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Unsere Klasse-Gesellschaft

Warum das Arbeiterkind schlechtere Bildungschancen hat

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Die soziale Herkunft eines Kindes entscheidet hierzulande noch zu oft über seine Bildungschancen.

München - Trotz der "leichten Verbesserung" im Bildungsbericht der Bundesregierung gibt es weiterhin seine starke soziale Ungleichheit bei der Bildungsbeteiligung. Buchautor Marco Maurer erklärt im tz-Interview, wo im System die Probleme liegen.

Die Zukunft hängt von der Herkunft ab! Auch wenn der aktuelle Bildungsbericht der Bundesregierung eine „leichte Verbesserung“ im Vergleich zu den Daten von 2012 feststellt – in Deutschland bleibt eine „starke soziale Ungleichheit bei der Bildungsbeteiligung“ bestehen. Das heißt, hierzulande studieren weit mehr Akademikerkinder als Kinder von Eltern, die nicht studiert haben. Das kritisiert der Autor und Journalist Marco Maurer in seinem Buch "Du bleibst, was du bist" (DroemerKnauer, 15,99 Euro). Für seine Recherche traf er Bildungsaufsteiger wie den Grünen-Chef Cem Özdemir oder den Bahnchef Rüdiger Grube. Im tz-Interview spricht Maurer über die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems und erklärt, wo die Fehler bei Politik und Gesellschaft liegen.

Wie sind Sie auf das Thema Bildungsungerechtigkeit gekommen?

Marco Maurer: Ich hatte als Journalist mit einer Studie zur Bildungsungerechtigkeit in Deutschland zu tun, in der es hieß, dass rund 80 Prozent der Akademikerkinder später selbst studieren, bei den „Arbeiterkindern“ aber nur etwa20 Prozent. Das hat mich an meine eigene Schullaufbahn erinnert. Mir war nie bewusst, was mir damals passiert ist.

Was ist da vorgefallen?

Maurer: Ich bin der Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers. Als es in der sechsten Klasse darum ging, ob ich auf der Hauptschule bleiben oder die Aufnahmeprüfung an der Realschule machen sollte, sagte mein Lehrer zu meiner Mutter: „Ach, das hat doch gar keinen Wert bei ihm.“ Solche Sätze verunsichern Kinder in diesem Alter – ich hab mich damals wie ein beschränktes, unnützes Kind ohne Zukunft gefühlt. Leider bekommen Kinder auch heute noch solche Sätze zu hören – oder einfach eine Hauptschulempfehlung.

Bekommen Arbeiterkinder eher eine solche Empfehlung als die Sprösslinge von Akademikern?

Maurer: Ja, die Kinder der Supermarktkassiererin werden eher auf die Hauptschule geschickt als die von Akademikern. Das liegt an Vorurteilen von Lehrern, aber auch daran, dass Akademiker eher darauf achten und darum kämpfen, dass ihre Kinder aufs Gymnasium kommen. Arbeiter mit Volksschulabschluss trauen sich dagegen häufig nicht, dem Lehrer mit Universitätsabschluss zu widersprechen. Für die Kinder ist das ein einschneidendes Erlebnis.

Wann setzt diese Trennung ihrer Ansicht nach ein?

Maurer: Viele sagen, das beginnt ab der Geburt. Die Eltern geben ihren Bildungshintergrund ja auch an die Kinder weiter. Und im schlimmsten Fall muss die Supermarktkassiererin mit dem Volksschulabschluss so viel arbeiten, dass sie kaum zu Hause ist und sich kaum um die Schullaufbahn ihrer Kinder kümmern kann. Auch Kindern von Migranten wird es zu schwer gemacht. Aber auch nach dem Abitur gibt es Hürden – etwa schlecht oder unbezahlte Praktika, die kann sich nicht jeder leisten.

Müssen die Kinder schon nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Schulformen aufgeteilt werden?

Maurer: Nein, das ist doch ein Wahnsinn. Die Kinder sind zu diesem Zeitpunkt – das belegen viele Studien – längst nicht so weit. Wir sehen in Skandinavien, dass es anders geht, aber auch in Deutschland gibt es Schulen, die erst ab der neunten Klasse die Kinder auf unterschiedliche Zweige verteilen – nur leider kaum in Bayern. In den gemeinsamen Jahren haben die Kinder viel mehr Zeit, sich zu entwickeln. Bei vielen Kindern kommt der Antrieb, zu lernen erst in der sechsten oder siebten Klasse, so war das bei mir – wer dann aber schon auf der Hauptschule ist, findet kaum mehr heraus. Gelingt es doch, wie bei mir, hat es viel mit Zufällen zu tun.

Was bedeutet diese frühe Trennung für die Gesellschaft? 

