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Immer mehr Eltern lassen Kinder zurückstellen

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Von: Marc Kniepkamp

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Einschulung: In Bayern kommen zehn Prozent des Jahrgangs erst ein Jahr später in die Schule. © picture alliance / dpa

München - Immer mehr Kinder in Bayern werden erst ein Jahr später eingeschult. Wir haben mit Lehrerpräsident Klaus Wenzel über den Trend gesprochen.

Stichtag für Erstklässler ist eigentlich der 30. September – wer bis dahin sechs geworden ist, muss in die Grundschule. Doch laut Statistischem Landesamt wurden allein 2012 12.700 der schulpflichtigen Kinder zurückgestellt. Das sind 10,7 Prozent des Jahrgangs. 2004 waren es nur 3,6 Prozent. Kultusminister Spaenle wertet die Zahlen als positives Zeichen, die Behörden würden die Schulreife intensiver und individueller prüfen. Wir haben mit Lehrerpräsident Klaus Wenzel über den Trend gesprochen:

Die Zahl der Rückstellungen steigt kontinuierlich – woran liegt das?

Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verbands: Das hat mehrere Gründe. Zunächst hat die Grundschule immer weniger Möglichkeiten, sich tatsächlich als Bildungseinrichtung zu etablieren und es den Kindern zu ermöglichen, Kind zu sein und zu lernen in einem Prozess, in dem auch Fehler vorkommen dürfen. Die Grundschule war früher mehr eine Schule des Kindes für Kinder – heute ist sie eine Messstation, in der Kinder Punkte und Noten sammeln. Das zieht sich durch die gesamte Grundschulzeit und wird in der vierten Klasse noch mal richtig dramatisch – da folgen dann in wenigen Monaten 22 Tests. Das wollen viele Eltern ihren Kindern möglichst lange ersparen. Da geht es viel zu wenig um Bildung und viel zu sehr um die nötigen Punktzahlen für den Übertritt – da müssen wir in Deutschland schnell gegensteuern.

Welche weiteren Gründe sehen Sie?

Wenzel: Für viele Eltern spielt auch das weiterhin nicht zufriedenstellende Betreuungsangebot eine Rolle. Schule ist immer noch traditionell Halbtagsschule, und gerade in den Ballungsräumen ist es immer noch nicht garantiert, dass ein Kind, das in die Schule kommt, auch einen Nachmittagsplatz bekommt, wenn es einen braucht. Da lassen viele Eltern ihr Kind lieber noch ein Jahr im Kindergarten, wo sie eine zuverlässige Nachmittagsbetreuung haben. Und: Speziell bei den Buben kommt dazu, dass sich die zeitliche Situation durch den Wegfall der Wehrpflicht etwas entspannt hat. Deshalb sehen gerade die Eltern von Buben weniger Grund, Druck auf einen schnelleren Start in die Schule zu machen, weil dadurch ja schon mal ein Jahr später eingespart worden ist.

Warum wird die Grundschule nur noch als Messstation wahrgenommen?

Wenzel: Vor über zehn Jahren wurden massive Fehler gemacht, als Edmund Stoiber über Nacht das G8 eingeführt hat. Die Folge ist eine Verkürzung des Bildungsbegriffs, der sich durch alle Schularten zieht. In der Schule sollte es um Persönlichkeits- und Herzensbildung gehen, im Moment geht es aber nur noch darum, dass das Kind funktionieren muss. Es muss fragmentarische Wissensbestände kurzfristig abspeichern und wieder reproduzieren können. Dann darf es das auch wieder vergessen, wir haben also nicht mal eine Nachhaltigkeit in diesem System. Deshalb fordern wir so penetrant eine Bildungsreform: Die Lehrer müssen die Möglichkeit haben, mit jungen Menschen Bildungsprozesse zu durchlaufen und nicht bloß Paukprozesse.

Ist der Stichtag 30. September nicht zu spät?

Wenzel: Das entscheidende Problem liegt woanders. Die Grundschule muss sich wieder zu einer Bildungseinrichtung entwickeln, in der Kinder ernst genommen werden. Und: Wir reden so viel über Probleme beim Übertritt – und meinen damit den Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule. Es gibt aber weitere Übertrittsproblematiken, einmal die von der Familie in den Kindergarten und dann die vom Kindergarten in die Grundschule. An der Scharnierstelle von Kindergarten und Grundschule brauchen wir mehr Personal, das miteinander kooperiert. Wir bräuchten eine Lehrkraft, die primär dazu da ist, den Kontakt zum Kindergarten zu halten, damit die Hürde so weit wie möglich gesenkt wird. Vor zehn Jahren hatten wir einen Modellversuch, bei dem eine Grundschullehrerin das ganze Jahr über im Kindergarten beschäftigt war. Der Modellversuch ist sehr gut bewertet worden – leider hat man dann gemerkt, dass es recht teuer käme, würde man damit in die Fläche gehen.

Die meisten Kindergartenkinder freuen sich ja auf die Schule. Wie könnte man diese Freude länger bewahren?

Wenzel: Zunächst mal ein Appell an die Eltern: Bloß nicht am Ende der Kindergartenzeit, wenn mal etwas nicht so funktioniert, sagen: ,Warte nur, im September, da beginnt der Ernst des Lebens.’ Das mag noch so gut gemeint sein, aber es gibt viel zu viele Kinder, die schon vor der Einschulung vor diesem Ernst des Lebens Angst haben, anstatt sich auf den Spaß am Lernen zu freuen. Außerdem erleben Kinder zu selten, dass die Grundschule sie in den Mittelpunkt rückt und dass sie dort alle Fehler der Welt machen können, ohne gleich mit Sanktionen rechnen zu müssen. Denn die wirklich ertragreichen Lernprozesse laufen immer über Fehler und Umwege. Wenn das nicht möglich ist, kann es dazu kommen, dass Kinder schon an Weihnachten keine Lust mehr haben, in die Schule zu gehen. Es gibt viele positive Fälle, in denen das Ganze gut funktioniert – das liegt dann meist daran, dass die Kinder eine gute Beziehung zu der Lehrerin aufbauen konnten. Die Schulpolitik muss die Lehrer darin unterstützen, eine solche Beziehung zu den Schülern aufzubauen. Dafür wäre es nötig, dass mindestens in der Grundschule eine zweite pädagogische Kraft zur Verfügung steht.

Interview: Marc Kniepkamp

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