Kalte Progression

Wann eine Lohnerhöhung wirklich mehr netto bringt

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Eine Gehaltserhöhung ist eine begehrte Anerkennung für den Arbeitnehmer. Doch sie ist nicht immer ein Grund zur Freude. Denn die kalte Progression frisst vielfach einen großen Teil davon weg.

Oftmals wird der gut gemeinte Zuschlag sogar zu einer zusätzlichen Belastung. Um die Folgen der Steuerprogression abzufedern, hat die Bundesregierung für die Jahre 2019 und 2020 diverse Maßnahmenpakete geschnürt. Wir haben uns die aktuelle Situation im Detail angesehen. Für wen sich eine Lohnerhöhung bezahlt macht, und wer sie besser ablehnen sollte.

Was ist die kalte Progression?

Das Problem ist bekannt. Der Arbeitnehmer freut sich über eine satte Gehaltserhöhung. Das Plus scheint auf den ersten Blick überaus attraktiv. Nach genauerer Begutachtung des Lohnzettels folgt jedoch häufig die Ernüchterung. Von der Gehaltserhöhung bleibt netto oftmals nur wenig über. Dieser Umstand ist der sogenannten kalten Progression geschuldet. Der Effekt tritt immer dann ein, wenn zwar das Einkommen an die Inflation angepasst wird, nicht aber die Steuerstufen. Die vermeintliche Einkommenssteigerung entpuppt sich nach Steuerabzug somit vielfach als Reallohnverlust, der nicht einmal die Inflationsrate ausgleicht. Berechnungen des Bundesfinanzministeriums gehen davon aus, dass die kalte Progression den Steuerzahler im Jahr 2018 3,3 Milliarden Euro kostete. Dabei steigt die durchschnittliche Belastung pro Jahr um mehr als 100 Euro an. Von der kalten Progression sind über 32 Millionen Steuerpflichtige betroffen. Besonders kleine und mittlere Einkommen leiden verhältnismäßig stark unter der heimlichen Steuererhöhung. Für Familien mit geringem Einkommen kommt erschwerend hinzu, dass durch die Gehaltserhöhung möglicherweise Sozialleistungen wegfallen. 

Für wen lohnt sich eine Gehaltserhöhung?

Wie hoch die Gehaltserhöhung ausfallen muss, um daraus einen Nutzen zu ziehen, lässt sich berechnen. Besonders bei kleineren und mittleren Einkommen steigen die Abgaben schnell an. Wir zeigen anhand beispielhafter Lebenssituationen, was eine Gehaltserhöhung wirklich bringt. 

Alleinstehender Geringverdiener

Es heißt immer, dass die kalte Progression Geringverdiener besonders trifft. Das stimmt jedoch nur bedingt. Denn bis zu einem jährlichen Brutto von ca. 18.400 gilt der niedrigste Steuersatz. Eine Gehaltserhöhung bei der das gesamte Brutto – also das bisherige Einkommen inklusive der Gehaltserhöhung - 18.400 nicht übersteigt, bleibt von der kalten Progression verschont.

Durchschnittlich verdienender Single

Ein Single mit einem aktuellen Gehalt von 30.000 Euro erhält eine Erhöhung von 1,8 %. Das Bruttoeinkommen steigt somit von 30.000 Euro auf 30.540 Euro. Das bisherige Nettoeinkommen beläuft sich auf 23.960,12 Euro. Nach der Gehaltserhöhung steigt das Gehalt auf 24.308,91 Euro. Das ist eine Nettogehaltssteigerung von 384,79 Euro beziehungsweise 1,456 %. Um die Inflation auszugleichen, hätte das Gehalt jedoch um 431,28 Euro netto steigen müssen, siehe Berechnung hier. Der Reallohnverlust beträgt trotz Gehaltserhöhung 82,49 Euro. 

