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Längere Arbeitszeiten

Rund um die Uhr schuften?

München - Obwohl Arbeitsabläufe automatisiert worden sind, klagen Arbeitnehmer über immer höhere Arbeitszeiten. Warum das so ist, erklärt Arbeitsmarktforscherin Dr. Claudia Bogedan im tz-Interview.

Heute gibt es mehr Roboter, mehr Automaten – und trotzdem klagen Arbeitnehmer, dass sie immer mehr arbeiten müssen. Wie passt das zusammen?

Dr. Claudia Bogedan, Arbeitsmarktforscherin, Böckler-Stiftung: In den Betrieben gibt es gleichzeitig die Entwicklung, dass die gleiche Arbeit auf immer weniger Köpfe verteilt wird und dadurch eine starke Arbeitsverdichtung entsteht. Das produziert Stress. Aber auch das kurze Gespräch auf dem Flur findet kaum mehr statt, das früher zur Erholung beigetragen hat – aber auch für informelle betriebliche Abläufe wichtig war. Die Zeit, die den Arbeitnehmern hier fehlt, fehlt auch bei der Kreativität – und das müssen die Unternehmen künstlich ausgleichen, indem sie beispielsweise Manager zu Seminaren in die Natur hinaus schicken oder Ähnliches.

Die 30-bis40-Jährigen zerreißen sich zwischen Beruf und Familie, die über 50-Jährigen werden oft gegen ihren Willen als überflüssig aussortiert. Muss die Lebensarbeitszeit neu organisiert werden?

Bogedan: Es geht darum, nicht mehr in den engen Wochenarbeitszeiten zu denken, sondern wir müssen schauen: Wie kann ich die Arbeit so über meinen ganzen Lebenslauf verteilen, dass die Arbeit mich nicht krank macht, dass mir Zeit bleibt zum Erholen, aber auch Zeit bleibt für Kindererziehung oder pflegebedürftige Angehörige. Dazukommt, dass die Politik zwar seit Jahren lebenslanges Lernen fordert, aber in der Arbeitswelt faktisch kaum Möglichkeiten bestehen, zum Beispiel mit Mitte 30 für drei Jahre auszusteigen, um noch einen Master auf den Bachelor-Abschluss draufzusetzen.

Wie könnte man Flexibilität praktisch herstellen?

Bogedan: In Deutschland bleiben die Menschen immer noch sehr lange, oft lebenslang bei einem Arbeitgeber, sodass Lebensarbeitszeitkonten gut umsetzbar sind. Große Firmen im Metallbereich haben Korridore festgelegt, sodass man zum Beispiel im Sommer 30 Stunden arbeiten kann, im Winter dafür 40 Stunden. Auch für längere Phasen, etwa zur Pflege der Eltern, kann man dann ohne Gehaltsverlust, die Arbeitszeit runterschrauben.

Glauben Sie, dass sich die Arbeitswelt tatsächlich hin zu flexiblen Lebensarbeitszeitphasen verändern wird?

Bogedan: Davon bin ich ganz fest überzeugt. Gerade in Branchen wie Pflege oder Gesundheitsversorgung, wo es immer schwerer wird, Fachkräfte zu finden, müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Sonst findet man niemanden mehr, der diese Tätigkeiten ausüben wird. Wir erleben generell einen gesellschaftlichen Wandel: Die Leute wollen schlicht nicht mehr rund um die Uhr arbeiten. Für mehr Freizeit verzichten sie lieber auf das Zweitauto oder den Dritturlaub.

Sind das vor allem die Jüngeren, die Berufsanfänger, die mehr Wert auf Freizeit legen?

Bogedan: Ja, die Generation, die mit der Angst vor Arbeitslosigkeit in den neunziger Jahren großgeworden ist, ist eher bereit, alles hinzunehmen, Hauptsache man hat Arbeit. Die Berufseinsteiger jetzt kommen in einer vergleichsweisen komfortablen konjunkturellen Situation in den Arbeitsmarkt und haben entsprechend bessere Möglichkeiten, gute Arbeitsbedingungen auszuhandeln.

Wie sieht es mit Arbeit am Wochenende und nach Feierabend aus? Macht ein Gesetz gegen E-Mails nach Feierabend Sinn, wie es Ministerin Nahles derzeit prüft?

Bogedan: Die Frage ist, machen Gesetze hier überhaupt Sinn. Grundsätzlich braucht es Spielregeln darüber, wann ich für den Betrieb zur Verfügung stehen muss. Wenn klar ist, dass es keinen Druck gibt, E-Mails nach 18 Uhr zu erledigen, reicht eine tarifliche Vereinbarung. Die E-Mails nach Feierabend können Sinn machen, wenn das Unternehmen im Gegenzug dafür beispielsweise Behördengänge während der Arbeitszeit erlaubt.

Droht eine neue Zweiklassengesellschaft – der Bosch-Manager mit Viertagewoche auf der einen, die Putzfrau mit zwei Jobs und Sechstagewoche auf der anderen Seite?

Bogedan: Wer Zeit hat, hat Wohlstand, das war schon immer so in der kapitalistischen Gesellschaft. Die Frage, wie viel Zeit reicht, um den Lebenserhalt zu erwirtschaften, ist eine Kernfrage der gewerkschaftlichen Forderungen gewesen und wird es bleiben.

Interview: Klaus Rimpel

Rubriklistenbild: © dpa

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