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Jobs für ältere Menschen: Erfahrung ist Trumpf

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Von: Andreas Thieme

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Senioren vermitteln Senioren
Gerald Wilke bei der Arbeit mit dem Lötkolben © Jantz

München - Immer mehr Münchner arbeiten im Alter weiter - viele weil sie müssen, manche weil sie wollen. In München hilft die Initiative "Senioren vermitteln Senioren" den älteren Menschen, einen Job zu finden.

Rente mit 63? Oder 65? Oder 70? Oder gar nicht? Immer mehr Münchner arbeiten im Alter weiter, denn bei vielen Senioren reicht die Rente nicht für den Alltag – oder sie müssen etwas dazuverdienen, wenn sie verreisen oder ihre MVV-Monatskarte kaufen wollen. „Andere möchten arbeiten: Sie brauchen Tagesstruktur oder wünschen die Aktivität“, sagt Eva Dittrich (70) von der Münchner Initiative "Senioren vermitteln Senioren".

Mehr als 300.000 Senioren im Alter über 60 leben in München, viele kämpfen gegen Altersarmut. „Gerade der Lebensweg vieler Frauen hat es nicht zugelassen, dass sie durchgehend arbeiten konnten. Ihre Durchschnittsrente in Bayern liegt bei 550 Euro“, sagt Dittrich. Ihr Projekt, das das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales unterstützt, bietet eine wichtige Schnittstelle: zwischen Senioren, die arbeiten möchten, und Unternehmen, die flexible Unterstützung suchen. Davon profitieren beide: „Die Senioren bringen ihr Erfahrungswissen ein – das nutzen immer mehr Firmen und bieten eine vergütete Beschäftigung an.“ So können ehemalige Reisespezialisten auch im Alter noch sehr gut an einer Hotelrezeption arbeiten und EDV-Profis mit ihrem Fachwissen IT-Unternehmen unterstützen – ebenso sind Maurer bei Hausmeisterdiensten stark oder Krankenschwestern für die Hilfe im Haushalt. „Wir beraten Interessenten ausführlich und informieren in individuellen Gesprächen über Chancen und Beschäftigungsmöglichkeiten“, sagt Eva Dittrich, die auch in der Seniorenvertretung der Stadt tätig ist. Wer Interesse an einer Vermittlung hat, kann sich unter Telefon 54 85 11 12 kostenlos beraten lassen. Die Beratungsstelle befindet sich in der Schwanthalerstraße 18.

Die tz stellt vier Beispiele erfolgreicher Arbeit im Alter vor:

Techniker: "Geld kann man doch immer brauchen"

Klappe, die Zweite! Gerald Wilke (70) aus Sendling hat früher als Ingenieur in der Filmbranche gearbeitet. Er erzählt: „Zuletzt war ich Entwicklungsleiter bei Kinoton. Vor sechs Jahren bin ich in Rente gegangen. Ganz zur Ruhe setzen will ich mich aber nicht. Deshalb löte ich jeden Dienstag für die Firma Uwetronic in Unterhaching Stecker zusammen.“ Dabei hat er viel Spaß: Die Arbeit ist nicht zu anstrengend und schult die Koordination. Wilke: „Den Job habe ich über Senioren vermitteln Senioren gefunden. Meine Frau ist so bereits an eine Stelle im Kiosk des Wirtschaftsministeriums gekommen.“ Und: „,Zu Hause ist es mit der Zeit fad – und ein bisschen Geld kann man immer brauchen, dachte ich damals.“

Wilke bekommt zwar mehr als 2000 Euro Rente und lebt in einer Eigentumswohnung. Die private Krankenversicherung reißt aber jeden Monat ein Loch in die Kasse. Rund 550 Euro fallen allein für ihn an. Bei seiner Frau schluckt die Prämie fast die ganze Rente. Wilke: „Wir haben außerdem noch andere Ausgaben und unterstützen unsere Tochter im Studium.“

Der Werkstattleiter bei Uwetronic ist froh, dass er jemanden vom Fach gefunden hat. Wilke sagt: „Ich bin ein bisschen unterfordert, aber es macht Spaß. Und genug Freizeit habe ich immer noch. Dann gehe ich zum Beispiel ins Fitnessstudio.“

Soziales: Mit sozialem Einsatz zur Kreuzfahrt

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Arbeit, klar – aber auch Freundschaft: Waltraud Schmalzl und Jutta Kühnel. © Götzfried

