1. tz
  2. Leben
  3. Karriere
  4. Schule

Stadtkinder kennen die Tiere nicht mehr

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Praktische Bildung im Pferdestall: Giesinger Grundschüler füttern ein Pferd, streicheln dem Tier staunend über die Stirn © Heussler/ Hallo München

München - Sie können Schafe und Ziegen nicht unterschieden, manche halten Kühe sogar für Lamas: Viele Stadtkinder kennen die Tiere nicht mehr.

Vorsichtig nähern sich die Kinder dem großen Kopf, der sich ihnen aus einer Box entgegenstreckt. „Ich dachte, die sind viel kleiner“, flüstert Zoe (8). „Uiii, hat das eine lange Zunge“, staunt Klassenkameradin Melanie. Das Lebewesen, das derartig Aufsehen erregt, ist ein ganz normales Pferd – das erste, das die Giesinger Kinder in ihrem Leben leibhaftig sehen.

null
Expertin Jutta Thomas (51) © privat

Knapp 10 000 Münchner Schüler hat die Diplom-Agraringenieurin Jutta Thomas (51) schon im Auftrag des Schulreferates hierher zum Gut Riem gebracht. Das Engagement der Freiberuflerin entstand aus dem Wunsch heraus, das was, sie liebt, den Kleinen näherzubringen: die Natur. Schnell merkte sie: Ihre Arbeit ist dringend von nöten! „Die Entfernung der heutigen Kinder zur Natur ist riesig. Von einer Schulklasse kennt für gewöhnlich nur ein einziges Kind einen Fenchel. Gelbe Zucchini halten sie für Bananen, und für die Hälfte der Kinder sind Schafe und Ziegen ein und dasselbe Tier. Es gab schon Kinder, die die Kühe für Lamas gehalten haben – das kann doch nicht sein.“ Ein Trend, dem mittlerweile auch schon Kindergärten versuchen, entgegenzuwirken: Der Universitätskindergarten etwa organisiert eigens Familienwochenenden auf dem Bauernhof.

Von den 25 Kindern der Klasse 2b der Grundschule an der St.-Martin-Straße, die heute auf Gut Riem sind, haben laut der lokalen Wochenzeitung Hallo München sieben Kinder zuvor noch nie ein Pferd zu Gesicht bekommen. Neun Kinder kannten keine Kuh, viele wussten nicht, wie ein Schaf in Natura aussieht. „Das sind eben typische Stadtkinder“, meint Lehrer Anselm Dietrich. Vielleicht drei oder vier Kinder seien schon mal auf dem Bauernhof gewesen.

„Was ist denn der Unterschied zwischen Kaninchen und Hasen?“, fragt Agraringenieurin Thomas die Kinder. „Kaninchen sind Jungs und Hasen Mädchen?“, so die vorsichtige Antwort eines Zweitklässlers. „Nein, Kaninchen sind Gruppentiere, Hasen Einzelgänger“, klärt Thomas auf. Die Projektleiterin lächelt – nach elf Jahren Arbeit mit Stadtkindern schockt sie nichts mehr.

„Wenn ich sehe, wie wissbegierig die Kinder sind und wie leicht sie zu begeistern sind, entlohnt mich das.“ Das etwas in der Freizeitgestaltung der Münchner Grundschüler schief laufen muss, merkt sie etwa, wenn sie mit ihnen auf den Acker geht.

„Die hacken drauf los, das ist eine wahre Freude. Die haben so viel Energie, die sie loswerden müssen. Und nach der getanen Arbeit sind sie mächtig stolz: Kinder erschaffen ja heute kaum mehr etwas.“

Der letzte Höhepunkt für heute: Schafe füttern. „Das kitzelt so schön.“ Nur wird das freudige Gequietsche bald so groß, das die fünf scheuen Tiere die Flucht ergreifen. Lehrer Thomas sieht’s pragmatisch: „Auch das müssen Kinder lernen.“

heu/ nba

Auch interessant

Kommentare