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Wie viel Arbeit nehmen Sie mit heim?

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München - Raus ausm Büro – aber den Kopf noch immer voller Arbeit. Die tz hat Menschen gefragt: Wie viel Arbeit nehmen Sie mit heim? Eine Expertin warnt vor Burnout-Gefahr.

Der Siegeszug der Smartphones hat unsere Arbeitswelt komplett umgekrempelt. Abends auf der Couch noch dienstliche Mails beantworten? Logo. Im Restaurant noch schnell für die Firma telefonieren? Klar doch, alles möglich. Aber auch alles gut? Nicht zwingend. Wer sich zu viel reinhängt, kann sich selber kaputtmachen oder zumindest seine Leistungsfähigkeit schwächen.

Einige Unternehmen steuern schon dagegen und wollen ihren Mitarbeitern eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Privatleben bieten. So gibt es für BMW-Mitarbeiter jetzt zum Beispiel ein offizielles Recht auf Unerreichbarkeit!

Ganz konkret heißt das: Die Mitarbeiter können mit ihrem Vorgesetzten eine Zeit vereinbaren, in der sie nicht beruflich kontaktiert werden wollen. Sprecher Jochen Frey (43) sagt: „Das haben wir schon länger so gehandhabt, aber im Januar haben wir es offiziell gemacht.“ Per Betriebsvereinbarung, Schwarz auf Weiß. Frey: „Die Vorteile des mobilen Arbeitens und der flexiblen Arbeitszeiten sollen erhalten bleiben, aber der Flexibilität werden Grenzen gesetzt!“ Also: Weniger Stress, stabilere Gesundheit, mehr Leistungsfähigkeit.

Bei Siemens gibt es keine derartige Vereinbarung. „Es wird aber ähnlich gehandhabt“, sagt Sprecher Michael Friedrich (39). Die Mitarbeiter sollen selbst entscheiden, wann sie das Handy ausschalten – immer unter der Maßgabe, genügend Auszeiten zu nehmen.

Auch beim Neubiberger Chip-Riesen Infineon weiß man, dass die Mitarbeiter Ruhe-Inseln brauchen. „Für uns ist die Vereinbarkeit von Arbeit- und Privatleben sehr wichtig“, sagt Sprecher Fabian Schiffer (48). Grundsätzlich ist deshalb niemand (bis auf den Bereitschaftsdienst) verpflichtet, außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein.

S. Kerschbaumer

Feierabend ist Feierabend

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© Bodmer

Meine Mitarbeiter in der Rechtsanwaltskanzlei müssen nach Feierabend nicht mehr erreichbar sein. Es gibt ja Wichtigeres als den Job. Man kann meiner Meinung nach nicht verlangen, dass sie ständig für den Job im Einsatz sind – man soll ja die Freizeit auch genießen können, seinen Hobbys nachgehen oder Ausflüge unternehmen. Jedenfalls einfach mal nicht an die Arbeit denken. Ich glaube, dass Mitarbeiter produktiver sind, wenn sie genügend Freizeit haben.

Walter Fallak (55), Rechtsanwalt, ­Wiesbaden

Träume und Ziele?

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© Jantz

Es kommt darauf an, ob man die Träume und Ziele mit dem Beruf verbindet. Bei mir ist das der Fall. Ich finde, dass jeder das Recht hat selbst zu entscheiden, wann er arbeitet. Ich persönlich arbeite zum Beispiel abends viel besser. Ich komme lieber erst um zehn Uhr ins Büro und schreibe am Abend dafür noch ein paar E-Mails.

Eva Akulova (27), Managerin bei Microsoft, mit ihrem Sohn Lev (2)

Unerreichbarkeit finde ich toll!

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© Jantz

Ich finde die Regelung der Unerreichbarkeit super! In meinem Job ist das leider nicht immer möglich. Ich bin sehr oft unterwegs und kann durch die neuen ­Techniken auch fast immer kontaktiert werden. Manchmal fehlt mir die Zeit, in der ich einfach abschalten kann. Die muss ich mir dann einfach selbst schaffen – was ich auch mache!

Sacha Müller (42), Galerie-Geschäftsführer, Konstanz

Die Seele leidet

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© Reinhard Kurzendörfer

Bei uns in der Firma gibt es auch das Recht auf Unerreichbarkeit – und ich begrüße das sehr. Ich bin von der alten Schule und will nach ­Feierabend auch meine Ruhe haben. Die Stellung der neuen Medien in der Gesellschaft sehe ich sehr kritisch. Überall kann man E-Mails ­beantworten und ins Internet zugreifen. Die ständige Erreichbarkeit wirkt sich nicht gut auf die ­Seele aus.

Arthur Tuschak (62), Kaufmann, München

Manchmal führt’s bis zum Burnout

Immer erreichbar, immer an den Job denken: Wie wirkt sich das auf die Seele aus? Wir haben nachgefragt bei PD Dr. Susanne Karch. Sie ist Psychotherapeutin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU.

Was bewirkt die dauernde Erreichbarkeit?

Dr. Susanne Karch: Für manche Menschen wirkt sich das Gefühl, immer erreichbar zu sein, negativ auf die Psyche aus. Es kann zu einem erhöhtem Stressfaktor und zu psychischem Druck werden.

Was sind die Folgen?

Karch: Diese Belastung kann sich bis zum Burnout oder zu einer depressiven Erkrankung entwickeln.

Gibt es Gruppen von Menschen, die besonders anfällig sind?

Karch: Ja. Besonders anfällig sind Menschen, die sich sehr stark mit der Arbeit identifizieren – wo die Erwartungen an die eigene Leistung sehr hoch sind, aber nicht immer erfüllt werden. Wir reden von Menschen, die in ihrer Freizeit nie richtig von der Arbeit abschalten können.

Wie kann sich das äußern?

Karch: Zum Beispiel in einem Gefühl der Ausgebranntheit, Energielosigkeit, Ratlosigkeit. Die Leistungsfähigkeit sinkt, gleichzeitig wird der Betroffene immer unzufriedener mit sich selbst.

Führt dauernde Erreichbarkeit immer zu medizinsichen Problemen?

Karch: Nein, das kann man so nicht sagen.

ske

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