Alleinerziehend mit Kind

Alleinerziehende mit Kind stehen finanziell oftmals vor besonderen Herausforderungen. Daher wurde der Grundfreibetrag für Singles im Jahr 2019 von 9.000 auf 9.168 Euro angehoben. Zusätzlich erhöht sich 2019 auch der Kinderfreibetrag von ehemals 18.000 auf 18.336 Euro. Nichtsdestotrotz sind für alleinerziehende Eltern Einnahmen über 12.000 Euro problematisch. Bei einem Einkommen bis zu 12.000 Euro beläuft sich die Belastung auf lediglich 80 %. Steigt das Gehalt auf über 12.000 Euro, erhöht sich diese auf 90 %. Ab einem jährlichen Einkommen von ca. 15.000 Euro muss zudem Lohnsteuer bezahlt werden, wodurch die Belastung auf 100 % ansteigt. Ab einem Einkommen von ca. 19.600 Euro entfällt auch der Kinderzuschlag. Die Grenzbelastung verringert sich erst wieder ab einem Jahreseinkommen von über 23.000 Euro, wobei eine Gehaltserhöhung an den Gehaltsschwellen sogar einen kurzfristigen Verlust bedeuten kann.

Steigt das Einkommen eines Alleinverdieners von 19.500 Euro auf 20.000 Euro an, erhöht sich der Steuersatz von 13,399 % auf 13,820 %. Das bisherige Nettoeinkommen vergrößert sich um 348,86 Euro von 16.877,11 Euro auf 17.235,97 Euro. Für den Ausgleich der Inflation hätte das Nettogehalt jedoch um 433 Euro steigen müssen. Somit fehlen zum Erhalt des bisherigen Lebensstandards 84,14 Euro, wobei zusätzlich noch der Kinderzuschlag wegfallen kann.

Verheiratete ohne Kinder mit geringem Einkommen

Für Paare mit einem geringen Einkommen ist eine Gehaltserhöhung oftmals ebenfalls problematisch. Dabei liegt die Grenzbelastung bis 12.000 Euro wiederum bei 80 % und steigt sukzessive an. Eine Gehaltserhöhung rentiert für sich für ein kinderloses Ehepaar mit einem Bruttojahresgehalt zwischen 14.000 Euro bis ungefähr 22.300 Euro daher überhaupt nicht. Erst ab diesem Betrag kann davon profitiert werden. So erleidet ein verheiratetes Paar, welches zusammen veranlagt wird, bei einer Gehaltssteigerung von 23.000 Euro auf 24.000 Euro dennoch einen Realeinkommensverlust. Das Nettogehalt steigt in diesem Fall von 22.173,78 Euro um 790,72 Euro an. Um die Inflation auszugleichen, wäre jedoch ein Nettolohnanstieg von 964,08 Euro notwendig gewesen. 

Doppelverdiener Paar ohne Kinder mit hohem Einkommen

Für Doppelverdiener ohne Kind rentiert sich eine Lohnerhöhung erst ab einem Bruttoeinkommen von etwa 25.200 Euro. Ab diesem Bereich bleibt die Grenzbelastung in einem Bereich von 36 % bis 51 %. Doppelverdiener, die ihr gemeinsames Bruttojahreseinkommen um 3.000 Euro auf 58.000 Euro steigern und eine gemeinsame Veranlagung durchführen, erleiden einen Reallohnverlust in der Höhe von 468,33 Euro. Ihr Realeinkommen schrumpft somit um 0,995 %. 

Familie mit Durchschnittseinkommen und 2 Kindern

Familien mit Kindern und geringem oder durchschnittlichem Gehalt profitieren vom Kinderfreibetrag, der 2019 auf 4.890 Euro angestiegen ist. Der Freibetrag fällt erst ab einem Bruttojahreseinkommen von 28.100 Euro weg. Bei einer Familie mit zwei erwerbstätigen Elternteilen und zwei Kindern liegt die Schwelle bei ungefähr 30.000 Euro. Wird dieser Grenzbetrag überschritten, muss jeder weitere Euro versteuert werden. 

Fazit

Eine Gehaltserhöhung lohnt sich unter dem Strich erst ab einem bestimmten Mindestbetrag. Singles die bis etwa 18.400 Euro brutto verdienen, bleiben von der kalten Progression komplett verschont. Danach steigt der Einkommensverlust bedingt durch höhere Steuersätze stark an. Doch je höher das gesamte Einkommen, desto mehr verliert die Progression an Bedeutung. Die steuerliche Belastung richtet sich dabei jedoch nicht nur nach der Höhe des Einkommens. Maßgeblich ist auch z.B. der Familienstand, das Bundesland, und ob der Arbeitnehmer Mitglied in der Kirche, und damit kirchensteuerpflichtig ist. Die Höhe des verbleibenden Nettogehalts richtet sich zudem auch nach den Abzügen durch Sozialabgaben. Hierzu zählen z.B. Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung, siehe Übersicht: vom Brutto zum Netto.

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