Die Kirche als Chef

Diese Sünden werden nicht verziehen

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Viele Kindergärtnerinnen sind bei der Kirche angestellt

München - Die christlichen Kirchen sind der zweitgrößte Arbeitgeber in der Bundesrepublik. Für die Angestellten gelten strenge Vorschriften. Wir erklären, welche Sünden hier nicht verziehen werden.

1,3 Millionen Menschen sind in ihren Kindertagesstätten, Schulen, Jugendzentren, Krankenhäusern beschäftigt. In den letzten Tagen kamen zwei katholische Kliniken in Köln in die Schlagzeilen, weil sie einem Vergewaltigungsopfer die Behandlung versagten – aus Furcht vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Das ist nur ein Aspekt der ganz besonderen und zum Teil bizarren Regeln, denen das Personal Gottes unterworfen ist – obwohl die Einrichtungen meist fast zu 100 Prozent von der öffentlichen Hand bezahlt werden.

Religionszugehörigkeit und moralischer Lebenswandel gehören zu den Einstellungsvoraussetzungen. Auch verdiente Beschäftigte müssen mit der Entlassung rechnen, wenn sie sich danach versündigen, etwa durch Scheidung, Wiederverheiratung oder gar das Bekenntnis zur Homosexualität.

Über Kündigungen aus solcherlei Gründen kann Christoph Kappes, Pressesprecher der Erzdiözese München und Freising keine Zahlen vorlegen. Insgesamt beschäftigt die Diözese von Erzbischof Reinhard Marx 16 000 Mitarbeiter, von Priestern und Diakonen über die Lehrkräfte in den 22 Schulen und Erzieherinnen ind den 465 Kinderbetreuungseinrichtungen bis zu den Angestellten im Ordinariat selbst. Krankenhäuser unterstehen den verschiedenen Orden direkt.

Kündigungswellen bei den kirchlichen Einrichtungen gebe es nicht, sagt der zuständige Beauftragte bei der Gewerkschaft Verdi, Robert Jung, und er fügt trocken hinzu: „Die Kirche schaut schon, dass solche Leute gar nicht eingestellt werden.“ Außer bei akutem Personalmangel würden nur Menschen des passenden Glaubens eingestellt. Seiner Erfahrung nach wird auch oft über „Verfehlungen wie Scheidung“ hinweggesehen. Eines geht aber weder bei der katholischen noch bei der evangelischen Kirche: Das ist der Austritt. „Je näher am Ordinariat, je näher an der Verkündigung, desto strenger werden die Regeln gehandhabt“ , so Jung.

Und diese arbeitsrechtlichen Regelungen für Mitarbeiter der Kirchen und kirchennaher Organisationen unterscheiden sich erheblich von denen für sonstige Arbeitnehmer. Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können ein eigenständiges Arbeitsrecht erlassen – gegen das die Gewerkschaften ankämpfen. Der örtliche Verdi-Chef Heinrich Birner hat zusammen mit den Mitstreitern im Arbeitskreis kritische Sozialarbeit von den Münchner Stadtratsfraktionen gefordert, die Finanzierung kirchlicher Einrichtungen durch Steuergeld an Bedingungen zu knüpfen: „Bei den Einstellungen nicht zu diskriminieren, das bedeutet, dass bei Stellenausschreibungen auf die Anforderung der Angehörigkeit zu einer christlichen Kirche verzichtet wird... Darüber hinaus verzichten kirchliche Arbeitgeber verbindlich auf das Recht einer diskriminierenden Kündigung aufgrund einer von der kirchenlichen Ethik abweichenden Lebensform.“

Diese Sünden werden nicht verziehen

Auch treue Anhänger der katholischen Kirche äußern in diesen Tagen offen Kritik. Ein wichtiges Thema in der aktuellen Diskussion ist die fehlende Aufarbeitung und Transparenz im Umgang mit den Missbrauchsfällen. Aber auch darüber hinaus gibt es Gründe, die Kirche weltfremd und reaktionär zu finden. Einige der enttäuschten Schäfchen haben beruflich schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Von Toleranz, Milde oder Nächstenliebe haben sie wenig gespürt. Einige Fälle:

Im Sommer letzten Jahres sollte die Ulmer Erzieherin Tanja Junginger (35) an einem römisch-katholischen Kindergarten in Neu-Ulm eine Stelle antreten. Sie las, „dass mein außerdienstliches Verhalten nicht im Widerspruch zu den Bestimmungen des kirchlichen Dienstes stehen darf“. Sie wollte nicht lügen und informierte die Kindergartenleiterin: „Ich bin lesbisch.“ Gemeindepfarrer Markus Mattes habe ihre homosexuelle Lebensweise als unnatürlich bezeichnet, erzählt Junginger. „Das war so demütigend.“ Wegen Personalnotstands kam eine befristete Anstellung doch zustande, sie wird aber nicht verlängert.

Ulrich Hemel, Theologe und Ex-Topmanager, sollte 2008 Präsident der Katholischen Uni Eichstätt werden. Aufgrund von Bedenken ließ allerdings die Bestätigung durch den Vatikan – das „nihil obstat“ – auf sich warten und wurde letztlich gar nicht erteilt. Die Vermutung war, dass Hemels Lebensstil den Glaubenswächtern in Rom missfiel. Er lebte in dritter Ehe und übte Kritik an der katholischen Kirche. Das Bewerbungsverfahren musste neu aufgerollt werden.

In Königswinter (NRW) entließ die katholische Kirche Bernadette Knecht, die Leiterin des Kindergartens. Die 47-Jährige hatte sich von ihrem Ehemann getrennt und war später zu ihrem neuen Lebensgefährten gezogen. Damit verstieß die beliebte Pädagogin gegen die Gebote der Kirche. Die Eltern kämpften so lange um ihren Verbleib im Kindergarten, bis die Stadt der katholischen Kirche den Kindergarten entzog und ihn an die evangelische Kirche weitergab.

Im Sauerland konnte die Erzieherin Christiane Gierse nicht die angestrebte Stelle in einem katholischen Kindergarten antreten, weil sie 24 Jahre vorher einen geschiedenen Mann geheiratet hatte! Acht Jahre hatte sie im Pfarrgemeinderat mitgearbeitet, Kommunionkinder und Firmlinge begleitet, sogar die Kirche geputzt. Ihr bitterer Kommentar: „Missbrauch verjährt, Scheidung nicht.“

Ein aktuelles Urteil des Arbeitsgerichts Aachen (Az.: 2 Ca 4226/11) besagt, dass eine Jobabsage wegen fehlender Religionszugehörigkeit unzulässig sei. In dem Fall hatte sich ein Mann als Intensivpfleger bei einem Krankenhaus beworben, das von der katholischen Kirche getragen wird. Die Klinik lehnte die Bewerbung ab, der Mann klagte. Die Richter gaben ihm recht. Die Religionsgemeinschaft dürfe sich nicht auf ihren verfassungsrechtlichen Sonderstatus berufen, wenn sie nur auf die formelle Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft abstelle. Nach ihren eigenen Vorgaben dürfe sie nur bei der Besetzung von Stellen im pastoralen, katechetischen sowie im erzieherischen Bereich und bei leitenden Aufgaben die Mitgliedschaft in der Kirche verlangen. Bei allen übrigen Stellen reiche es aus, dass der Bewerber fachlich geeignet ist, die übertragenen Aufgaben gewissenhaft erfüllt.

Barbara Wimmer

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