Maurer: Spätestens nach der vierten Klasse spalten sich hierzulande die Milieus auf. Mit dieser Einteilung in Gymnasiasten, Realschüler und Hauptschüler vermittelt man den Kindern ja auch ein bestimmtes Weltbild – in dem eben nicht jedem Kind alle Möglichkeiten offenstehen. Für mich waren damals als Realschüler etwa die Hauptschüler „Asis“, die Gymnasiasten „Snobs“. Dieses Gesellschaftsbild tragen ja leider viele Erwachsene heute noch mit sich herum.

Geht Finnland als leuchtendes Beispiel durch?

Maurer: Das wird immer wieder – mit Blick auf die hervorragenden Pisa-Ergebnisse – behauptet, deshalb bin ich nach Finnland geflogen – mit dem festen Vorsatz, nicht alles gut zu finden. Die allgemeine Lobhudelei hatte mich genervt. Dann hat es aber nur einen Tag gebraucht, damit ich auch von dem überzeugt war, was die Schulen dort machen. Die gemeinsame Schulzeit beträgt neun Jahre – da begegnen sich die Milieus eine lange Zeit. Das Schulessen ist gratis, ebenso wie die Schulhefte. An der Schule, die ich besucht habe, saßen zwei bis drei Lehrer in einer Klasse, eine Schulpsychologin, eine Krankenschwester, und an der Schule mit 600 Schülern gibt es drei Sozialpädagogen. In Deutschland ist das unvorstellbar! Bei uns kommt ein Sozialpädagoge auf 10 000 Schüler. Ich hab den Schulleiter gefragt, wie sich die Finnen das alles leisten können. Der sagte mir: „Marco, unsere Politiker wollen das.“

Fehlt der Politik in Deutschland also der Wille?

Maurer: Offenbar. Eigentlich müssten unsere Politiker, egal ob links oder konservativ, doch das Interesse haben, etwas im Land voranzubringen. Stattdessen stehen kurzfristige parteipolitische Spielchen im Vordergrund. Menschen werden weiterhin ausgegrenzt hierzulande. Die Zahlen sind seit Jahrzehnten stabil. Aber es ist nicht nur die Politik. Ich habe etwa auch mit Ole von Beust gesprochen. Er versuchte in Hamburg 2010 eine Schulreform nach finnischem Vorbild zu gestalten, eine längere gemeinsame Schulzeit etwa – und das als CDU-Politiker! Er scheiterte aber am bürgerlichen Establishment, das Angst hatte, dass seine Kinder verwahrlosen unter all den „Bildungsfernen“. Diese Mittel- bis Oberschicht hat Angst vor dem sozialen Abstieg und drückt mit allen Kräften nach unten. Ole von Beust sagte mir, wenn wir weiterhin so viele Menschen von chancengerechter Teilhabe an unserer Gesellschaft ausschließen, dann „knallt bald der Laden“. Ich teile leider seinen Eindruck, bei uns resignieren die Ausgeschlossen „lediglich“: Von Wahl zu Wahl gibt es immer mehr Nichtwähler unter ihnen. In Frankreich reagieren sie dagegen mit Frust und Gewalt, es werden etwa seit Jahren Bibliotheken angezündet – die Unterprivilegierten schlagen dort zurück.

Muss eigentlich jeder Akademiker werden?

Maurer: Nein, bitte nicht! Wer eine handwerkliche Ader und dazu eine Begabung hat, soll Handwerker werden – und wer Neuropsychologe werden will, soll das tun. Nur sollte das nicht davon abhängen, ob der Vater Akademiker oder Handwerker ist. Diese milieuspezifischen Dynamiken prägen ein Kind. Es muss also nicht jeder Akademiker werden, aber wer den Traum und die Begabung hat, sollte die Chance dazu haben. Und da gilt in Deutschland leider weniger die Leistung als die Herkunft.

Was sagen uns die Beispiele von Arbeiterkindern, die es geschafft haben?

Maurer: Die Wissenschaft sieht sie als absolute Ausnahme. Andererseits werden diejenigen, die es geschafft haben, ins Schaufenster gestellt nach dem Motto: „Seht her, der Aufstieg ist möglich.“ Wenn man aber mit solchen Menschen, wie etwa Außenminister Frank-Walter Steinmeier, spricht, dann merkt man, wie schwer es diese Leute hatten, das zu werden, was sie sind. Bahnchef Grube etwa hat mir erzählt, dass er nach Abitur und Studium in einen Erschöpfungszustand geraten ist, weil dieser Weg – auch gegen Widerstände in der eigenen Familie – einfach sehr viel Kraft gekostet hat. Die meisten Arbeiterkinder scheuen ihn deshalb. Aber: Wer es geschafft hat, hat oftmals einen anderen Blick auf die Welt als die Kollegen in den Chefetagen aus akademischen Familien. Leider fehlt dieser aber zu oft.

Interview: Marc Kniepkamp

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