaft. „Die Automatisierung einfacher Tätigkeiten hat ganz erheblich zur Stagnation der Löhnen in den mittleren und unteren Einkommensschichten beigtragen“, weiß Schieritz. Denn immer mehr leistungsfähige Computer haben Arbeitsplätze vernichtet. Dadurch ist die Konkurrenz um die verbliebenen Stellen größer geworden – und der Lohn deshalb gesunken. Die Maschinen der zweiten Generation bedrohen nun auch Arbeitsplätze, die bisher als sicher galten. „Analyseprogramme werden Juristen überflüssig machen, Tabellenkalkulationsprogramme die Aufgaben von Buchhaltern übernehmen“, so Schieritz. Studien besagen, dass in den kommenden 20 Jahren 51 Prozent aller derzeit in Deutschland existierenden Jobs durch die Automatisierung verloren gehen. Zwar wird es auch in Zukunft noch Tätigkeiten geben, bei der der Mensch unersetzlich ist – doch eine der größten Herausforderungen der Zukunft wird es sein, die Verteilung von Einkommen auch ohne Erwerbsarbeit zu regeln und so alle Bevölkerungsschichten an den Wohlstandszuwächsen zu beteiligen.

Umfrage: Sind Sie zufrieden mit dem was Sie verdienen?

Rundum glücklich

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Ich bin mit meinem Gehalt absolut glücklich. Klar ist der Job im Hotel manchmal anstrengend, doch das ist mir allemal lieber, als wenn es langweilig ist. Wir sind ein sehr kleines, bunt gemischtes Team hier und harmonieren wunderbar. Gerade wenn ich höre, was man anderswo in München verdient , kann ich wirklich nicht klagen. Mittlerweile habe ich eine Wohnung im Glockenbachviertel und kann mir zwei Wochen Spanien-Urlaub leisten. Ich bin also wirklich froh um meinen Beruf. 

Wolfgang Botz (31), Stellvertretender Hoteldirektor, München

Würde gerne mehr verdienen

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Obwohl mir mein Beruf unglaublich viel Spaß macht, würde ich mich mir schon wünschen, mehr zu verdienen. Als Gastronom steht man eben immer vor der Gefahr mit höheren Preisen die Kundschaft zu verlieren. Am meisten machen mir die hohen Unkosten, vor allem die Miete, zu schaffen. Ich arbeite die ganze Woche von früh bis spät. Das ist sehr anstrengend aber einen weiteren Angestellten kann ich mir momentan nicht leisten. Trotz allem bin ich aber froh, den Job zu haben, den ich habe.

Bhagwant Singh (50), Geschäftsführer und Koch, Gilching

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Geld ist nicht alles
Mit meinem kleinen Laden werde ich zwar kein reicher Mann mehr, doch das ist eh nichts, was ich anstrebe. Ich habe hier meinen Traumberuf. Außer, dass es manchemal etwas heiß hier drinnen ist, stört mich nichts. Am meisten Freude macht mir der Kontakt zu den Kunden. Es ist spannend, zu hören, was die verschiedensten Menschen zu erzählen haben. Nächsten Jahr wird mein Sohn das Geschäft übernehmen. Dann wird es in dritter Generation geführt. Doch wenn ich darf, werde ich immer wieder hier vorbeischauen.

Ivan Lipovcan (67), Einzelhandelskaufmann, Aubing

Erfahrung sollte honoriert werden
Ich bin schon zufrieden, mit dem was ich verdiene, aber es könnte auch gerne mehr sein. In

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meinem Unternehmen habe ich 1990 angefangen und bin immernoch dabei. Über die Jahre eignet man sich einfach eine gewissen Kompetenz und Erfahrung an. Ich finde, wenn man so lange mit Leib und Seele dabei ist, sollte das auch immer wieder honoriert werden. Klar müssen meine Familie und ich auf größere Anschaffungen sparen und denken auch schon an später aber mit dem Geld können wir schon wirklich gut leben.

Jörg Kästl (46), Krankenkassenfachwirt, Moosburg

Wir sind zufrieden

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Klar kann man immer mehr verdienen, aber für die Arbeit die wir machen, ist das Gehalt schon in Ordnung. Es reicht auf jeden Fall, um gut zu leben und eine eigene Wohnung zu finanzieren. Es ist halt auch schön, hier zu arbeiten. Im Team sind alle befreundet, wir lachen viel zusammen und gehen offen miteinander um. Unser Chef ist auch wirklich super und packt richtig mit an. Fünf Tage die Woche arbeiten wir hier in der Bäckerei und alles in allem sind wir sehr zufrieden.

Claudia Rubino (19) aus Moosach und Sissi Jovancovic-Kraus (21) aus Neuperlach, Bäckereiverkäuferinnen

Mir fehlt es an nichts

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Dadurch, dass ich so günstig wohne, reicht mir mein Gehalt komplett aus. Ich unterrichte drei Tage die Woche humanistische Lebenskunde an einer Grundschule. Mir gefällt die Arbeit, die Themen sind interssant und ich kann viel selbst bestimmen. Auch unser Arbeitsklima ist gut. Für die Arbeit kriege ich rund 1400 Euro pro Monat. Durch meinem Nebenjob an einer Universität kommt auch noch etwas dazu. Den mache ich aber weniger wegen dem Geld, sondern weil mir die Arbeit Spaß macht. Eigentlich fehlt es mir an nichts.

Katrin Dreier (36), Lehrerin, Berlin

Der Lohnklau

In seinem Buch Der Lohnklau (Droemer Knaur, 12,99 Euro) analysiert der Wirtschaftsjournalist der Zeit, Mark Schieritz, die Gründe dafür, warum die Lohnquote immer weiter zurückgeht.

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