100 neue Schulen in fünf Jahren

Neugründungen: Privatschulen in Bayern boomen

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Papierlose Schule: Das Privat-Internat Schloss Neubeuern arbeitet nur mit Laptops.

Garmisch-Partenkirchen - In keinem Bundesland gibt's mehr Privatschulen als in Bayern. Allein in den vergangenen fünf Jahren gab es mehr als 100 Neugründungen. Was steckt hinter diesem Trend?

Private FOS in Garmisch-Partenkirchen

Seit zwei Wochen erst ist Garmisch-Partenkirchen stolzer Standort einer Fachoberschule. Während der Freistaat wegen angeblich zu geringer Schülerzahl stets abwinkte, wenn die Marktgemeinde sich nach den Chancen für eine FOS erkundigte, nutzte das Erzbistum München und Freising geschickt eine Nische: Es gründete im Schulzentrum St. Irmengard eine FOS. 28 Mädchen lernen jetzt „Sozialwesen“ sowie „Wirtschaft und Verwaltung“. Die Schülerzahl sei „höher als erwartet“, sagt Schulleiter Otmar Würl. Die Kirche habe ein Potenzial geweckt. Manche Schülerin, so Würl, wäre sonst wohl ins Berufsleben abgewandert – sie habe der weite Schulweg zur nächsten FOS in Weilheim abgeschreckt.

Durchschnittlich 150 Euro Schulgeld pro Monat

Bildungsmesse:

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Garmisch-Partenkirchen ist kein Einzelfall: Zwischen 2007 und 2012 sind nach Angaben des Kultusministeriums 116 neue Privatschulen gegründet worden – zum Beispiel in Ingolstadt (Tilly-Realschule), Nürnberg (Jenaplan- Gymnasium) oder auch in München (Isar-FOS). Mitunter wird auch eine Neugründung in den Sand gesetzt, etwa die Jenaplan-Schule in München, die Ende 2012 aufgab. Oder die private Schweinfurter FOS, bei der ein kompletter Abiturjahrgang durchfiel. Doch das sind Einzelfälle. In summa steigt die Zahl der Privatschulen und -schüler nach wie vor leicht an, sagt Erwin Haydn vom Verband Bayerischer Privatschulen. Das ist umso erstaunlicher, da die Privatschulen einen langen Atem brauchen. Der Staat genehmigt sie zwar. Die ersten Absolventen-Jahrgänge müssen aber extern, an einer staatlichen Schule, geprüft werden. Erst später erfolgt die staatliche Anerkennung, dann fließen auch staatliche Zuschüsse und die Prüfungen dürfen im Haus stattfinden. Die insgesamt 1285 Privatschulen wurden 2012 von 208 000 Schülern besucht. Das ist jeder siebte Schüler. Im Schnitt zahlt jeder 150 Euro Schulgeld im Monat, bei den Kirchen kann das auch weniger sein, bei manchen Exklusiv-Schulen in München deutlich mehr. Manchmal gibt es Stipendien.

Gefragt: Ganztags-Betrieb, Bilingualität, Digitalisierung

Gefragt sind vor allem Ganztags-Betrieb und Bilingualität. Es gibt Privatschulen in München, die schon für Grundschul-Kinder beides anbieten. Beispiel: die Comenius-Grundschule in München-Obermenzing, laut Eigenwerbung eine „bilinguale Grundschule mit europäischer Ausrichtung und Muttersprachenförderung“. Ähnlich die Phorms-Schule in Bogenhausen sowie die Isar-Schulen – „wir unterrichten seit 20 Jahren ab der 1. Klasse auch in Englisch“, sagt Schulgründer Gustav Huber. Auch bei der Digitalisierung seien Privatschulen der staatlichen Konkurrenz teils weit voraus. Eine weitere Nische: das Europäische Abitur („Baccalaureate“) – eine aufwändige Zusatzprüfung, die staatliche Schulen nicht anbieten, die aber Voraussetzung für ein Auslands-Studium sein kann. „Es wächst das Bedürfnis nach individuell zugeschnittenen Angeboten“, sagt Max Schmidt, Chef des Bayerischen Philologenverbands.

Benimmkurs an kirchlicher FOS

Speziell die kirchlichen Schulen setzen dabei auf ein Mehr an Pädagogik. „Unser Anliegen ist es nicht, Marktanteile zu erobern“, sagt Sandra Krump, die beim Erzbistum das Schul-Referat leitet Und dann redet sie über die Notwendigkeit von innovativen Ansätzen – was dazu geführt hat, dass die Garmisch- Partenkirchner ihre neuen FOS-Schülerinnen erst einmal zu einem Benimmkurs verpflichtet hat. An einer staatlichen FOS wäre das zumindest sehr ungewöhnlich.

Dirk Walter

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