Waltraud Schmalzl (66) aus Neuaubing hat sich im vergangenen Sommer bei Senioren vermitteln Senioren angemeldet. Sie erzählt: „Zuerst wurde mir eine Stelle im Büro angeboten, weil ich vor der Rente kaufmännische Angestellte beim ADAC war. Ich wollte aber nicht mehr am Computer arbeiten. Deshalb entschied ich mich für einen sozialen Job: Einmal in der Woche unternehme ich mit Jutta Kühnel (55) einen Ausflug.“ Die Dame leidet an Multipler Sklerose und sitzt im Rollstuhl. Waltraud Schmalzl sagt aber: „Ich bewundere ihre Lebensfreude. Wir sind schon gemeinsam über die Auer Dult und die Wiesn gebummelt, waren im Kino, im Möbelhaus und bei einer Vorstellung des Cirque du Soleil. Wir verstehen uns unheimlich gut und reden über Gott und die Welt. Manchmal helfe ich Jutta auch bei kleinen Büroarbeiten.“

Für die gemeinsame Zeit bezahlt Jutta Kühnel elf Euro pro Stunde. Sie bekommt das Geld wiederum als Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung vom Regierungsbezirk Oberbayern. Waltraud Schmalzl sagt: „Meine Rente ist zwar nicht niedrig, aber ich möchte mir von dem dazuverdienten Geld ein bisschen Luxus gönnen. Eine Freundin hat im vergangenen Jahr eine Kreuzfahrt gemacht. Darauf spare ich auch. Es ist toll, dass ich diese Arbeit gefunden habe.“

Im Büro: Die Rente war ihr zu langweilig

Anrufe annehmen, Kunden an Berater vermitteln, E-Mails und Faxe weiterleiten: Das sind seit November Barbara Gliesches (69) Aufgaben beim Kraftfahrer-Schutz e.V. (KS) und der Auxilia Rechtsschutz-Versicherung. Dort arbeitet die Büroangestellte fünf Tage pro Woche für fünf Stunden am Empfang und in der Telefonzentrale.

Die Münchnerin sagt: „Die Arbeit gefällt mir sehr gut. Es freut mich, wenn ich unseren Kunden weiterhelfen und ein angenehmes Telefonklima herstellen kann. Die Kollegen haben mich gut aufgenommen. Mein Alter hat nie eine Rolle gespielt.“

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Barbara Gliesche an ihrem Arbeitsplatz. © Kruse

Bevor sie bei KS/Auxilia angefangen hat, war Barbara Gliesche vier Jahre lang in Rente. „Aber“, so sagt sie: „Es war mir zu ruhig. Schließlich stand ich 49 Jahre lang im Berufsleben, habe Textilgeschäfte geleitet und arbeitete zuletzt im Sekretariat der Caritas-Geschäftsführung. Außerdem hätte ich mir nach so vielen Berufsjahren ein bisschen mehr Rente gewünscht.“

Die Jobsuche auf eigene Faust war schwer, aber mit der Hilfe von Senioren vermitteln Senioren hat Gliesche schnell das Richtige gefunden. Sie sagt: „Dafür bin ich Eva Dittrich sehr dankbar.“

Telefon-Job: Die Älteren sind Gold wert

Dieter Roth (45) ist Geschäftsführer der Combitel GmbH – hier arbeiten erfahrene Leute im Callcenter. Der Chef sagt:

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Dieter Roth und eine Mitarbeiterin im Büro. © Jantz

„Ich habe bei Combitel schon immer ältere Mitarbeiter eingestellt. Rund 15 Prozent unserer Angestellten sind über 50. Für sie ist die Arbeit im Callcenter ideal: Sie werden geistig gefordert, müssen sich aber nicht körperlich anstrengen. Im vergangenen Jahr wurde ich auf Senioren vermitteln Senioren aufmerksam. Über diese Gesellschaft konnte ich bereits einige neue Mitarbeiter gewinnen.“ Übrigens: Roth verwendet nie das Wort „Senioren“ – er spricht von „erfahrenen Mitarbeitern“. Und die helfen dem Unternehmen richtig weiter: „Im Gespräch mit Kunden profitieren sie von ihrer Lebenserfahrung. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Anrufe von Versicherungskunden entgegen zu nehmen und am Computer Daten zu verarbeiten. Vor allem ehemalige Vertriebler und Verkäuferinnen sind für uns Gold wert, weil sie mit Menschen umgehen können.“ Der älteste der rund 275 Mitarbeiter bei Combitel ist 73 Jahre alt, der jüngste grad mal 18.

B. Winterer, A. Thieme

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